Raul Hilberg und die Holocaust-Historiographie

Internationale Konferenz in Berlin (18. - 20. Oktober 2017)

 

Raul Hilberg war einer der ersten Wissenschaftler weltweit, der sich konkret mit der Entwicklung des nationalsozialistischen Genozids an den Juden Europas und den verantwortlichen Tätern beschäftigte. Seine Werke "The Destruction of the European Jews" und "Perpetrators Victims Bystanders" gelten als Meilensteine der Holocaust-Forschung. Anlässlich seines 10. Todestags befasste sich vom 18. bis 20. Oktober eine internationale Konferenz in Berlin mit Leben, Werk und Wirkung von Raul Hilberg. Mitveranstalter war das Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte.

 

Frank Bajohrs Panel bei der Konferenz Raul Hilberg und die Holocaust-HistoriographieProminent besetzt mit großen Namen aus der deutschen und internationalen Holocaust-Forschung fragte die Konferenz nach der Genese und den Grenzen von Hilbergs Werk und den Impulsen, die er für die Holocaustforschung gab und immer noch gibt. Als Kooperationspartner fungierten neben dem Zentrum für Holocaust-Studien am IfZ das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, die Friedrich-Ebert-Stiftung, das Fritz-Bauer-Institut, das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts, die S. Fischer Stiftung Berlin, das Carolyn and Leonard Miller Center for Holocaust Studies der University of Vermont, das Jack, Joseph and Morton Mandel Center for Advanced Holocaust Studies am United States Holocaust Memorial Museum und dem Touro College Berlin.

Eine zentrale Fragestellung der Konferenz galt der schwierigen Publikationsgeschichte von Hilbergs Monumentalwerk "The Destruction of the European Jews", das bis heute als Standardwerk der Holocaust-Forschung gilt und von seinem Autor bereits 1955 in der Erstfassung fertiggestellt worden war. Dauerte es bereits in den USA mehrere Jahre, bis das Buch 1961 erschien, wurde eine deutsche Übersetzung erst 1982, also mehr als 20 Jahre später veröffentlicht. In anderen Ländern, darunter Frankreich, Spanien und Israel dauerte der Prozess noch länger. Der Berliner Historiker Götz Aly warf in einem Vortrag insbesondere dem Institut für Zeitgeschichte vor, in der Vergangenheit die Veröffentlichung einer deutschen Übersetzung durch zwei wissenschaftliche Gutachten ausgebremst zu haben. Aly bezog sich dabei auf ein bereits seit einigen Jahren bekanntes und nur unvollständig erhaltenes Gutachten aus den 1960er Jahren, das sich zwar positiv über das Hilberg-Buch äußert, eine deutsche Übersetzung aber nicht empfiehlt (Originaltext des Gutachtens hier). Auch ein Gutachten von 1980 sprach sich gegen eine Übersetzung aus (Originaltext des Gutachtens hier). Der Stellvertretende Direktor des IfZ, Magnus Brechtken, rückte die Enthüllungsrhetorik, mit der Aly seinen bereits im Vorfeld über mehrere Medien lancierten Vortrag garniert hatte, zurecht: Selbstverständlich sei Aufklärung geboten, warum eine Übersetzung von Hilbergs Arbeiten wiederholt auf Widerstände gestoßen sei. Dafür sei eine präzise Quellenauswertung und Kontextualisierung notwendig. Das IfZ setze auf völlige Transparenz.

Andrea Löws Panel bei der Konferenz Raul Hilberg und die Holocaust-HistoriographieSchon 2015 hatten Frank Bajohr und Andrea Löw vom Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in ihrem Sammelband "Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung" die distanzierte Resonanz in Wissenschaft und Verlagen gegenüber Hilbergs Buch herausgearbeitet und dabei auch auf das IfZ-Gutachten aus den 1960er Jahren verwiesen. Wie der weitere Verlauf der Tagung deutlich machte, blieb die Erforschung des Holocaust im Zeitgeist der Nachkriegsjahre für die Geschichtswissenschaft lange ein blinder Fleck. Man meinte zu wissen, ohne, wie es Hilberg getan hatte, präzise nach Tätern zu forschen und diese auch zu benennen.

