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22.05.2013 :: Deutsch :: Druckversion
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Das Archiv des Instituts für Zeitgeschichte



Die Fassung mit Anmerkungen finden Sie in: 50 Jahre Institut für Zeitgeschichte. Eine Bilanz. Hrsg. von Horst Möller und Udo Wengst, München 1999

Werner Röder / Hermann Weiß / Klaus A. Lankheit

 

Das Archiv des Instituts für Zeitgeschichte ist kein Archiv im ursprünglichen Sinn. Die noch heute gültige Satzung der Stiftung zur wissenschaftlichen Erforschung der Zeitgeschichte von 1961 weist ihm die Aufgabe zu, "Quellen zur Zeitgeschichte, insbesondere zur Geschichte und Vorgeschichte des Nationalsozialismus im Benehmen mit dem Bundesarchiv und den staatlichen Archiven der Länder zu ermitteln, zu sammeln und nachzuweisen". Die Bestände umfassen Dokumentationen und archivalische Sammlungen unterschiedlicher Provenienz. Sie sind darauf angelegt, für die gegenwärtige und künftige Zeitgeschichtsforschung vor allem jene schriftlichen Quellen sicherzustellen, die durch eine Regelabgabe an staatliche Archive in der Bundesrepublik nicht erfaßt werden. Hinzu kommen Amtsdruckschriften, Zeitungen und Druckerzeugnisse von Parteien und Verbänden als ergänzendes Forschungsmaterial.

Die Strukturen, die Schwerpunkte und der Nutzerkreis der Sammlungen haben im Lauf der Jahrzehnte erhebliche Wandlungsprozesse erfahren, die von dritter Seite oft erst im Ergebnis wahrgenommen worden sind. Diese Unauffälligkeit kommt nicht von ungefähr: Archivarische Arbeit ist an und für sich eine Angelegenheit von longue durée. Die Veränderungen selbst sind aber nicht allein dem natürlichen Gang der Zeit, sondern zu einem Gutteil dem unsicheren Terrain zuzurechnen, auf dem sich das Institutsarchiv seinen Weg suchen mußte. Ausschlaggebend war dabei der Umstand, daß zwar die Pertinenz der von ihm zu sammelnden Quellen durch den Institutszweck vorgegeben war, ihre Art und Herkunft aber zu keiner Zeit durch einen juristisch erheblichen Akt positiv definiert worden sind. Das IfZ-Archiv ist also ein Archiv ohne verbrieften Archivsprengel und somit ein politisches Konstrukt, das man im ehemaligen West-Ost-Sprachgebrauch unfreundlicherweise als "sogenanntes" Archiv oder als "Phänomen" hätte bezeichnen können und das stets darauf angewiesen war, durch real existierende Qualität seine de facto-Anerkennung zu erreichen ... Anders als die autochthonen Archive des Staats, der Kirchen, der Parteien, der Wirtschaftsorganisationen, der Großverbände oder öffentlichen Körperschaften stand und steht es vor der Aufgabe, claims in der Quellentopographie der Zeitgeschichte selbst abzustecken.

Im Vorfeld der Institutsgründung kam der Vorstellung von einem "Zentralinstitut zur Sammlung und raschen Auswertung aller heute noch erreichbaren Quellen für die Geschichte des Nationalsozialismus" hoher Rang bei seinen sonst durchaus unterschiedlich motivierten Protagonisten zu. Man befürchtete, "daß die Geschichte der NS-Zeit nur ausländischen Darstellungen - angesichts der Beschlagnahme von Archiven und Akten durch die Besatzungsmächte - anheimfallen würde, wenn nicht rechtzeitig von deutscher Seite das Erforderliche geschehen könnte, um Unterlagen – einschließlich Zeugenvernehmungen – über diese Zeit sicher zu stellen und zu sammeln". Die wissenschaftliche Erforschung des Nationalsozialismus müsse ebenso wie die dem Institut zugedachte politische Bewußtseinsbildung "eine deutsche Aufgabe" sein, die die "saubere Klärung der Sachverhalte" anhand der Quellen erforderte.

Anfängliche Entwürfe für ein Institut, das neben einer Forschungs- und Publikationsabteilung auch das zentrale Sonderarchiv für die Überlieferungen der NS-Zeit beherbergen sollte, wurden allerdings schon bald von der Wirklichkeit überholt. Zum einen dachten die Alliierten gar nicht daran, die von ihnen erbeuteten Akten staatlicher und "parteiamtlicher" Provenienz herauszugeben. Zum anderen meldeten sich, unterstützt von Teilen der universitären Historikerzunft, die Standesvertreter des deutschen Archivwesens zu Wort, die unter Berufung auf Verwaltungstraditionen und Fachkompetenz ihre ausschließliche Zuständigkeit für die verbliebenen Reste amtlichen Schriftguts reklamierten. Mit dem Kabinettsbeschluß zur Gründung eines Bundesarchivs im März 1950 war diese Frage im Grundsatz ausgestanden und das im September des gleichen Jahres aus der Taufe gehobene "Deutsche Institut für Geschichte der nationalsozialistischen Zeit" durch seine Satzung auf die Tätigkeit als "Zentralnachweisstelle" für verstreute Akten des Dritten Reichs verwiesen. Freilich sollte es nach wie vor auch "Dokumente, Berichte, Aussagen und andere Quellen zur Geschichte und Vorgeschichte des Nationalsozialismus" sammeln. Da dies jedoch schon dazumal ausdrücklich an das "Einvernehmen mit dem Bundesarchiv und den Staatsarchiven der Länder" gebunden war, die mit nicht unbegründeter Eifersucht ihre Sprengelrechte beanspruchten, erschien das künftige Sammlungsprofil des Institutsarchivs im Umkehrschluß ausreichend beschrieben: Es würde sich auf Quellen privater Herkunft, auf gedrucktes oder vervielfältigtes Schriftgut und auf amtliche Akten in Abschriften und fotografischer Reproduktion beschränken müssen.

Damit war das Institut auf geraume Zeit allerdings in einer besseren Position als das neue westdeutsche Zentralarchiv, das erst 1952 mit vier Fachbeamten seine Arbeit in Koblenz aufnahm. Letzteren kam in bezug auf die NS-Zeit zunächst die wenig spektakuläre Aufgabe zu, den "Trümmern der Überlieferung des deutschen Staates nachzuspüren und sie zusammenzutragen, soweit die Umstände es gestatteten". Und diese Umstände waren, soweit es das Originalschriftgut des Dritten Reiches betraf, bis auf weiteres eben denkbar ungünstig.

