28.10.2016

„Volk“ versus Demokratie



Tagungstelegramm: Antipluralismus und völkisches Denken in der gesellschaftlichen Mitte der Weimarer Republik

Ohne einen Grundkonsens über gemeinsame Werte und ohne die Akzeptanz unterschiedlicher politischer Meinungen kann keine parlamentarische Demokratie existieren – das gilt für die Bundesrepublik heute wie auch für die Weimarer Republik. Jedoch zeigt der Blick auf die erste deutsche Demokratie, dass selbst innerhalb der republiktragenden Parteien und im Bildungsbürgertum antipluralistische und völkische Ideen auf Zustimmung stießen. Thomas Vordermayer (LMU München) und Jörn Retterath (Historisches Kolleg, München) haben am Montag, 24. Oktober 2016, im IfZ München ihre beiden neuen Studien „Bildungsbürgertum und völkische Ideologie. Konstitution und gesellschaftliche Tiefenwirkung eines Netzwerks völkischer Autoren (1919-1959)“ und „‘Was ist das Volk?‘ Volks- und Gesellschaftskonzepte der politischen Mitte in Deutschland 1917-1924“ vorgestellt.


Nach einer kurzen Einführung von Elke Seefried, der Zweiten Stellvertretenden Direktorin des IfZ, die die aktuelle Bedeutung der Debatte um den Begriff „Volk“ hervorhob und einen kurzen Überblick zum Forschungsstand gab, ergriff zunächst Jörn Retterath das Wort. In seinem Vortrag ging er auf die unterschiedlichen Bedeutungsebenen des Begriffs ein, derer sich diejenigen, die ihn verwendeten, häufig nicht bewusst gewesen seien: Das „Volk“ konnte sowohl als „plebs“, also als untere, minderbemittelte Schicht in Abgrenzung zu den Herrschenden, als „ethnos“ – und somit als Gemeinschaft von Menschen gleicher Kultur, Sprache, Religion, Tradition, Herkunft oder Rasse – oder aber als „demos“, eine Gemeinschaft, die auf dem Bekenntnis eines jeden Einzelnen zu ebenjener, verstanden werden. Retterath betonte, dass der „Volks“begriff im Untersuchungszeitraum seiner Studie (1917-1924) von unterschiedlichen politischen Seiten strukturell zunehmend weniger als pluralistische gedacht und artikuliert wurde. Der jungen Republik habe es am „Bewusstsein für die essenzielle Bedeutung von Pluralismus in der Demokratie“ gemangelt, so Retterath.

Im Anschluss stellte Thomas Vordermayer die drei völkischen Autoren im Zentrum seiner Studie – Hans Grimm, Erwin Guido Kolbenheyer und Wilhelm Stapel – kurz vor, von denen der historisch interessierten Öffentlichkeit heute wohl nur noch Hans Grimm durch seinen Bestseller „Volk ohne Raum“ ein Begriff ist. Den bewusst gemäßigt auftretenden, inhaltlich aber nicht minder entschieden der völkischen Ideologie verpflichteten Autoren sei es gelungen, so Vordermayer, „weit über das rechtsradikale Vereins- und Verbandsleben hinaus“ bildungsbürgerliche Bevölkerungsgruppen anzusprechen und ideologisch zu beeinflussen.


Axel Schildt von der Forschungsstelle für Zeitgeschichte an der Universität Hamburg kommentierte die Vorträge und hob die Bedeutung der beiden Studien weit über ihren Untersuchungszeitraum in der Weimarer Republik hinaus hervor: Bereits 1989 habe der Begriff „Volk“ eine zentrale Wende herbeigerufen, als die Demonstranten statt „Wir sind das Volk“ plötzlich „Wir sind ein Volk“ riefen. Heute werde das Wort von Politikern und Politikerinnen wieder neu belebt und gedeutet: Schildt nannte die Beispiele Frauke Petry (AfD), die in einem Interview verlauten ließ, den Begriff „völkisch“ wieder positiver besetzt sehen zu wollen, und Bettina Kudla (CDU), die jüngst im Hinblick auf den Zuzug von Geflüchteten nach Deutschland von einer „Umvolkung“ sprach – ein Begriff, der Schildt zufolge dem Schriftsteller und „Ideologen der heutigen Rechten“, Akif Pirinҫci, entlehnt sei.

Moderiert von Elke Seefried diskutierten die beiden Autoren und Axel Schildt über die Bedeutung des Ersten Weltkriegs – und hier insbesondere des sogenannten „August“-Erlebnisses – für die „völkische“ Bewegung und über die Möglichkeiten und Grenzen der historischen Analogiebildung. Die Podiumsrunde war sich darin einig, dass Parallelen zur Gegenwart feststellbar seien: Retterath wies darauf hin, dass das Verständnis für das politische Geschehen in weiten Teilen der Bevölkerung schwach ausgeprägt sei; Vordermayer nannte die strukturelle Tendenz zur „Anti-Bewegung“, die kein einheitliches positives Ziel benennen könne; Schildt erkannte eine rhetorische Wende, in der „holistische Phrasen“ wieder akzeptiert würden. Die Diskutanten waren sich jedoch auch einig, dass historische Analogiebildung ihre Grenzen haben müsse, um eine Simplifizierung der jeweiligen Probleme zu vermeiden.

 

 




© Institut für Zeitgeschichte