Zum produktiven Verlauf der Tagung trugen auch zahlreiche Vorträge von IfZ-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei: Magnus Brechtken referierte über "Raul Hilberg, Christopher Browning und die Holocaust-Konferenzen von San Jose bis Stuttgart", Andrea Löw trug über "Raul Hilbergs Bewertung der Judenräte im Lichte der neueren Forschung" vor. Susanne Heim, Mitherausgeberin der großen Edition "Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden" beleuchtete das Thema "Raul Hilberg und die Dokumente der Täter". Frank Bajohr, Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am IfZ moderierte das Panel zu Hilbergs frühen Jahren und bestritt gemeinsam mit Christopher Browning, Norbert Frei, Saul Friedländer und Elisabeth Gallas die Abschlussdiskussion.

Ein ausführlicher Tagungsbericht folgt, das komplette Programm der Tagung finden Sie hier.


Liberalismus und Nationalsozialismus - eine Beziehungsgeschichte

Konferenz in München (14./15. September 2017)

 

Das Institut für Zeitgeschichte München-Berlin und sein Zentrum für Holocaust-Studien sowie die Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus veranstalteten am 14. und 15. September 2017 am IfZ München das Theodor-Heuss-Kolloquium 2017 zum Thema "Liberalismus und Nationalsozialismus - eine Beziehungsgeschichte". Das regelmäßig stattfindende Kolloquium setzt sich mit jeweils unterschiedlichen Aspekten der Geschichte des Liberalismus im 20. Jahrhundert auseinander.

 

Elke Seefried, Zweite Stellvertretende Direktorin des IfZ, verwies zu Beginn der Tagung auf die Tatsache, dass das Verhältnis von Liberalismus und Nationalsozialismus wesentlich differenzierter sei, als es gemeinhin dargestellt wird. Wenngleich sich Liberalismus und Nationalsozialismus ideologisch deutlich voneinander abgrenzen, habe es immer wieder auch ideelle Schnittmengen, Parallelitäten und Kontinuitäten gegeben. Das Kolloquium, das von Frank Bajohr, Johannes Hürter und Elke Seefried vom Institut für Zeitgeschichte sowie Ernst Wolfgang Becker von der Theodor-Heuss-Stiftung geleitet wurde, spürte diesem ambivalenten Verhältnis in vier Sektionen mit unterschiedlichen Schwerpunkten nach. Dabei wurde deutlich, dass gerade die biografische Annäherung dienlich sein kann, um den Abgrenzungen aber auch Schnittmengen von Liberalismus und Nationalsozialismus nachzugehen. Die Lebenswege von Männern wie Wilhelm Stapel, Werner Stephan, Otto Geßler, Ernst Jäckh oder Gustav Stolper zeigten nicht nur das große Spektrum möglicher Reaktionen von liberaler Seite auf den Nationalsozialismus - von opportunistischer Annäherung, überzeugter Hinwendung, bewusstem Ignorieren bis überzeugtem Widerstand. Sie machten vielmehr auch deutlich, wie vielfältig das Angebot bei der Definition des Liberalismus-Begriffs ist.


Die angeregten Diskussionen während der Panels und insbesondere die Abschlussdiskussion belegten dabei die von Elke Seefried zu Beginn des Kolloquiums geäußerte These, dass sich über die Sonde des Nationalsozialismus tatsächlich neue Fragen, Ansätze und Zugänge für die Liberalismusforschung erschließen lassen.

Am Donnerstag, 14. September, wurde die Tagung durch einen Abendvortrag von Jörn Leonhard (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br.) ergänzt: Unter dem Titel "Bürgerliche Moderne im Zeitalter der Extreme" referierte der aktuelle Forschungsstipendiat des Instituts für Zeitgeschichte am Historischen Kolleg über den europäischen Liberalismus nach 1918. Das Ende des Ersten Weltkriegs, Revolutionen, neue Ordnungsversprechen und Staatsbildungen verbanden sich zu einem einzigartigen Umbruch, was auch für die Liberalen in den europäischen Gesellschaften einen tiefen Einschnitt bedeutete. Leonhard ging den Fragen nach, welche Konsequenzen diese Krisensituation für den Liberalismus hatte, welche Rolle längerfristige Kontinuitäten und neue programmatische Akzentuierungen spielten und wo sich Berührungspunkte zu konkurrierenden Ideologien ergaben.