Obwohl man in der Münchener Reitmorstraße die Hilfstätigkeit als Nachweisstelle auch im eigenen Interesse durchaus ernst nahm, schon 1950 eine Aktenenquete bei den Archiven, Ministerien und Kreisregierungen der Bundesrepublik veranstaltet und bald die "bisher vollständigste Sammlung aller erreichbaren Nachrichten" zusammengetragen hatte, lag das Schwergewicht der Anstrengungen bei der schleunigen Beschaffung von Ersatzüberlieferungen. Bereits im Mai 1949 hatten die Amerikaner 28 Kisten mit Protokollen der Nürnberger Prozesse angeliefert, die in den folgenden Jahren sukzessive vervollständigt und durch die Abschriften der Beweisdokumente ergänzt wurden. Darüber hinaus begründeten ein vom Bayerischen Staatsministerium für Sonderaufgaben vermitteltes Deponat mit ausgewählten Spruchkammerakten und die Umdrucke von Anklage- und Urteilsschriften gegen NS-Täter aus westdeutschen Justizregistraturen einen weiteren zentralen Bestand. Von Anfang an bediente man sich zudem der auszugsweisen Fotoreproduktion und Verfilmung wichtiger Unterlagen der NS-Zeit in ausländischen Sammelstellen, etwa der Library of Congress, der Hoover Institution, der Wiener Library oder des Berlin Document Center, wobei auffällig oft ehemalige deutsche Emigranten die Wege ebneten.. In kürzester Frist entfaltete sich ein Sammlungsprofil, mit dem bis in die Siebzigerjahre hinein die Archivbestände beschrieben werden konnten. Dieses kommt schon in den Schwerpunktsetzungen des Tätigkeitsberichts für 1953 deutlich zum Ausdruck:

"Die Nürnberger Prozeßakten wurden in Umdrucken und Fotokopien zu einem fast vollständigen Satz zusammengetragen, ihre wissenschaftliche Auswertung wurde gefördert. Seit etwa einem Jahr werden geschichtlich wichtige Spruchkammer- und Gerichtsakten ausgewertet. Aus allen deutschen Ländern wurden Verzeichnisse der dort verhandelten Fälle beschafft. Im Rahmen der vorhandenen Mittel wurden Dokumente aus privater Hand und Mikrofilme einiger Stücke des in alliierter Hand befindlichen Materials beschafft. Im Pressearchiv werden alle für die Geschichte der nationalsozialistischen Zeit erheblichen Meldungen und Aufsätze gesammelt und systematisch geordnet. Beschafft wurden für die nationalsozialistische Zeit wichtige Zeitungen und Zeitschriften, in teils vollständigen, teils noch lückenhaften Sätzen. Besondere Aufmerksamkeit wurde der Beschaffung aller geheimen Verfügungen und Mitteilungen der NSDAP und der SS und aller Verordnungsblätter von Staat und Wehrmacht gewidmet. Eine große Zahl Zeugen (Nationalsozialisten und Gegner) wurden befragt oder fertigten für das Institut Gedächtnisniederschriften an."

Daß die in der "Dokumentenkartei" des Archivs erfaßten Originalakten weiterhin "in ihren wichtigsten Bestandteile(n) der deutschen Forschung nicht zugänglich" waren, machte aus dem zusammengetragenen Material weit mehr als eine Arbeitssammlung für die Autoren des Hauses. Bald kam hinzu, daß ein auf die Bedürfnisse dieser Forschung ausgerichteter, hoch differenzierter Erschließungsapparat einen Zugriff auf die Ersatzüberlieferungen ermöglichte, den klassische archivische Findhilfsmittel nicht anbieten konnten. Zusammen mit den Spezialsammlungen der Bibliothek begründete dies in recht kurzer Zeit den Ruf des Hauses als "Mekka der Zeitgeschichtsforscher" und als "Vatikan der Umerziehung". Was die erstgenannte Einschätzung betrifft, so hat sich dieser Ruf als erfreulich stabil erwiesen. "Archiv und Bibliothek des IfZ besitzen", so die Bewertung durch den Wissenschaftsrat, "von jeher großen Anteil an der überregionalen Anziehungskraft des Instituts". Allerdings bezog sich 1996 dieses Urteil bereits auf andere Sammlungsschwerpunkte und Funktionsverständnisse als in den Fünfziger- und Sechzigerjahren.

Spruchkammerakten, Verhandlungsakten und Beweisdokumente aus den Nürnberger Prozessen waren trotz der gleichzeitigen Sammlungsbemühungen um gedruckte Quellen und persönliche Zeugnisse die wichtigsten Archivbestände, über die das Institut zu Beginn verfügte. Die "Nürnberger Dokumente", wie die Prozeßmaterialien im allgemeinen genannt werden, stammten aus dem 1945/46 gegen 24 Hauptangeklagten vor einem Internationalen Militärgerichtshof durchgeführten Verfahren und aus den zwölf sogenannten Nachfolgeprozessen, die anschließend vor amerikanischen Gerichtshöfen ebenfalls in Nürnberg bis 1949 gegen besonders belastete Ärzte, Juristen, Generäle, Einsatzgruppenangehörige, Industrielle, Verwaltungsbeamte und Funktionäre des NS-Staates und der NSDAP stattfanden. Vor allem die Beweisdokumente der Anklagebehörde, die überwiegend amtlichen und parteiamtlichen Registraturen des Dritten Reichs entnommen waren, aber auch die Verfahrensprotokolle mit den Aussagen von Zeugen und Angeklagten, die vom Institutsarchiv während der ersten Hälfte der Fünfzigerjahre zusammengetragen wurden, bildeten die Grundlage der im Institut betriebenen Forschungsarbeit über den Nationalsozialismus und das Dritte Reich. In größeren Mengen wurden Nürnberger Gerichtsakten vor allem von Verteidigern der in diesen Prozessen Angeklagten zur Verfügung gestellt; eine ganze Reihe von Jahren trug auch das Staatsarchiv Nürnberg durch die Abgabe von Dubletten und Filmkopien zu der Sammlung bei.

Die Attraktivität der Nürnberger Dokumente und damit auch des Institutsarchivs für die Zeitgeschichtsforschung nahm außerordentlich zu, als nach etwa zweijähriger Erschließungsarbeit Mitte der Fünfzigerjahre eine 200.000 Nachweise umfassende Sach- und Personenkartei für die rund 40.000 Anklagedokumente zur Verfügung gestellt werden konnte. Diese Kartei war in Zusammenarbeit mit dem inzwischen in der Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen aufgegangenen Staatlichen Archivlager Göttingen und dem Westfälischen Wirtschaftsarchiv in Dortmund entstanden. Beide Einrichtungen beteiligten sich nicht nur personell an der Erschließungsarbeit, sondern ergänzten auch den Dokumentenbestand, der für die Verschlagwortung herangezogen werden konnte. Die Sacherschließung erfolgte nach einem "handgestrickten" Schlagwortschema, dem einige systematische Gliederungselemente unterlegt waren. Naturgemäß war der größte Teil der Suchbegriffe dem zu bearbeitenden Material entnommen. Die Dichte der Verschlagwortung bzw. die Ausdifferenzierung der Schlagwortbegriffe erfolgte unter Bevorzugung einer mittleren Ebene, um die Gefahr zu großer Mengen von Belegen unter einem Suchbegriff zu vermeiden und dem Katalogbenutzer Zeit zu sparen, andererseits aber mit ausreichend differenzierten Schlagwörtern die Suche schnell und treffsicher zu machen: Eine Dienstleistung also, die in idealer Weise den Bedürfnissen des schreibenden Forschers entgegenkam.

