Nationalbibliothek im geteilten Land: Die Deutsche Bücherei 1945-1990

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  Dr. Christian Rau

Projektinhalt:  

Das von der Deutschen Nationalbibliothek geförderte Post-Doc-Projekt widmet sich der wechselvollen Geschichte der 1912 vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels gegründeten Deutschen Bücherei unter den Bedingungen der SED-Diktatur. Dabei nahm die Bibliothek nicht nur als größte wissenschaftliche Bibliothek eine Sonderstellung im Bibliothekswesen der DDR ein, sondern ihr gesamtdeutscher Sammelauftrag und die Gründung der Deutschen Bibliothek in Frankfurt am Main 1946 als „Deutsche Bücherei des Westens“ band die Bibliothek unmittelbar in die „asymmetrisch verflochtene Parallelgeschichte“ des geteilten Deutschland und die Konflikte des Kalten Krieges ein.

In den Erinnerungen ehemaliger Bibliothekare wird die Geschichte der Nationalbibliothek stets unter dem Narrativ der Selbstbehauptung erzählt. Nicht reflektiert wird dabei jedoch, dass der Begriff Nationalbibliothek vielmehr als Chiffre für das institutionelle Selbstverständnis der Deutschen Bücherei zu begreifen ist, die sich im Verlauf der 1920er Jahre im öffentlichen Diskurs zu verselbstständigen begann und als kulturelle Ressource im politischen Prozess systemübergreifend eingesetzt werden konnte. Das Projekt nimmt dies zum Ausgangspunkt  und greift damit über die mit dem institutionengeschichtlichen Ansatz verbundenen Fragen nach Strukturen und Personen hinaus. In Anknüpfung an Mitchell Ashs Konzept „Politik und Wissenschaft als Ressourcen füreinander“ legt die Studie vielmehr den Fokus auf die Wechselbeziehungen zwischen der Deutschen Bücherei und der SED, aber auch auf die Frage nach ihrer Verortung und ihren Beziehungen im gesamtdeutschen Kontext. Die Geschichte der Deutschen Bücherei spiegelt damit über ihren engen institutionellen Rahmen hinaus die Verflechtungen beider deutscher Teilstaaten wider.

An der Schnittstelle von Politik-, Kultur- und Alltagsgeschichte und auf Basis von Aktenüberlieferungen aus 13 Archiven betrachtet die Studie das konfliktträchtige Wechselverhältnis zwischen Transformation und Kontinuität anhand folgender Untersuchungsebenen:

  1. Die Integration der Deutschen Bücherei in die Bibliothekspolitik der DDR, personelle Netzwerke zwischen Bibliothek und Verwaltung, Auswirkungen der SED-Diktatur auf Personalpolitik und Institutionenkultur
  2. Die Beziehungen und Verflechtungen der Deutschen Bücherei mit der Deutschen Bibliothek und den westdeutschen Verlegern, Reaktion der Bundesministerien (Bundesministerium des Innern, Bundesministerium für Gesamtdeutsche Fragen/Innerdeutsche Beziehungen) auf die Deutsche Bücherei und Interessenkonflikte mit der Deutschen Bibliothek und den Verlegerverbänden, Beziehungen zwischen beiden Bibliotheken auf internationaler Ebene
  3. Die Deutsche Bücherei aus der Perspektive der Benutzer, Nutzerlenkung, Nutzungsverhalten, Zugang zu sekretierten Buchbeständen

 

 



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