 

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Dark Tourism Sites related to the Holocaust, the Nazi Past and World War II

Internationale Konferenz in Glasgow (28. Juni - 1. Juli 2017)

 

"Am Ende kommen Touristen" ist der Titel eines preisgekrönten deutschen Spielfilms aus dem Jahr 2007. Er beschreibt die Annäherung eines jungen deutschen Zivildienstleistenden und eines polnischen Konzentrationslager-Überlebenden im internationalen Begegnungszentrum der Gedenkstätte Auschwitz, die unter den schwierigen Bedingungen des Massentourismus stattfindet. Die Orte des Holocaust, ehemalige Konzentrationslager, Gedenkstätten, Dokumentationszentren und Museen sind längst zu beliebten Zielen touristischer Reisen geworden. Die Bereitschaft, sich mit Massenmord und Massensterben auseinanderzusetzen, hängt auch davon ab, wie diese Geschichte präsentiert und erzählt wird.

 

Die internationale Konferenz in Glasgow widmete sich vom 28. Juni bis 1. Juli 2017 dem "Dark Tourism" an Stätten des Holocaust, der nationalsozialistischen Vergangenheit und dem Zweiten Weltkrieg. Sie richtete sich an Tourismusforscher, Historikerinnen und Historiker sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Gedenkstätten. Veranstalter waren das Zentrum für Holocaust-Studien und die Dokumentation Obersalzberg als Fachabteilungen des Instituts für Zeitgeschichte zusammen mit dem Moffat Centre for Travel and Tourism Business Development von der Glasgow Caledonian University und dem Jack, Joseph and Morton Mandel Center for Advanced Holocaust Studies am United States Holocaust Memorial Museum.

 

Der Leiter des Zentrums Frank Bajohr hielt zusammen mit Axel Drecoll von der Dokumentation Obersalzberg einen Einführungsvortrag über touristische Erwartungen, Vergangenheitsbilder und widersprüchliche Erinnerungen. Die MitarbeiterInnen Gaelle Fisher und Christian Schmittwilken sprachen über "vergessene" Orte des Holocausts in der früheren Sowjetunion. 

 

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Right-Wing Politics and the Rise of Antisemitism in Europe 1935–1941

Internationale Konferenz in München (18. - 20. Februar 2016)

 

Antisemitismus breitete sich in den 1930er-Jahren nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern aus. Unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise waren in den meisten europäischen Ländern autoritäre, rechtspopulistische und faschistische Bewegungen an die Macht gekommen, die einen scharfen antijüdischen Kurs verfolgten. Diese Entwicklung kulminierte 1938 in ersten anti-jüdischen Gesetzen außerhalb Deutschlands – in Italien, Rumänien und Ungarn. Antisemitische Organisationen erhielten in ganz Europa regen Zulauf, und antijüdische Gewaltaktionen nahmen vor allem nach 1935 drastisch zu.

 

Diesen Entwicklungen im europäischen Kontext widmete sich eine internationale Konferenz, die vom 18. bis 20. Februar 2016 am Institut für Zeitgeschichte in München stattfand. Organisiert durch Frank Bajohr (Zentrum für Holocaust Studien am IfZ), Dieter Pohl (Alpen-Adria Universität Klagenfurt) und Grzegorz Krzywiec (Polnische Akademie der Wissenschaften, Warschau), untersuchte sie die Hintergründe, Strukturen und Konsequenzen dieser Entwicklungen, welche sich unter der deutschen Vorherrschaft ab 1940/41 vollends radikalisierten.