Die Erschließung der Nürnberger Dokumente durch ausführliche, regestenartige Inhaltsangaben zog bald auswärtige Benutzer ins Institutsarchiv - außer Historikern auch Ermittlungsrichter und Staatsanwälte, die nach Belegen für NS-Verbrechen suchten, ein Erfolg, der intern durchaus seine Schattenseiten hatte. Denn wenn man von den in der "Nürnberger Dokumentenkartei" erschlossenen Anklagedokumenten einmal absieht, gehörte das Prozeßmaterial beim Magazinpersonal wegen seiner wenig archivgerechten Gliederung und komplizierten Signaturen und dem damit verbundenen Zeitaufwand beim Ausheben und Rückstellen zu den wenig geliebten Beständen.

In den Nürnberger Prozeßmaterialien befanden sich in Form von Vernehmungen (interrogations), Zeugenaussagen und eidesstattlichen Erklärungen (affidavits) eine ganze Reihe von Dokumenten, die mit der Zeitzeugenbefragung, der Oral History der Angelsachsen, eng verwandt waren. Im Archiv wurde daher dieses Nürnberger Material zusammen mit den Interviewprotokollen und Befragungskorrespondenzen, die Institutsmitarbeiter für eigene Forschungszwecke angelegt hatten, unter dem Begriff "Zeugenschrifttum" zusammengefaßt und einheitlich bearbeitet. Sehr früh gelangten auch Befragungsergebnisse anderer Forscher ins Institutsarchiv, erinnert sei nur an die Sammlung von Ricarda Huch zum Thema Widerstand, an die Sammlung von Bodo Scheurig über das Nationalkomitee Freies Deutschland und den Bund deutscher Offiziere oder das Material, das der Schriftsteller Jürgen Thorwald schon wenige Jahre nach Kriegsende zum Zusammenbruch der deutschen Ostfront 1944/45 und zu sowjetischen Freiwilligen-Verbänden innerhalb der Wehrmacht und der Waffen-SS zusammengetragen hatte.

Die Sammlung Zeugenschrifttum, heute ein Bestand von ungefähr 2.700 Nummern, ist in ihrem individuellen Quellenwert sehr kritisch zu betrachten, in ihrer Bedeutung insgesamt aber auch heute noch kaum zu überschätzen, weil sie in vielen Fällen zu Einzelheiten Auskunft gibt, die in den Akten bzw. mangels Akten nicht überliefert sind. Die Probleme der Bewertung im einzelnen, die für die NS-Zeit wegen des apologetischen Charakters vieler Aussagen besonders groß sind, gelten jedoch für das gesamte, von subjektiver Sicht des Geschehenen geprägte memoirenartige Schrifttum, das ja keine Erfindung der Zeitgechichtsschreibung ist, aber neben der Zeitung immer noch die ureigenste Form des zeitgeschichtlichen Quellenmaterials darstellt. Auch ein großer Teil der im IfZ-Archiv gesammelten unveröffentlichten Erlebnisberichte und Lebenserinnerungen - heute annähernd 750 Bände - ist inhaltlich und wegen der ähnlichen Bewertungsproblematik dem Zeugenschrifttum verwandt. Freilich können geschicktes Fragen des Interviewers und vereinbarte Vertraulichkeit den Zeitzeugen veranlassen, sich offener zu äußern als der Memoirenschreiber. Umso schwieriger gestaltet es sich deshalb, manchen Benutzern die Verbindlichkeit bestimmter Auflagen, die Vertraulichkeit mancher Informationen und, schlimmstenfalls, die Unmöglichkeit der Benutzung bestimmter Niederschriften klarzumachen. Nicht selten fühlt sich der Archivar in solchen Momenten als Feind der Aufklärung und Behinderer der Wissenschaft - und seine zu Bittstellern sich erniedrigenden Kunden sehen das vermutlich ebenso.

Ein ausgesprochener Glücksfall für die Forschungsaufgaben des Instituts war schließlich die 1956 begonnene Verfilmung des erbeuteten Schriftguts von Behörden und Dienststellen des Dritten Reiches durch die National Archives in Washington. Schon vorher hatte das Institut dort kleinere Aktenverfilmungen für interne Forschungsprojekte anfertigen lassen. Die Gesamtverfilmung ermöglichte dem IfZ-Archiv nun den mengenmäßig erheblichen Zugriff auf deutsche Akten vor der Rückführung der Originale in die Bundesrepublik. Ihre Nutzung erforderte freilich eine rasche und detaillierte inhaltliche Erschließung, die aus dem Institutshaushalt nicht finanziert werden konnte. Projektgelder der Fritz-Thyssen-Stiftung machte es dem Archiv schließlich möglich, Teilzeitkräfte anzustellen, die zwischen 1962 und 1968 den wichtigsten Teil der angekauften Filme repertorisierten und katalogisierten. Unter der konsequenten Anleitung durch Anton Hoch haben die angeheuerten Geschichtsstudenten - für viele von ihnen war dies der Einstieg in spätere Forscher- und Universitätskarrieren - und Ruth Körner, eine heimgekehrte deutsche Emigrantin, ein vielbändiges Repertorienwerk zu Akten zentraler Reichs- und Parteibehörden erstellt. Seine Regesten wurden mit Hilfe der damals gerade eingeführten und wegen nicht seltener Papierüberhitzung im deutschen Sinne des Wortes "brandneuen" elektrostatischen Kopierapparate zusätzlich in den Generalkatalog des Archivs eingebracht. Nach Personen und Sachen geordnet, ermöglichten sie eine unter zeitgenössischen Verhältnissen höchst komfortable Suche.

