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Galeazzo Ciano – Außenpolitik und Faschismus in Italien 1933-1944

Bearbeiter: Tobias Hof
Am 22. Mai 1939 traf der italienische Außenminister Galeazzo Ciano mit seinem deutschen Amtskollegen Joachim von Ribbentrop in der Berliner Reichskanzlei zusammen, um im Beisein Adolf Hitlers den „Stahlpakt“ zu unterzeichnen. Ciano war von der „spontanen“ und „großen Kundgebung“ (Ciano: Diario 1937-1943, S. 299) zu seinen Ehren beeindruckt. Er sah darin die Bestätigung und Anerkennung für seine bisherigen Dienste um die deutsch-italienische Annäherung, als deren Architekt er sich zu dieser Zeit noch sah. Der „Stahlpakt“ war Ausdruck und Grundlage der „faschistischen Herausforderung“ Europas, die unmittelbar zuvor mit dem Sieg der Armeen Francisco Francos in Spanien ihren ersten großen Erfolg verbucht hatte. Realisierte Ciano allerdings zu diesem Zeitpunkt, dass der Vertrag ein Meilenstein auf dem Weg zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts – den Zweiten Weltkrieg – war? Neben Benito Mussolini zählt sein Schweigersohn Galeazzo Ciano, