Im Laboratorium der Marktwirtschaft

Zur Geschichte der Treuhandanstalt 1989/90 bis 1994

 

Die Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft nach 1990 hat die Eigentums- und Produktionsverhältnisse auf dem Gebiet der ehemaligen DDR radikal verändert. Die dabei erfolgte Veräußerung von öffentlichem beziehungsweise staatlichem Eigentum ist beispiellos in der Geschichte moderner Industriegesellschaften. Die Transformation von der Planwirtschaft sozialistischen Typs zur sozialen Marktwirtschaft begann vor dem Hintergrund des Zusammenbruchs der DDR und der Herstellung der deutschen Einheit. Die Treuhandanstalt – von DDR-Bürgerrechtlern ursprünglich zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums ins Leben gerufen – nahm dabei eine wichtige Rolle ein, denn sie wurde ab dem 1. März 1990 Eigentümerin der volkseigenen Betriebe und damit verantwortlich für rund vier Millionen Beschäftigte. Mit dem Inkrafttreten der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 wurden die ostdeutschen Betriebe schlagartig den Weltmarktbedingungen ausgesetzt. Unmittelbar nach der Währungsumstellung drohte etwa 7.600 Unternehmen die akute Zahlungsunfähigkeit. Da die Betriebsumsätze auf dem ostdeutschen und osteuropäischen Markt dramatisch einbrachen und die Betriebserlöse immer weniger kostendeckend waren, entwickelte sich aus dem Liquiditätsproblem rasch ein Rentabilitätsproblem, das die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in den neuen Bundesländern maßgeblich geprägt hat.


Bei der Bewältigung der sozioökonomischen Folgelasten der Privatisierung in den ostdeutschen Bundesländern stand die Treuhandanstalt schon bald im Kreuzfeuer der Kritik. So wurde ihr unter anderem vorgeworfen, sie habe Volksvermögen verschleudert, Steuergelder in Milliardenhöhe verschwendet und den Kollaps der Industrie in der ehemaligen DDR beschleunigt; die wirtschaftliche Not der Menschen wegen der Arbeitslosigkeit sei im Wesentlichen auf die Tätigkeit der Treuhandanstalt zurückzuführen. Damit wurde der Treuhandanstalt die Hauptverantwortung für die Deindustrialisierung des Landes und für die Verschlechterung der sozialen und wirtschaftlichen Lage vieler Menschen zugeschoben. Mit anderen Worten: Die Treuhandanstalt stand letztlich sinnbildlich für den Rückgang von Produktivität und Beschäftigung und die gesellschaftlichen Verwerfungen in Ostdeutschland. Die Fokussierung auf die Treuhandanstalt und die Kritik an ihrer Privatisierungspolitik hält bis heute nahezu ungebrochen an. Der ökonomische Umbruch war jedoch von einer „doppelten Transformation“ geprägt, in der sich einigungsbedingte Probleme und globale Veränderungen des Wirtschafts- und Finanzsystems überlagerten und gegenseitig verschärften. Die Einführung der Marktwirtschaft in Ostdeutschland erfolgte nicht nur nach westdeutschem Vorbild, sondern auch unter den Bedingungen einer immer stärker weltweit vernetzten Wirtschaft, die ihrerseits den Westen unter Reformdruck setzte. Die Vorstellung einer nachholenden Modernisierung in den ostdeutschen Bundesländern nach 1990 greift insofern zu kurz, als sich die Bundesrepublik als Zielgröße selbst veränderte.


Zur Geschichte der Treuhandanstalt und zur Privatisierung der ostdeutschen Wirtschaft liegen inzwischen viele Bücher vor, allerdings vornehmlich aus der Feder von Journalisten und Publizisten. Demgegenüber gibt es mehr als 25 Jahre nach der Wiedervereinigung nur einige wenige wissenschaftliche Darstellungen des Aufbaus Ost, die auch die Tätigkeit der Treuhandanstalt einschließen. Keine davon kann sich freilich auf Primärquellen stützen.