Was die Attraktivität des Institutsarchivs für in- und ausländische Forscher neben dem Quellenangebot also besonders förderte, waren die ausführlichen Findmittel, die man für einen großen Teil der Bestände frühzeitig anbieten konnte: Die Nürnberger Dokumentenkartei, die seit Mitte der Fünfzigerjahre zur Verfügung stand und etwa zur Hälfte im Hause erarbeitet worden war, erschloß den bis weit in die Achtzigerjahre am häufigsten benutzten Bestand des Archivs in seinem wichtigsten Teil, den Anklagedokumenten. Das "Thyssen-Projekt" ermöglichte es dem Archiv, eine große Zahl seiner amerikanischen Mikrofilme mit Beuteakten aus den Zentren des Dritten Reiches in ähnlicher Weise wie bei den Nürnberger Dokumenten über Schlagwort- und Personenkarteien zu erschließen, wobei der Thesaurus der Schlagwörter sich bis zum Auslaufen der Projektfinanzierung im Jahre 1968 gegenüber dem Nürnberger Schlagwortkatalog etwa verdoppelte.

Der stetig wachsende Bestand an ausgewählten Aktenreproduktionen des NS-Staats und deren differenzierte Inhaltserschließung führten in den Sechzigerjahren zu einem nahezu autarken Wissenschaftskombinat: "Im Parterre des Hauses in der Möhlstraße war die Basis - Archiv und Bibliothek; im ersten Stock war der Überbau - die Verwaltung und der berühmte reine Geist" erinnert sich Hans-Dietrich Loock. "Die Produktion im ersten Stock war ... abhängig davon, daß im Parterre die Produktionsmittel zugriffbereit geordnet wurden." Manch einer der damaligen Autoren der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte berichtete später, daß schon der Griff in einen beliebigen Karteischuber des Archivkatalogs zu neuen Forschungsfragen geleitet und die zu ihrer Beantwortung erforderlichen Aktenduplikate aus Nürnberg und Washington mit Signatur und Blattnummer offeriert habe. Solche Reminiszenzen sind nicht ohne wahren Kern. Vor ihrem Hintergrund werden auch die gefährlichen Erwartungen deutlich, die sich als Folge der hohen aktuellen Funktionalität der Sammlungen hinskünftig auf das Archiv richten mußten.

Eine andere Gefahr war der methodologische "Alterungsprozeß" der Nürnberger Prozeßmaterialien, die überwiegend jene Vorgänge aus den Akten des Nazireichs in Kopien, Abschriften oder Übersetzungen enthielten, die als Belastungsdokumente im Sinne der Anklage in Frage gekommen waren. Es war abzusehen, daß in mehr oder weniger kurzer Zeit nach der Aktenrückgabe an die zuständigen staatlichen Archive der Bundesrepublik die Benutzung der Originalüberlieferungen im Provenienzzusammenhang für die Zeitgeschichtsforschung das Mittel der Wahl werden mußte. Ähnliches galt auf längere Sicht auch für die Sammlung von Mikrofilmen deutscher Aktenserien aus den National Archives, die zu Anfang der Siebzigerjahre zwar die stolze Zahl von rd. 3.000 Filmrollen mit über dreieinhalb Millionen Blatt Dokumenten der vermutet wichtigsten Provenienzen umfaßte, aber eben doch nur die auswählende Reaktion auf damalige Forschungsinteressen darstellte. Überdies kam nach dem Ende der Sonderfinanzierung ihre ausgefeilte Erschließung bald zum Erliegen: War zwischen 1962 und 1972 der Generalkatalog von 25.000 auf über eine Viertelmillion Karteikarten dank des "Thyssen-Projekts" rapide angewachsen, so reduzierte sich in den Folgejahren die inhaltliche Nachweisung des restlichen Washingtoner Bestands in dramatischer Weise. Erst 1985 konnten die ca. 1.000 noch unverzeichneten Filmrollen durch weitaus weniger komfortable Findmittel auf der Grundlage der amerikanischen Guides für eventuell noch interessierte Benutzer zugänglich gemacht werden.

Mehr noch als der vorläufige Charakter der beiden großen Ersatzüberlieferungen zum Dritten Reich mußte ins Gewicht fallen, daß dieser relativ freie Zugriff auf jüngstes staatliches Schriftgut nicht wiederholbar schien. Für den Archivar sprach fast alles gegen Sinn und Möglichkeit, künftig Aktenüberlieferungen in den zuständigen deutschen Archiven zu vervielfältigen und im IfZ als Parallelbestände für den besonderen wissenschaftlichen Bedarf bereitzustellen. Dies unterstrich eine Zeitlang später ein Projekt der Institutsleitung, aus Empfängerüberlieferungen in den westdeutschen Staatsarchiven den Schriftverkehr der Parteikanzlei der NSDAP zu rekonstruieren und damit eine nur in München verfügbare und dort in allen Details erschlossene "Kunst-Provenienz" zu etablieren. Abgesehen von den heftig tangierten Eigeninteressen der Staatsarchive und deren methodologischen Bedenken erwies es sich, daß die Ressourcen des Hauses nicht ausreichten, um das den Amerikanern zu verdankende Quellenmonopol der frühen Jahre neu aufleben zu lassen.

Neben dem absehbaren wissenschaftlichen Bedeutungsschwund der Nürnberger und Washingtoner Aktenkopien mußte vor allem der forschungspolitische Schritt über das Kriegsende hinaus das bis dahin so überaus produktive Zusammenspiel zwischen "Überbau" und "Basis", von institutsinternem Forschungsbetrieb und hauseigenem Quellenfundus in Frage stellen. Wenn das Archiv dann nicht in der Lage sein würde, eine eigenständige und langlebige Quellensammlung für die Jahre nach 1945 vorzuweisen, konnte die Abteilung in die Gefahr geraten, bestenfalls auf die gezielte Materialbeschaffung für den baldigen Verbrauch in Editions- und Forschungsvorhaben des Instituts verwiesen zu werden und damit den Ruf eines fast "echten" Archivs schnell zu verlieren.

