Wandler zwischen den Welten. Karl Süßheim (1878-1947): Jude, Deutscher, Orientalist

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  Kristina Milz M.A.

Projektinhalt:  

Jude, Deutscher, Orientalist: Die Biografie Karl Süßheims – als tiefgläubiger Jude verheiratet mit einer Katholikin, als Patriot verfolgt von nationalsozialistischen Behörden und als Wissenschaftler fasziniert von der islamisch-orientalischen Welt – offenbart eine Verbindung, in der sich die scheinbaren Widersprüchlichkeiten und möglichen Lebensentwürfe im Deutschland der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in besonderer Weise spiegeln. Das Dissertationsprojekt setzt sich unter der Fragestellung nach Kulturtransfer, Identitätskonstruktionen und Wahrnehmung fremder Kulturen biografisch mit dem bisher in der Geschichtswissenschaft kaum beachteten deutsch-jüdischen Orientalisten auseinander.

 

Karl Süßheim war 1911 zunächst Privatdozent, später außerordentlicher Professor für islamische Geschichte und orientalische Sprachen an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Mittelpunkt stehen Süßheims komplexe Identitätskonstruktion als im Umfeld des deutschen Kaiserreichs sozialisierter deutsch-jüdischer Gelehrter der Orientalistik, sein reger Austausch mit Intellektuellen aus der osmanisch-türkischen Welt sowie dessen Niederschlag in der jeweiligen Kultur. Der Kernbereich der Untersuchung liegt vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Jahr 1933, dem Beginn der Diskriminierung, Entrechtung, Verfolgung und schließlichen Ermordung der europäischen Juden. Süßheim fiel dem „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zum Opfer, durfte ab dem Wintersemester 1933 weder lehren noch seiner wissenschaftlichen Tätigkeit ungehindert nachkommen. Der Austausch mit orientalischen Freunden indes blieb erhalten und beinhaltete zunehmend auch die Situation der Juden im „Dritten Reich“ sowie die Möglichkeit zur Emigration. Nach einer 16-tägigen Haft im Konzentrationslager Dachau im Jahr 1938 entschloss sich Süßheim zur Emigration in die Türkei. Dieses komplexe Unterfangen zog sich bis ins Jahr 1941 hin, als er eine Stelle an der Istanbuler Universität antrat. Der Wandel der Identität Süßheims und die Bemühungen, sich in der seit seinen Studienaufenthalten stark veränderten türkischen Kultur zurechtzufinden, sollen analysiert werden.

 

Die Dissertation kann auf einen umfangreichen Quellenkorpus zurückgreifen. Besondere Bedeutung nehmen darin Süßheims auf Osmanisch und Arabisch verfassten Tagebücher, sein Schriftverkehr mit Intellektuellen aus der orientalischen Welt sowie das wissenschaftliche und publizistische Werk, das er hinterlassen hat, ein.

 

 



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