Das Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte soll erstmals auf breiter Quellengrundlage Struktur und Arbeitsweise der Treuhandanstalt untersuchen und ihre Stellung im politischen Kräftefeld der Bundesrepublik sowie ihren Aktionsradius vor Ort näher bestimmen. Auf diese Weise soll die Frage nach dem historischen Ort der Treuhandanstalt im vereinigten Deutschland wissenschaftlich fundiert und empirisch abgesichert beantwortet werden. Darüber hinaus gilt es, die Treuhandanstalt als Instrument zur Lösung ökonomischer Probleme in den Blick zu nehmen. Schließlich sind die Folgen und Wirkungen der Privatisierungspolitik zu analysieren. Das Projekt bedient sich dabei aus dem breiten Methodenarsenal der Politik-, Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte.  Mit dem Projekt soll die Debatte über den historischen Ort der Treuhandanstalt auf eine neue Grundlage gestellt werden: Ziel ist eine nüchterne Bestandsaufnahme. Dabei ist nicht daran gedacht, gewissermaßen handbuchartig alle Arbeitsfelder der Treuhandanstalt gleichermaßen abzudecken. Vielmehr werden anhand ausgewählter, zentraler Themenfelder Struktur und Arbeitsweise der Behörde exemplarisch untersucht.

Das Projekt besteht aus vier komplementär aufeinander bezogenen Teilen:

1. Die Treuhandanstalt im politisch-parlamentarischen Raum und die ordnungspolitischen Vorstellungen

a) Vom Hoffnungsträger zum Prügelknaben. Die Treuhandanstalt zwischen wirtschaftlichen Erwartungen und politischen Zwängen 1989-1994 (Bearbeiter: Andreas Malycha)


b) Die Privatisierungspolitik der Treuhandanstalt: Zwischen Ordnungspolitik und Pragmatismus (Bearbeiterin: Katja Fuder)

c) Communists into Capitalists: Die Genese des ostdeutschen Unternehmertums nach der Wiedervereinigung (Bearbeiter: Max Trecker)

2. Die Privatisierungspolitik in der Region

a) Die Strategien der Treuhandanstalt/Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben zur Privatisierung der chemischen Industrie und Mineralölindustrie 1990–2000 (Bearbeiter: Rainer Karlsch)

b) Die Transformation der ostdeutschen Werftindustrie im Spannungsfeld von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft (Bearbeiterin: Eva Lütkemeyer)

c) Akteursstrukturen und Privatisierungspraxis in der Transformation: Die Arbeit der Treuhandanstalt im Land Brandenburg 1990–1994 (Bearbeiter: Wolf-Rüdiger Knoll)

3. Gesellschaftliche Folgen und Debatten

a) Arbeitslosigkeit und Arbeitsmarktpolitik beim Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft und die Rolle der Treuhandanstalt 1988–1998 (Bearbeiter und Projektleiter: Dierk Hoffmann)

b) Zwischen Konfrontation und Kooperation: Die Treuhandanstalt, die Gewerkschaften und die Transformation Ostdeutschlands 1990-1994 (Bearbeiter: Christian Rau)

4. Internationale Dimensionen der Privatisierungspolitik

a) Die internationalen Verkaufsstrategien der Treuhandanstalt, dargestellt an Beispielen aus Sachsen (Bearbeiter: Keith R. Allen)

 

b) Von Solidarność zur Schocktherapie: Ökonomisches Denken und Systemtransformation in Polen 1975-1995 (Bearbeiter: Florian Peters)

b) Privatisierung in der Tschechoslowakei/Tschechischen Republik in den 1990er Jahren (Bearbeiterin: Eva Schäffler)

 

 

Bildnachweis:

  • Titelbild: Das Industriegebiet Leuna in Sachsen-Anhalt / BArch, B 145 Bild-F089027-0026 / Joachim F. Thurn
  • Bild 1: Demonstration von IG Metall, Betriebsräten und Belegschaftsmitgliedern am Stahl-Standort Unterwellenborn / BArch, Bild 183-1990-1219-006 / Klaus Franke
  • Bild 2: Produktion von Spiegelreflexkameras im VEB Pentacon Dresden / BArch, Bild 183-T0829-423 / Hubert Link
  • Bild 3: Arbeiter an der Rostocker Neptun-Werft / BArch, Bild 183-1983-0527-014 / Jürgen Sindermann


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