Anton Hoch, der Vorstand des Archivs, war sich dieser Problematik früh bewußt. Schon zu Ende der Fünfzigerjahre sind strategische Überlegungen angestellt worden, wie man einer "Erweiterung des Begriffes Zeitgeschichte" Rechnung tragen sollte. Unzweifelhaft war, daß für die Erforschung der Nachkriegszeit schon aufgrund der zu erwartenden Sperrfristen für Behördenüberlieferungen das "primäre Schriftgut wie Akten usw. keineswegs im gleichen Maße zur Verfügung stehen wird wie etwa, hervorgerufen durch den Zusammenbruch von 1945, für die Zeit der Weimarer Republik und des Dritten Reiches." Ausweichmöglichkeiten sah Hoch damals in einem möglichst kompletten Bestand "sekundären Schriftguts", d.h. von "Drucksachen des Bundes und der Länder, Presseinformationen und -diensten der Parteien und Gewerkschaften"; das 1953 aufgrund des hohen Arbeitsverbrauchs eingestellte Zeitungsausschnitt-Archiv sollte "nach systematischen Überlegungen neu [aufgebaut] und über 1945 hinaus bis zur Gegenwart laufend" weitergeführt werden. Priorität behielt zunächst aber im Zusammenhang mit den Washingtoner Aktenerwerbungen der Ausbau der "Archiv-Gruppe staatliche und parteiamtliche Drucksachen 1918-1945", ein Bestand, der schon 1960 "innerhalb der Bundesrepublik Deutschland als eine einmalige Sammlung" gelten konnte. Erst zu Anfang der Siebzigerjahre gelang es der Archivleitung, Personal- und Sachmittel in größerem Maße auch für die Beschaffung von Druckschriften der Nachkriegszeit zu aktivieren. Nachdem 1974 die hierfür neu zugeteilte Planstelle mit einer Sachbearbeiterin von hervorragenden Beschaffungstalenten besetzt worden war, füllten sich nun die Regale der "forschungsbezogenen Spezialsammlung" mit jährlichen Zuwächsen von bis zu 50 laufenden Metern. Von 1975-1977 ermöglichten wiederum Drittmittel der Fritz-Thyssen-Stiftung eine Sonderaktion zur Beschaffung von "Druckgut alliierter Besatzungsdienststellen und deutscher zonaler und interzonaler Behörden 1945-1949". Gegen Mitte der Achtzigerjahre näherte sich der Druckschriftenbestand zur Weimarer Republik, zur NS-Zeit und für die Jahre nach 1945 der als archivwürdig eingestuften Herausgeber den Grenzen der rückwirkenden Ergänzungsmöglichkeit. Seither wächst er vor allem durch aktuelle Amts- und Verbandsdruckschriften, die in Abstimmung mit den Sammlungsschwerpunkten der Münchner Bibliotheken und Archive laufend erworben werden.

Einerseits war mit dieser Entwicklung - flankiert von erfolgreichen Aktivitäten im Bereich der Zeitungssammlung und der Presseausschnitte – Anton Hochs Vordenken schließlich doch realisiert worden. Andererseits aber litt das Erreichte zunächst unter alten Erwartungen, die sich an das Archiv richteten. Anstelle einer vielleicht machbar gewesenen laufenden Erfassung nach Herausgeberprovenienzen und Titelangaben war der Auftrag an das Archiv ein weiteres Mal von dem Wunsch bestimmt, die Produktionsverhältnisse der Gründerzeit auch im Bereich des "sekundären Schriftguts" zu rekonstruieren. Der Versuch, Amts- und Verbandsdruckschriften nach den Schlagwörtern des Generalkatalogs inhaltlich zu verkarten, blieb bald auf der Strecke und hat bis zu seiner stillschweigenden Liquidierung zu Anfang der Achtzigerjahre viel Zeit und Arbeitskraft vernichtet.

Der sich mählich zuspitzende Gegensatz zwischen dem forschungstechnischen Optimum und den etatmäßigen Ressourcen des Archivs wurzelte in der Erfolgsgeschichte des Hauses. Dabei wuchs auf der einen Seite das Bestreben des Archivs, sich zur Sammelstelle für Forschungsfelder der näheren und ferneren Zukunft zu emanzipieren und einem regulären archivischen Selbstverständnis den Vorzug zu geben. Die Leitung des Instituts wiederum mußte an der gewohnten unmittelbaren Quellendienstbarkeit weit mehr interessiert sein. Nach außen hin war dieser strukturelle Widerspruch zum einen durch den Umstand verwischt, daß das Unternehmen zur Rekonstruktion der Parteikanzleiakten die "quellenpolitischen" Energien des Direktors absorbierte. Zum anderen trat erneut ein Projekt auf den Plan, das auch für die Nachkriegsperiode eine umfangreiche staatliche Ersatzüberlieferung mit detaillierten Erschließungsmitteln ins Haus bringen sollte.

Mit der Verlagerung des Forschungsinteresses vom "Dritten Reich" zur unmittelbaren Nachkriegszeit wurde es offensichtlich, daß ohne Auswertung der Akten der alliierten Besatzungsverwaltungen wissenschaftlich fundierte historische Forschung nicht möglich war. Im Mittelpunkt des Interesses standen dabei zunächst die Quellen der für die Vorgeschichte der Bundesrepublik Deutschland wichtigsten Besatzungsmacht, der Vereinigten Staaten von Amerika. Die etwa 3.300 laufenden Meter Akten des "Office of Military Government for Germany, U.S." (OMGUS) umfassen die gesamte schriftliche Überlieferung der amerikanischen Besatzungsverwaltung in Deutschland einschließlich der Militärregierungen in den Ländern der amerikanischen Besatzungszone. Trotz des enormen Umfangs eines solchen Projekts machte sich Ende 1973 Martin Broszat die Idee einer Erschließung und Verfilmung der OMGUS-Akten zu eigen.

Ein, wie später das gesamte Unternehmen, von der Stiftung Volkswagen finanziertes Vorprojekt sollte Möglichkeiten und Grenzen aufzeigen. Auf deutscher Seite hatten sich dabei das Bundesarchiv, die staatlichen Archive der Länder der ehemaligen amerikanischen Besatzungszone, das Institut für Zeitgeschichte, das Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Studien der FU Berlin und der Arbeitskreis Nachkriegsgeschichte Ruhr, den das Westfälische Wirtschaftsarchiv mit der Universität Bochum gebildet hatte, zusammengeschlossen. Federführend blieben das Bundesarchiv, das mit Klaus Oldenhage den Projektkoordinator stellte, und das Institut für Zeitgeschichte. Diese Art der Zusammenarbeit war neu und die aus der Frühzeit beider Institutionen herrührende Konkurrenz wich bald einer für beide Seiten ertragreichen Kooperation.

1976 begann die Verzeichnung, 1977 die Verfilmung der OMGUS-Akten. Die Bereitwilligkeit der amerikanischen Partner machte das Projekt erst möglich und das Entgegenkommen der britischen Seite in Deklassifizierungsfragen erleichterte die Durchführung. Etwa ein Drittel des gesamten Bestandes, rund 6 Millionen Blatt, bewerteten die mehr als 30 damit befaßten Archivare und Historiker als historisch bedeutend. Bis 1981 wurden diese Akten verfilmt. Im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte befindet sich ein kompletter Satz aller verfilmten Akten. Das Bundesarchiv besitzt die der OMGUS-Zentralbehörden, die Staatsarchive der Länder der ehemaligen Besatzungszone verwahren das Schriftgut der amerikanischen Verwaltungsstellen in ihrem Sprengel. Das Material wurde den Deutschen ohne Auflagen überlassen, doch die "Beschenkten" einigten sich auf einheitliche Benutzungsrichtlinien, die wissenschaftliche Auswertung vorsehen und Personenschutz gewährleisten.

