20.03.2017

Habilitation



Bernhard Gotto, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte, hat sich an der Ludwig-Maximilians-Universität München mit der Studie „Enttäuschung in der Demokratie. Eine Erfahrungsgeschichte der Demokratie in der Bundesrepublik Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren“ habilitiert. Entstanden ist seine Studie in der Leibniz Graduate School „Enttäuschung im 20. Jahrhundert. Utopieverlust – Verweigerung Neuverhandlung“.

 

 

Enttäuschung gilt mittlerweile als globale Bedrohung für die Stabilität von demokratisch verfassten Gesellschaften, insbesondere in den „reifen“ Demokratien des Westens. Nicht wenige Beobachter konstatieren, dass Massenproteste, Wählerabstinenz und populistischer Strömungen eine systemimmanente Schwäche von Demokratien aufzeigten, nachhaltige politische Zufriedenheit hervorzubringen. Demgegenüber nutzt die Studie von Bernhard Gotto Enttäuschung erstmals als historisch tiefenscharfes analytisches Konzept. Es begreift Enttäuschungsäußerungen als Reflex gesellschaftlicher Selbstverständigungsprozesse und historisch kontigente Erscheinung der politischen Kultur. In diesem Sinne erlangte Enttäuschung im Untersuchungszeitraum besondere Signifikanz, da sich in dieser Zeit die Erwartungen politischer Teilhabe und damit das Verständnis von Demokratie in der Bundesrepublik fundamental wandelten. Im Fokus stehen daher die Folgen von Enttäuschung für die Akzeptanz demokratisch legitimierter Herrschaft: Wie wirkte sich Scheitern auf die Bereitschaft zur politischen Teilhabe aus, und welche Konsequenzen zogen Enttäuschungserfahrungen für die soziale und kulturelle Integration der Akteure nach sich? Diesen Fragen geht die Studie auf drei komplementär aufeinander bezogenen Untersuchungsfeldern nach: die Reform der Mitbestimmung in Großunternehmen während der Amtszeit der sozial-liberalen Bundesregierung, die Neue Frauenbewegung und die Einkommensteuerreform der christlich-liberalen Koalition während der 1980er Jahre.

 

Die Ergebnisse zeigen keine Indizien für einen mentalitätsgeschichtlichen Einschnitt Mitte der 1970er Jahre, wie die Zeitgeschichtsforschung seit einigen Jahren annimmt. Die Erwartungen und Erfahrungen der in dieser Studie untersuchten Akteursgruppen zeigen vielmehr ein komplexes Nebeneinander von Hoffnungen und Enttäuschungen. Ein vielfältiges Spektrum von Bewältigungsstrategien half dabei, negative Erfahrungen einzuordnen und dabei am politischen Engagement festzuhalten. Sie reichten von Entemotionalisierung über Erwartungsmanagement und bis zu aktiver Gefühlsarbeit. Trotz aller Vielschichtigkeit und Ambivalenzen, die hinsichtlich der Bewältigung und der Folgen von Enttäuschung zu Tage treten, war dieses Gefühl im Untersuchungszeitraum nie eine ernsthafte Gefahr für die bundesdeutsche Demokratie. Dies lag nicht zuletzt daran, dass sich Enttäuschungen zumeist auf einen konkreten Auslöser bezogen. Auch wenn es dabei um Form und Ausmaß demokratischer Mitsprache ging, so blieben Aushandlungsmodi und Bewältigungsformen der Enttäuschung immer im Rahmen demokratisch akzeptierter Verfahren. Und schließlich waren es die Bewältigungsformen Neuverhandlung und Utopieverlust, die dafür sorgten, dass Enttäuschung in der Demokratie einen breiten Resonanzraum hatte. Dies war eine grundlegende Voraussetzung dafür, dass daraus keine grundsätzliche Enttäuschung über die Demokratie wurde.

 

Bernhard Gotto wurde 2004 an der Universität Augsburg mit einer Studie über nationalsozialistische Kommunalpolitik promoviert, bevor er an das Institut für Zeitgeschichte wechselte. Seine Forschungsschwerpunkte umfassen die Gesellschafts- und Kulturgeschichte der NS-Diktatur, die Geschichte der Neuen Sozialen Bewegungen, Verwaltungsgeschichte, Emotionsgeschichte Geschlechtergeschichte und Demokratiegeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Gegenwärtig leitet er das Forschungsprojekt „Demokratische Kultur und NS-Vergangenheit. Politik, Personal, Prägungen in Bayern 1945-1975“.




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