 

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Summit for Teaching the Holocaust at German Universities

Seminar zur Bestandsaufnahme zur Lehre über den Holocaust an deutschen Universitäten in Washington D.C. (20. - 24. Juli 2015)

 

Vom 20. bis zum 24. Juli 2015 führten das Mandel Center for Advanced Holocaust Studies am United States Holocaust Memorial Museum (USHMM) und das Zentrum für Holocaust-Studien ein Seminar der besonderen Art durch: Einen "Teaching Summit" für deutsche Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer verschiedener Fachrichtungen, die an deutschen Universitäten über den Holocaust unterrichten.

 

Ziel dieser bislang einmaligen interdisziplinären Veranstaltung war es, die Erfahrungen in der Lehre zu bilanzieren und nach Wegen zu suchen, ein dauerhaftes Lehrangebot über den Holocaust sicherzustellen. Wie eine ausführliche Voruntersuchung des USHMM ergab, wird zwar über die NS-Zeit an deutschen Universitäten intensiv unterrichtet, doch spielt die Lehre über den Holocaust dabei eine oft nur untergeordnete Rolle. Da in Deutschland bislang weder eine Holocaust-Professur noch das Fach "Holocaust Studies" existiert und Lehrende oft auf sich allein gestellt sind, wurden verschiedene Möglichkeiten diskutiert, Lehre über den Holocaust stärker als bislang u.a. in verschiedenen Master-Programmen der einzelnen Universitäten zu verankern. Das Zentrum für Holocaust-Studien wird in der Zukunft regelmäßige Sommer-Seminare als Fortbildungsveranstaltungen anbieten, die zudem ausreichend Raum für den Erfahrungsaustausch unter den Lehrenden geben sollen.


The Holocaust and the European Societies. Social Processes and Social Dynamics

Internationale Konferenz in München (23. - 25. Oktober 2014)

 

Der Genozid an den europäischen Juden war nicht nur ein politischer, sondern auch ein gesellschaftlicher Prozess, an dem die Bevölkerung auf unterschiedliche Art partizipierte. Wer waren jedoch die gesellschaftlichen Akteure, die eine Rolle bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden spielten? Welchen Stellenwert spielten materielle Motive für die Partizipation an der Judenverfolgung, aber auch bei der Entscheidung, Juden im Untergrund zu helfen? Und welche sozialen Dynamiken und Veränderungen beeinflussten die Verfolgung und den Massenmord an der jüdischen Bevölkerung in Deutschland, in den mit dem nationalsozialistischen Deutschland verbündeten Ländern und in den besetzten Gebieten?

 

Mit diesen Fragen beschäftigten sich mehr als dreißig, zumeist jüngere Holocaust-Forscherinnen und Forscher aus insgesamt vierzehn Ländern auf der internationalen Konferenz des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in München. Sie präsentierten aus aktuellen und meist noch nicht abgeschlossenen Projekten Fallbeispiele, die geographisch von Finnland über Rumänien bis nach Kreta reichten. Im Fokus der Konferenz standen dabei die europäischen Gesellschaften in Mittel- und Osteuropa, wo sämtliche Prozesse nicht zuletzt durch die deutsche Besatzungsherrschaft beeinflusst wurden.

 

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Forschung über den Holocaust - Eine Bilanz

Internationaler Workshop in München und Tutzing (9. - 11. April 2014)

 

Die Holocaust-Forschung hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten immer stärker internationalisiert und zugleich spezialisiert. Umso wichtiger ist es, die zentralen Zusammenhänge nicht aus den Augen zu verlieren und den Ertrag der verschiedenen Forschungsansätze kritisch zu gewichten.

 

Das neu gegründete Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte München hat deshalb auf seinem ersten Workshop eine Bilanz verschiedener Forschungsansätze zum Holocaust gezogen. Vom 9. bis 11. April 2014 führte es gemeinsam mit der Akademie für politische Bildung in Tutzing einen internationalen Workshop durch, an dem 32 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus sieben Ländern teilnahmen. Schon im Herbst 2014, vom 23. bis zum 25. Oktober, wird das Zentrum für Holocaust-Studien die Diskussion auf einer internationalen  Konferenz weiterführen, bei der das Verhalten der europäischen Gesellschaften im Holocaust im Mittelpunkt stehen wird.

 

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