Das ursprüngliche Projekt sah vor, lediglich Teile der für die einzelnen Akten maschinenschriftlich gefertigten Datenblätter im Archiv des Instituts für Zeitgeschichte auf konventionelle Weise zu indizieren und hier in den Personen- und Schlagwortkatalog aufzunehmen. Das große Interesse am Projekt ließ die Archivleitung jedoch auf die für diese Zwecke noch neue elektronische Datenverarbeitung zurückgreifen. Für den Bestand der OMGUS-Zentralbehörden entstand ein Schlagwort- und Personenkatalog, der Interessierten zunächst in gedruckter Form zur Verfügung stand. An der inzwischen allgemein zugänglichen elektronischen Datenbank selbst sind seit 1998 darüber hinaus auch Volltext- und Signaturrecherchen möglich. Die detaillierte Gesamterschließung der Ersatzüberlieferung verhalf dem Archiv des Instituts für Zeitgeschichte wiederum zu einem Quellenvorsprung, zumal die teilweise Umordnung der Originale in den National Archives deren Benutzung erschwert. Damit war auch für einen Sektor der unmittelbaren Nachkriegsgeschichte die räumliche Einheit von Quellen und Forschung im Institut für Zeitgeschichte wiederhergestellt. Für die Besatzungsakten der anderen Westalliierten hatte das OMGUS-Projekt jedoch keinen Modellcharakter.

Die Richtung einer arbeitsteiligen archivischen Zusammenarbeit hatte schon zuvor ein Projekt gewiesen, zu dem sich 1969 Bundesarchiv und Institut unter Beteiligung der Friedrich-Ebert-Stiftung, des DGB-Archivs und der Deutschen Bibliothek zusammengetan hatten, die "Dokumentation zur Emigration 1933-1945". Von der Deutschen Forschungsgmeinschaft zugunsten eines in der Ära Brandt neu entdeckten Forschungsdesiderats großzügig finanziert, entstand im Institut ein Zentralkatalog der Überlieferungen zum Exil der NS-Zeit, die von den Projektmitarbeitern in den wichtigsten deutschen, west- und nordeuropäischen Archiven erfaßt wurden. Das Vorhaben bündelte in bezug auf das Institut "historische" Strömungen und zukunftsweisende Trends in besonderer Weise: So nahm es zum einen dessen Gründungsauftrag im Sinne einer Aktennachweisstelle wieder auf und nutzte bei der Verzeichnung der Exilarchivalien jene elaborierte Regestentechnik, die im IfZ seit der Erschließung seiner Washingtoner Mikrofilme üblich war. Ging dort die Produktion nach dem Ende der Thyssen-Beihilfe schnell zurück, beschickten nun die Mitarbeiter der "Dokumentation" bis 1974 den in diesem Jahr gut 290.000 Karten zählenden Generalkatalog des Archivs mit über 50.000 Nachweisen. Während das Projekt mit seiner Verzeichnungstechnik den eingeübten Verfahren entsprach, arbeitete es doch auf der Grundlage neuer Geschäftsbedingungen zwischen den beteiligten Archiven und ließ das Streben der Münchener Wissenschaftler nach Bilokation deutschen Sprengelschriftguts erstmals unberücksichtigt. Anders als bei der Verfichung der OMGUS-Akten, die angesichts der transatlantischen Entfernungen und der Benutzungsumstände in den National Archives in der Tat das Mittel der Wahl war, wurden dem Forscher hier die eigenen Wege zu auswärtigen Standorten gewiesen - ein Verfahren, das "demokratische Öffentlichkeit" beim Quellenzugang herstellte und sich auf den Mobilitätsfortschritt und die neue Servicebereitschaft der Archive in Form von Aktenauskünften und Kopienversand stützen konnte. Aber auch in bezug auf die eigenen Sammlungen sollte sich das Projekt als innovativ erweisen: Nicht von ungefähr war es der "Sicherung und Erschließung" von Quellen zum politischen Exil gewidmet. In der Mehrheit befanden sich die Überlieferungen noch im Privatbesitz ehemaliger Emigranten und ihrer Nachkommen, und wo sie aufgrund der Zeitumstände nicht schriftlich hatten entstehen können oder untergegangen waren, sollten sie durch Interviews, Befragungskorrespondenz und Erinnerungsniederschriften ersetzt werden. Besondere Bedeutung gewannen in diesem Zusammenhang die Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren und Flugblätter der Exilvereinigungen. Nicht nur dieses "sekundäre Schriftgut", sondern im besonderen Maß auch persönliche Papiere, Organisationsakten und Zeugenschrifttum rückten nun ins Zentrum einer neuen Akquisitionstätigkeit des Archivs.

Ebenso wie die Sammlung von Zeitzeugenaussagen war die Beschaffung privaten Schriftguts durchaus Teil früherer Bemühungen gewesen. Erinnert sei nur an die Papiere des Generals Geyr von Schweppenburg, die Tagebücher und Aufzeichnungen des Staatssekretärs Hans Schäffer oder die Sammlung Walter Hammer, die Anfang der Sechzigerjahre ins Archiv gelangten. Einer systematischen Erwerbungspolitik waren damals jedoch gewisse natürliche Grenzen gesetzt - erst in den Siebzigerjahren erreichten ja die meisten Akteure der Weimarer Republik und der NS-Zeit das für den Nachlaßfall oder die Abgabe ihrer Lebensdokumente vorbestimmte Alter. Vor allem aber war es die Auslastung der Personalressourcen, die neben der für das Haus prioritären Bearbeitung "flächendeckender" staatlicher Überlieferungen die Einwerbung und Erschließung von Nachlässen kaum erlaubt hatte. Nunmehr und während der nachfolgenden, ebenfalls von der DFG unterstützten Forschungen zur Emigration standen dank ausreichender Mittel und eines von den Projektpartnern des Instituts mitgetragenen Sammlungsauftrags die Zeichen günstig. Innerhalb weniger Jahre mehrten sich die Nachlaßbestände des IfZ-Archivs - heute über 200 größere Sammlungen - um ein Vielfaches. Die noch zu dessen Lebzeiten übereigneten Papiere des Emigranten und nachmaligen bayerischen Ministerpräsidenten Wilhelm Hoegner gehören mit den Nachlässen von Otto Straßer, Konrad Heiden, Karl Thieme, Fritz Eberhard, Gerhard Masur oder Karl Otto Paetel zu den bekanntesten Erwerbungen dieser Zeit.

