„Heimaturlaub“ – Soldaten zwischen Front, Familie und NS-Regime

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  Christian Packheiser M.A.

Projektinhalt:  

Der Zweite Weltkrieg stellte einen gravierenden Einschnitt für die privaten Lebensentwürfe nahezu der gesamten deutschen Bevölkerung dar. Rund 18 Millionen Wehrmachtsoldaten sahen sich ihrer gewohnten Lebenswelt enthoben. Sie mussten sich in einem militärischen Umfeld neu zurechtfinden, das kaum Raum für persönlich motivierte und selbstbestimmte Handlungen ließ. Ihr Fehlen in der „Heimat“ führte zu Entbehrungen und Rollenverschiebungen in ihren Familien. Dies bedeutete wiederum eine enorme Belastung für die Beziehungen der Angehörigen untereinander. Christian Packheiser analysiert in seiner Studie den Stellenwert des Fronturlaubs, auf den sich zahlreiche private Wünsche, Hoffnungen und Sehnsüchte der Zeitgenossen konzentrierten. Wie gestaltete sich das Wiedersehen mit den Familien? Wurden die auf beiden Seiten hohen Erwartungen erfüllt oder durch Erfahrungen der Entfremdung enttäuscht? Zentral ist in diesem Zusammenhang die Untersuchung der im Kriegsverlauf immer weiter divergierenden Erfahrungsräume und Wahrnehmungshorizonte zwischen den Protagonisten an den verschiedenen europäischen Fronten und im sogenannten Heimatkriegsgebiet: Erleben von Gewalt und Tod entfremdete die Soldaten zusehends von ihrem vormaligen zivilen Referenzrahmen. Ebenso konnte die Einbettung in den Kameradenkreis subjektiv den Eindruck evozieren, in der Ferne zumindest in Ansätzen eine Form von Kompensation für Heim und Familie gefunden zu haben. Beides führte nicht selten zu Irritationen und Gefühlen der Deplatziertheit während des Fronturlaubs. Auf der anderen Seite sahen sich die Angehörigen zuhause wachsenden Belastungen infolge des sich intensivierenden Luftkrieges, von Arbeitsdienstpflicht und neuen Herausforderungen bei der Bewältigung von Haushalt und Familie ausgesetzt. Spannungen, Kommunikationsbarrieren, das Aufeinandertreffen von der Realität abgekoppelter Ansprüche aneinander, aber auch die Tendenz, latent schwelendes Konfliktpotenzial zu ignorieren und den Schein unbeschwerter Harmonie zu wahren, sind charakteristische Merkmale des zeitlich befristeten Wiedersehens vieler Soldatenfamilien während des Zweiten Weltkrieges.
Einen weiteren Schwerpunkt der Studie bilden die Intentionen des Regimes, Kontrolle über die Performanz der Soldaten während des Fronturlaubs zu gewinnen und ihr Verhalten in der Öffentlichkeit, aber auch im privaten Alltag zu beeinflussen. Der Maßnahmenkatalog reichte von positiv konnotierten Präformierungsmethoden wie Betreuung, Gratifikationen und Ehrenbezeugungen, die an das soldatische Selbstverständnis appellierten, über Steuerungsversuche mittels Propaganda und inszenatorischer Instrumentalisierung der Soldaten, bis hin zu restriktiver Überwachung, um antizipierten Normüberschreitungen und „Defaitismus“ entgegenzuwirken. Insbesondere der Kampf um die Deutungshoheit über das Kriegsgeschehen und wachsende Schwierigkeiten, Stimmung und Haltung mittels offizieller Agitation wunschgemäß zu lenken, ließen den Fronturlaub aus Sicht von Partei und Wehrmacht in steigendem Maße in einem ambivalenten Licht erscheinen.
Diese Zusammenhänge weisen den Fronturlaub als eine interessante Schnittstelle zwischen Militär- und Zivilgesellschaft aus, bei der es auszuloten gilt, wo sich die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit eingependelt hat.


--> Zurück zum Projekt "Das Private im NS"

 

 



Zurück zur vorherigen Seite


© Institut für Zeitgeschichte