NS-Belastungen im bundesdeutschen Atom- bzw. Forschungsministerium, 1955-1972

 

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (IfZ):  Prof. Dr. Thomas Raithel, Dr. Niels Weise

Projektinhalt:  

Das Projekt untersucht die institutionellen, personellen und wissenschaftspolitischen Belastungen aus der Zeit des nationalsozialistischen Regimes, die es von 1955 bis 1972 in den Vorgängerinstitutionen des heutigen Bundesministeriums für Bildung und Forschung gegeben hat (1955-1957 Bundesministerium für Atomfragen, 1957-1961 Bundesministerium für Atomkernenergie und Wasserwirtschaft, 1961-1962 Bundesministerium für Atomkernenergie, 1962-1969 Bundesministerium für wissenschaftliche Forschung, 1969 bis 1972 Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft). Dabei kann auf den Ergebnissen einer im Jahr 2014 vom IfZ angefertigten Machbarkeitsstudie aufgebaut werden.

Folgende wissenschaftliche Ziele stehen im Mittelpunkt des Projekts:

  1. Analyse der Frage institutioneller Kontinuität und Diskontinuität: Im Vergleich zu den meisten anderen bundesdeutschen Ressorts bildet das Atom- bzw. Forschungsministerium einen Sonderfall. Das nationalsozialistische „Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung“ hatte in der Bundesrepublik keinen direkten Nachfolger gefunden, wofür zweifellos auch Erfahrungen aus der NS-Zeit maßgeblich waren. Das 1955 in einer sehr spezifischen historischen Situation gegründete Atomministerium wurde dann zur Keimzelle eines bundesdeutschen Forschungs- und Wissenschaftsministeriums, das sich nach und nach – föderalistisch eingeschränkte – Kompetenzen aneignen konnte.
  2. Differenzierte prosopographische Analyse des ministeriellen Führungspersonals: Die Frage nach der NSDAP-Mitgliedschaft bildet hierbei ein wichtiges, aber keineswegs isoliert zu betrachtendes Kriterium. Da in den ersten Jahren des Ministeriums der mit Vertretern aus Wissenschaft, Gesellschaft und Wirtschaft besetzten „Deutschen Atomkommission“ hohe Bedeutung zukam, sollen für diese Phase zudem auch die Mitglieder dieses Beratungsgremiums prosopographisch untersucht werden.
  3. Detaillierte biographische Analysen zu ausgewählten Personen des ministeriellen Führungspersonals: Diese speziellen Untersuchungen beziehen sich zum einen auf Personen, die an der Spitze des Ministeriums tätig waren (Minister und Staatssekretäre), zum anderen geht es um Ministerialbeamte, die möglicherweise eine schwere individuelle NS-Belastung aufweisen.
  4. Überprüfung möglicher wissenschaftspolitischer Kontinuitäten: Sollten sich im Einzelfall Verdachtsmomente auf eine schwere individuelle NS-Belastung bestätigen, wird die fachliche Tätigkeit der entsprechenden Person innerhalb des Ministeriums im Hinblick auf politisch-mentale Kontinuitätslinien zu analysieren sein. Daneben ist an mögliche Kontinuitäten in grundsätzlichen Sachfragen zu denken, beispielsweise bei Schwerpunkten der ministeriellen Forschungsförderung.


Insgesamt soll das Projekt die Untersuchungen stets im größeren Kontext der bundesdeutschen Institutionengeschichte verorten und die gewonnenen Ergebnisse mit den Resultaten zur NS-Belastung anderer bundesdeutscher Institutionen in Beziehung setzen.

 

Publikation
Raithel, Thomas: Machbarkeitsstudie: Vorgeschichte des Bundesministeriums für Bildung und Forschung bzw. seiner Vorgängerinstitutionen, München 2015.

 

 



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