Viele der Nachlaßgeber hatten nach der Rückkehr aus dem Exil Anschluß an die politischen, administrativen und kulturellen Eliten der Bundesrepublik gefunden oder waren Teil eines nonkonformistischen Netzwerks geworden. Ihre Erfahrungen mit der vergleichsweise raschen und forschungsnahen Erschließung ihrer Papiere in einem weitgehend staatsfreien und parteiunabhängigen Institut von internationalem Renommée trugen dazu bei, daß sich in steigender Zahl Persönlichkeiten mit ganz unterschiedlichem Lebenshintergrund den Erwerbungsinitiativen des IfZ-Archivs öffneten bzw. von sich aus privates Schriftgut und Akten von Parteien, Verbänden und Zirkeln, die sie geleitet oder in denen sie mitgewirkt hatten, dem Institut zur Übernahme anboten - und häufig aus Überzeugung nur diesem allein. Natürlich sind diese Aufzeichnungen zum Teil archivische Wertpapiere mit späten Fälligkeitsterminen: Von vereinbarten Sperrfristen einmal abgesehen, muß oft noch geraume Zeit ins Land gehen, bis die dort dokumentierten Ereignisse und Zusammenhänge zum Gegenstand geschichtswissenschaftlicher Erforschung geworden sind. Ebenso wie Druckschriften, Presseerzeugnisse und "graue Literatur" können sie kaum mehr sein als vielleicht bedeutsame Stücke für das Quellenmosaik individueller Forschungsvorhaben, dessen weitere Teile außerhalb des Instituts gesucht werden müssen.

Selbstverständlich war diese Ausdehnung des Sammlungsbereichs dem Haus durchaus nicht unwillkommen. Ersatz für einen kompakten Quellenfundus zur Erforschung bestimmter zeitgeschichtlicher Dezennien konnte sie freilich nicht bieten. Anfang der Achtzigerjahre wurde sein Fehlen in bezug auf die sich anbahnende Beschäftigung mit den beiden deutschen Nachkriegsstaaten zu einem erstmals nicht mehr auflösbaren Problem: Zwei Jahrzehnte zuvor war es dank glücklicher Umstände und zusätzlicher Finanzierung gelungen, mit den Aktenfilmen aus Washington den Vorsprung der Gründerzeit fortzuschreiben. Die Befürchtung, daß das Archiv mit dem Schritt in die Nachkriegsperiode seine Quellenkompetenz einbüßen würde, hatte in den Siebzigerjahren durch die Erwerbung der OMGUS-Dokumentation ihre Aktualität verloren. Ganz andere Bedingungen ergaben sich mit dem weiteren Fortschreiten von Zeitgeschichte in die Entwicklungsphase der deutschen Teilrepubliken. Zur neuen "Normalität" gehörten nun eigene staatliche Archivorganisationen, die die Überlieferungen von Regierungen und Behörden souverän verwalteten und sie der individuellen Nutzung an Ort und Stelle anboten bzw. dem westlichen Klassenfeind rigoros verweigerten.

In einer programmatischen Aufzeichnung, die der Direktor im Zusammenhang mit der Emeritierung des Archivleiters Anton Hoch den Stiftungsgremien vorlegte, findet sich auf dieses Problem noch keine schlüssige Antwort. Der Auftrag an das Archiv ist nach wie vor von den Arbeitserfahrungen mit den Nürnberger Dokumenten und der Washingtoner Aktenverfilmung bestimmt. Schwerpunkt der archivischen Tätigkeit sollte es weiterhin sein, für Arbeitsvorhaben des Instituts staatliche Aktenüberlieferungen - möglichst als Blattkopien und nicht auf nur mühsam handhabbaren Mikroformen - ins Haus zu bringen und "durch optimale Erschließung ... eine zielstrebige und rasche Auffindbarkeit von Einzeldokumenten in der Masse der überlieferten Quellen zu ermöglichen.... Von der Aktenverwahrung und -verzeichnung, wie sie in öffentlichen Archiven in aller Regel vorgenommen werden, unterscheidet sich die forschungsbezogene archivische Tätigkeit des Instituts für Zeitgeschichte vor allem dadurch, daß dessen Bestände intensiver und nicht nur nach Provenienzgesichtspunkten, sondern auch sachthematisch, nach Personenzusammenhängen u.a. erschlossen werden, da es ein zentrales Problem zeitgeschichtlicher Forschung bildet, den ungeheuren Menge überlieferter schriftlicher Quellen Herr zu werden und die gesuchten Informationen möglichst schnell zu finden." Das Ausmaß von Neuerwerbungen müsse, so Broszat, dort seine Grenze haben, wo mit der Personalausstattung der Abteilung die Feinerschließung durch Regesten und deren Vervielfältigung für die Sach- und Personenkartei in kurzen Zeiträumen nicht zu schaffen sein würde.

Die erste von Broszat beschriebene Grundregel, die ins einzelne gehende Quellenidentifizierung für Forschungszwecke, war bis dahin in der Tat Richtlinie der Archivarbeit gewesen. Ihre Umsetzung in praxi ist jedoch stets dann auf unüberwindbare Schwierigkeiten gestoßen, wenn die hierfür von dritter Seite gewährten Sondermittel erschöpft waren. Daß die zweite Handlungsanweisung, der Erwerbungsstopp unter nicht ausreichenden, d.h. regulären Haushaltsbedingungen, seit eh und je von der Archivleitung stillschweigend umgangen worden war, bewiesen zu dieser Zeit nicht nur die etwa tausend unbearbeitet gebliebenen Filmrollen aus Amerika, sondern auch die zum Teil außerordentlich wertvollen privaten Abgaben aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, die Anton Hoch in entlegenen Kammern für bessere Zeiten verwahrt hatte und die nun eine zusätzliche, aber höchst willkommene Arbeitslast bei der Neuprofilierung der Bestände werden sollten.

Da weit und breit eine Kooperation der staatlichen Archive zur Duplizierung ihrer Kernbestände für das Münchener Institut und die dafür unerläßlichen Gelder der Wissenschaftsförderung nicht in Sicht waren, konnte die Broszatsche Beschreibung letztlich nur Rückblick auf einen außergewöhnlichen und für die NS-Forschung konstitutiven Zeitabschnitt sein.

