„Heimaturlaub“ – Soldaten zwischen Front, Familie und NS-Regime

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  Dr. des. Christian Packheiser

Projektinhalt:  

Der Zweite Weltkrieg stellte einen gravierenden Einschnitt für die privaten Lebensentwürfe nahezu der gesamten deutschen Bevölkerung dar. Rund 18 Millionen Wehrmachtsoldaten sahen sich ihrer gewohnten Lebenswelt enthoben. Sie mussten sich in einem militärischen Umfeld neu zurechtfinden, das kaum Raum für selbstbestimmte Handlungen ließ. Aufgrund der langen Abwesenheit und divergierender Erfahrungen begleiteten immer öfter Irritationen das kurze Wiedersehen mit den Angehörigen in der Heimat. Aus Sicht des Regimes erlangten das Auftreten der Fronturlauber und die Qualität ihrer persönlichen Bindungen schließlich kriegsbestimmende Bedeutung.

Anhand von drei Themenkomplexen analysiert Christian Packheiser das konflikthafte Aufeinandertreffen ziviler Wünsche und staatlicher Interessen im Fronturlaub:
Erstens werden der historische Kontext und die Urlaubsvergabe in Norm und Praxis in den Blick genommen. Die propagandistische Beteuerung des Regimes, mehr Privatheit zuzugestehen als die Oberste Heeresleitung im Ersten Weltkrieg, verweist auf die Bedeutung befristeter Freistellungen als pragmatisches Herrschaftsinstrument. Der Vergleich mit alliierten Streitkräften vertieft diesen Befund. Stärker als die demokratisch legitimierten Staaten des Westens war die NS-Diktatur darauf angewiesen, die Stimmung der Bevölkerung mit materiellen wie immateriellen Verheißungen zu stimulieren. Folglich wird untersucht, ob sich innerhalb der Vergabepraxis von Fronturlaub eine wachsende Bereitschaft zeigte, veränderte heimatliche Verhältnisse und private Beziehungsstrukturen zu berücksichtigen.
Zweitens gilt das Augenmerk den Intentionen des Regimes, Hoheit über die Performanz der Urlauber im öffentlichen Raum zu gewinnen. Der Maßnahmenkatalog, um ihr Verhalten zu beeinflussen, reichte von Steuerungsversuchen bis hin zu restriktiver Überwachung. Gratifikationen, die an das soldatische Selbstverständnis appellierten, zählten ebenso dazu wie das Einschreiten gegen „Defätismus“. Da die staatliche Fürsorge doppelpolig auf Kontrolle durch Konzession zielte, wird der sukzessive Ausbau von Betreuungsinstanzen für Fronturlauber beleuchtet. Die mediale Inszenierung der Soldaten sollte in erster Linie das Rückgrat der Heimatfront stärken. Dies führt zu der Frage, inwieweit das äußere Erscheinungsbild der Urlauber zum Gradmesser innerer Loyalität avancierte. Schließlich ermittelt die Betrachtung familiär motivierter Normbrüche die Bereitschaft, zur Verteidigung privater Bastionen teils erhebliche Sanktionen in Kauf zu nehmen.
Drittens widmet sich die Untersuchung dem Wiedersehen der Soldaten mit ihren Familien. Steuerungsversuche durch das NS-Regime sind vor allem dann zu unterstellen, wenn die häusliche Harmonie gefährdet und der Einsatzwille der Kämpfer bedroht schien. Gleichzeitig wurden enorme Anstrengungen unternommen, um Soldaten Paarfindung und Eheschließung zu erleichtern und die Geburtenrate zu steigern. In diesem Kontext interessiert der Widerstreit zwischen dem Fronturlaub als staatlich konzipiertem Raum männlicher Regeneration und der realen Aushöhlung tradierter Rollenzuschreibungen. Für die betroffenen Familien war das Aufeinandertreffen stark durch die unterschiedlichen Erfahrungen während der Zeit der Trennung geprägt. Diese spiegelten sich häufig in den Hoffnungen wieder, die die Protagonisten auf den Fronturlaub richteten, wobei die Kongruenz der Erwartungen die Qualität des Wiedersehens prägte. Die Beantwortung der Frage, inwieweit die individuellen Wünsche wiederum mit den Forderungen des Regimes korrelierten, lässt abermals Schlüsse über die systemstabilisierende Funktion des Fronturlaubs zu.

Die Studie wurde im Wintersemester 2017/18 als Dissertation an der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften der Ludwig-Maximilians-Universität München angenommen.

 

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