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16.05.2012 :: Deutsch :: Druckversion
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Enttäuschung in der Demokratie. Deutschland und Frankreich in den 1960er bis 1980er Jahren

Bearbeiter: Bernhard Gotto


Das Vergleichsprojekt zielt darauf ab, über einen kulturgeschichtlichen Zugang längerfristige gesellschaftliche Wandlungsprozesse im Verhältnis vom Individuum zum Staat zu erfassen. Methodisch fußt der Ansatz auf der Emotionsgeschichte, die in den letzten Jahren einen starken Aufschwung genommen hat, aber in der Zeitgeschichtsforschung noch kaum angewendet wird. Emotionsgeschichte geht von der Prämisse aus, dass Gefühle nicht nur das individuelle Verhalten beeinflussen, sondern auch „soziale Handlungsmacht“ (Ute Frevert) besitzen. Mit „Enttäuschung“ nimmt das Projekt ein Gefühl ins Zentrum, das bislang weder in den Human- noch in den Geisteswissenschaften Gegenstand empirischer Untersuchungen ist. Darum besteht eine zentrale Innovation des Projektes darin, Enttäuschung überhaupt erst zu konzeptionalisieren und für die Kultur- sowie die Gesellschaftsgeschichte fruchtbar zu machen.

Enttäuschung ist ein alltägliches Phänomen; als Gegenstand einer historischen Analyse bedarf sie eingrenzender Kriterien. Erstens muss es sich um ein kollektives Gefühl handeln und nicht um eine individuelle Befindlichkeit. Diese Einschränkung ist unvermeidlich, um zu verallgemeinbarkeitlichen Aussagen über das Verhältnis zwischen Staat und Bürgern zu kommen. Sie hat auch eine heuristische Seite, denn Aussagen über kollektive Gefühlslagen lassen sich in den Quellen von intermediären Organisationen erwarten. Zweitens soll Enttäuschung dann näher betrachtet werden, wenn sie Folgen nach sich zieht. Dass dies überhaupt geschieht, ist eine Vorannahme, auf der das gesamte Forschungsprojekt beruht: Kollektive Emotionen beeinflussen die nicht nur die politische Einstellung, sondern auch das politische Handeln. Drittens schließlich fallen nur solche Enttäuschungen in das Untersuchungsraster, deren Fokus der Staat ist.

Mit Hilfe des Konzepts der Enttäuschung soll der Wandel im Verhältnis vom Bürger zum Staat eruiert werden. Erwartungen und Enttäuschen sind ein Spiegel von aktuellen Problemlagen, vor allem aber auch Zukunftsprojektionen.  Mit der Enttäuschung kommen daher Konzepte und Vorstellungen von Staat und Staatlichkeit in den Blick. Durch den Vergleich zwischen Deutschland und Frankreich werden gemeinsame Muster hervortreten, die vermutlich paradigmatisch für die Demokratien Westeuropas stehen. Viel spricht dafür, dass lang andauernde Aufgabenfelder bzw. Problemlagen wie Arbeitslosigkeit, Erhaltung der sozialen Sicherungssysteme, Integration von Migranten oder Umweltschutz sich auf beiden Seiten des Rheins durch Enttäuschung analysieren lassen. Die Ausprägung der Enttäuschung dürfte jedoch auf verschiedenen Politikfeldern unterschiedlich stark ausgeprägt sein, obwohl in beiden Ländern die Politikverdrossenheit generell ein Dauerthema der politischen Kultur ist. Über Enttäuschung werden – so die Arbeitshypothese – also auch nationale Charakteristika deutlich hervortreten.

Die leitende Fragestellung lautet, welche Auswirkungen kollektive Emotionen auf politisches Handeln haben. Daran knüpfen sich diverse Nach- oder Unterfragen:

  • Auf welche Institutionen und Akteure richten sich Erwartungen und Enttäuschungen?
  • Welche Regelungskompetenz schreiben die Bürger dem Staat zu?
  • Welche individuellen Faktoren (z.B. Alter, Bildungstand) spielen für das Gefühl der Enttäuschung eine Rolle?
  • Welchen Konjunkturen und Schwankungen unterliegt die Enttäuschung während der Genese, der Ausführung und der Nachwirkung eines politischen Projektes oder Prozesses?
  • Produziert die Demokratie notwendigerweiser Enttäuschung, weil die politischen Akteuren in Wahlkämpfen stets mehr versprechen, als eine Regierung in einer Legislaturperiode mit begrenzten Mitteln einlösen kann?
  • Welche Auswirkungen hat Enttäuschung auf die politische Kultur?

Das Projekt soll 2014 abgeschlossen werden.


Stand: April 2011







 
 
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