So war es kaum noch verwunderlich, daß wenig später der Wissenschaftliche Beirat das Arbeitskonzept der neuen Archivleitung ohne manifesten Widerspruch des Institutsdirektors absegnete: "Den großflächigen, das politische Handeln in einer zeitgeschichtlichen Periode annähernd abdeckenden Quellenfundus wird das IfZ-Archiv niemals mehr annähernd so bieten können, wie dies in Bezug auf die nationalsozialistische Zeit vorübergehend und ersatzweise der Fall gewesen ist. Es ergeben sich somit andere Schwerpunkte, die teilweise schon seit den Anfängen des Instituts verfolgt worden sind: 1. Die allgemeine archivarische und dokumentarische Tätigkeit im nichtstaatlichen bzw. sprengelfreien Raum. 2. Die Wahrnehmung von regionalen oder überregionalen archivischen Sonderaufgaben, evtl. in praktischem wie in formellen Konsens mit anderen Archiven bzw. in staatlichem Auftrag. 3. Zentrale Koordinations- und Serviceleistungen über den Erwerb und die Erschließung eigener Sammlungen hinaus". Die künftigen Erwerbungen des Archivs sollten sich demnach konzentrieren auf "persönliche Nachlässe, Dokumentensammlungen und Korrespondenzen, Niederschriften und Befragungsprotokolle (Zeugenschriften, Oral History), ungedruckte schriftliche Überlieferungen juristischer Personen im Bereich von Politik, Kultur und Wirtschaft, nicht für den Buchhandel hergestellte monographische und periodische Drucksachen von Parlamenten, Regierungen, Parteien und Verbänden, öffentliche Presseerzeugnisse, also Zeitungen und Zeitschriften und ihre dokumentarischen Derivate, d.h. sach- und personenbezogene Presseausschnittsammlungen, schließlich den Bereich von Kleinstschriften und Akzidenzien wie Flugblätter und Plakate."

Martin Broszat, dem neben der Wissenschaft auch die togetherness in seinem Institut ein hoher Wert war, hat sich mit dieser teilweisen Entfremdung zwischen archivischer Erwerbungspolitik und aktueller hauseigener Bestandsverwertung nie wirklich anfreunden können. Da andererseits mit den Akzessionszahlen des Archivs im nichtstaatlichen Quellenbereich und dem Zuspruch seiner auswärtigen Benutzer nicht wirklich zu rechten war, ergab sich für die Abteilung schließlich jener Handlungsfreiraum, der für den Weg in Richtung auf ein "echtes" Archiv notwendig war.

Die neuen Strukturen und Dienstleistungsfähigkeiten sind inzwischen von einer nachgerückten Forschergeneration im Hause angenommen worden. Sorge bereitet mittlerweile nicht mehr die Akzeptanz durch interne und externe Benutzer, sondern die Frage, ob es gelingen wird, das Spannungsverhältnis zwischen archivischen Herausforderungen und Haushaltsplan auszuhalten, mit den Möglichkeiten im EDV-Bereich gleichauf zu bleiben und in den zuletzt 1989 erweiterten Magazinen durch Ausbaumaßnahmen Platz für die Erwerbungen der Zukunft zu schaffen. Deren Art, Herkunft und Nutzung werden auch weiterhin von vielfältigen objekiven und subjektiven Faktoren abhängen - dies kann bei einem nach wie vor "sprengelfreien" Archiv nicht anders sein und erlaubt kein Ausruhen auf allfällig angesammelten Lorbeeren.

Das Archiv des Instituts für Zeitgeschichte beherbergt heute - neben den immer noch hilfreichen Mikrofilmbeständen der Nürnberger Dokumente, der Washingtoner Beuteakten und der wissenschaftlich noch lange nicht erschöpften OMGUS-Überlieferung - originäre Quellen zu unterschiedlichen Perioden, Lebens- und Politikbereichen der Zeitgeschichte, die an anderen Sammelstellen nicht bzw. nur in mehr oder weniger unsystematischer Überlieferung vorhanden sind. Sie werden seit etwa zwei Jahrzehnten durch allgemein übliche Hilfsmittel, d.h. in erster Linie durch Findbücher erschlossen, die zwar nach wie vor auf Fragestellungen der Forschung ausgerichtet sind, dem Beutzer aber doch eigenen Spürsinn und die Ausdauer beim Umgang mit Aktenbänden und Mikroformen nicht abnehmen. Daran wird und soll auch die vor einigen Jahren begonnene Erschließung der Bestände durch elektronische Datenverarbeitung nichts ändern; sie kann allerdings den Zugang zu den Quellen erheblich vereinfachen und die Findmittel zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht über das World Wide Web auch von der bisherigen Ortsgebundenheit lösen. Diese "Globalisierung" wäre dann in gewisser Weise symbolisch für einen fünfzigjährigen Entwicklungsgang, den das IfZ-Archiv teils zufällig, teils von äußeren Umständen bestimmt und nicht zuletzt auch mit zielgerichteter List genommen hat: An die Stelle der örtlichen Einheit von archivalischer Basis und eigener Wissenschaftsproduktion trat schrittweise ein Quellenangebot, das nur noch partiell den Forschungsvorhaben des Hauses unmittelbar dienlich ist. Mit der Diversifizierung und dem Originalcharakter seiner Sammlungen hat das Archiv andererseits dauerhafte Attraktivität innerhalb der Interessenvielfalt der Zeitgeschichtswissenschaft hinzugewonnen.

Bibliothek und Archiv des Instituts wären ohne ihre überregionale Inanspruchnahme letztlich nur komfortable Einrichtungen für den Hausgebrauch und würden dem Rationalisierungsdruck einer vernetzten Literatur- und Dokumentenersorgung aus zentralen Datenbanken wohl früher oder später zum Opfer fallen. Erst durch die ortsgleiche Nutzbarkeit von zeittypischem Schrifttum, von Forschungsliteratur, Arbeitsmitteln und originärem Archivgut für bestimmte - bei weitem nicht alle! - Forschungsfragen des Zeitgeschichtsspektrums summieren sich die mehr als 4.000 jährlichen Benutzereinträge in den Lesesaaljournalen von Archiv und Bibliothek. Die Clientéle ist inzwischen gut durchmischt: Neben jeweils weiblichen und männlichen Berufshistorikern, universitären Prüfungskandidaten und Studenten sind es unter anderem Heimat- und Familienforscher, Justiz- und Entschädigungsbehörden, Buchautoren und in anstrengendem Maße auch Film-, Fernseh-, Presse- und Ausstellungsmacher aus dem In- und Ausland, die in den Sammlungen wesentliches für ihre Vorhaben vermuten und bei ihren Recherchen offenbar auch fündig werden. Dabei hat der Gründungsauftrag an das Haus, die Dokumentation und Erforschung der zwölf nationalsozialistischen Jahre und ihrer Vorgeschichte, nach wie vor seinen Platz. Darüber hinaus aber spannt sich ein weiter Bogen zeitlich, methodologisch und inhaltlich unterschiedlicher Erkenntnisinteressen der Politik-, Gesellschafts-, Institutionen-, Wissenschafts- und Kulturgeschichte.

Das Haus in der Münchener Leonrodstraße ist für den Forscher heute in der Regel nur eine von vielen Stationen auf dem Weg durch die deutsche und internationale Archivlandschaft. Dies mag die Vermutung untermauern, daß aus dem Institutsarchiv mittlerweile doch ein echtes, wenn auch nicht ganz normales Archiv geworden ist.


 
 
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