Enttäuschung im 20. Jahrhundert. Utopieverlust — Verweigerung — Neuverhandlung

Seit Juni 2012 besteht am Institut für Zeitgeschichte eine Leibniz Graduate School. Das Kooperationsprojekt mit der Ludwig-Maximilians-Universität München wird von Andreas Wirsching, Margit Szöllösi-Janze, Martin Baumeister und Martin Geyer geleitet; Koordinator ist Bernhard Gotto. Bis 2015 entstehen insgesamt sechs Qualifikationsarbeiten. Ihr gemeinsames Erkenntnisinteresse besteht darin, Enttäuschung als Kategorie historischer Erfahrung zu etablieren. Alle Arbeiten gehen davon aus, dass auch Gefühle „Geschichte machen“ können: Sie haben Einfluss auf Entscheidungsprozesse, sie stiften sozialen Zusammenhalt und geben kollektivem Verhalten eine Richtung, sie prägen die Erinnerung und strukturieren Zukunftserwartungen. Mit Enttäuschung nimmt das Projekt eine Alltagserfahrung in den Blick. Das Ziel der Graduate School besteht darin, die historische Relevanz dieses Gefühls exemplarisch aufzuzeigen. Alle Teilprojekte fragen daher auf den unterschiedlichsten Feldern nach den Folgen, die Enttäuschungen nach sich ziehen. Dafür gehen sie von einem analytischen Enttäuschungsbegriff aus, der in jedem Einzelprojekt konkretisiert werden muss. Gemeinsamer Ausgangspunkt ist der Zusammenhang zwischen Erwartungen und Enttäuschung: Enttäuschung ist demnach eine psychologische Reaktion darauf, dass sich eine zuvor gehegte Erwartung nicht erfüllt. Grundsätzlich lassen sich zwei Strategien unterscheiden, um Enttäuschungen zu begegnen: Entweder, die Erwartungen werden gesenkt, oder das enttäuschende Ergebnis eines Handlungsablaufes wird zur Disposition gestellt. Alle Arbeiten analysieren ihr Quellenmaterial mit Hilfe eines idealtypischen Rasters von drei Reaktionsformen: Enttäuschungen können Verweigerung hervorrufen, dann bleiben die Erwartungen konstant. Werden die Erwartungen an eine neue Situation angepasst, lässt sich dies als rational verarbeiteter Utopieverlust bezeichnen. Weiterhin besteht die Möglichkeit, sowohl Erwartungen als auch das Ergebnis, das zu Enttäuschungen führte, zu verändern, also zur Neuverhandlung sozialer und kultureller Prioritäten. Alle Arbeiten legen überdies ein grundsätzlich konstruktivistisches Verständnis von Enttäuschung zugrunde. Die Analyse zielt nicht auf „reale“ Gefühle, sondern beschäftigt sich mit Gefühlsäußerungen. Enttäuschung wird also in erster Linie als kommunikativer Code betrachtet, dessen Verwendungsweise jeweils im konkreten Einzelfall untersucht werden soll.
Die Graduiertenschule fügt sich in die Nachwuchsförderung des IfZ ein. Sie bietet den Promovierenden eine strukturierte Doktorandenausbildung und privilegierte Qualifizierungs- und Betreuungsmöglichkeiten.

Erwartungen so hoch wie die Häuser selbst
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Engagement, Erwartung und Enttäuschung bei britischen NGO-Aktivisten
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Marinegeschichte als Enttäuschungsgeschichte. Enttäuschung – Planung – Experten und die deutsche Marine 1871-1928
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