Die grüne Herausforderung: Sozialdemokratische Umwelt- und Energiepolitik und das Verhältnis zu den Grünen 1975 - 1998

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  Felix Lieb M.A.

Projektinhalt:  

Die Bildung der rot-grünen Koalition 1998 unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer war alles andere als selbstverständlich: Die frühen Grünen verstanden sich explizit als Alternative zur SPD und stellten die Bedeutung wirtschaftlichen Wachstums für die Bundesrepublik Deutschland offen in Frage – und damit ausdrücklich eines der wichtigsten Prinzipien der Sozialdemokratie. Außerdem begann sich die SPD nach einer versuchten Annäherung an die Grünen in den 1980er-Jahren mit der Wende zu den 1990er-Jahren inhaltlich wieder deutlich von der ihnen wegzubewegen. Schröder selbst liebäugelte vor der Wahl noch mit einer Großen Koalition.

Die Grünen stehen stellvertretend für einige der Transformationsprozesse, die das politische System in Deutschland seit Mitte der 1970er Jahre erlebte: Bislang gängige Wachstums- und Fortschrittsdiskurse wurden hinterfragt, die repräsentative Demokratie wurde in ihrer Wirksamkeit und Legitimität angezweifelt und mit der Umwelt-, Gleichstellungs- und Friedenspolitik traten neue Themen auf die politische Agenda, die sich oftmals nicht ins gewohnte Rechts-Links-Schema der politischen Auseinandersetzung einordnen ließen.

Als Anwalt der Industriearbeiterschaft, Verfechter wirtschaftlichen Wachstums und „Staatspartei“ (Kurt Klotzbach) war die SPD von der neuen, grünen Konkurrenz besonders betroffen. Wie die SPD mit den Grünen, ihren inhaltlichen Akzenten und ihrem Politikverständnis umging, liefert also Erkenntnisse darüber, wie sich die deutsche Sozialdemokratie allgemein gegenüber den politischen Veränderungen in der Epoche „nach dem Boom“ bzw. dem „Wandel des Politischen“ positionierte. Auf vier Ebenen soll dies untersucht werden: Erstens ist von Interesse, inwieweit ein gefühlter politischer Druck durch die Grünen Einfluss darauf hatte, wie sich die SPD vor allem in den Feldern der Umwelt- und Energiepolitik positionierte. Zweitens wird untersucht, wie im Zuge sozialdemokratischer Identitäts- und Programmdebatten vor allem in den 1980er Jahren eine „grüne“, „postmaterialistische“ Sozialdemokratie verstanden und aus welchen Gründen von diesen Ideen später wieder Abstand genommen wurde. Drittens wird analysiert, aus welchen Gründen rot-grüne Koalitionen in den Bundesländern zustande kamen, letztlich scheiterten oder erst gar nicht in Erwägung gezogen wurden. Viertens und letztens stehen die unterschiedlichen Milieus im Blickpunkt: Sozialdemokraten und Grüne trennten nicht nur unterschiedliche politische Positionen, sondern auch andere Lebensstile. Diesbezüglich wird gefragt, ob die Annäherung an grüne Lebensweisen in der SPD-Mitgliederschaft deren endgültiges Ende als Arbeiterpartei bedeutete.

Durch das Einbeziehen unterschiedlicher Hierarchieebenen in der SPD, den erweiterten Blick auf das sozialdemokratische Milieu inklusive der Gewerkschaften und der Berücksichtigung sozial- und kulturgeschichtlicher Perspektiven soll das Promotionsprojekt klären, wie stark sich der „Wandel des Politischen“ auf die deutsche Sozialdemokratie auswirkte, welche Gegentendenzen insbesondere nach der Wiedervereinigung erkennbar waren und wie stark die Veränderungen „nach dem Boom“ insgesamt an das politische System der Bundesrepublik rückgekoppelt waren.

Finanziert durch die Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn

 

 



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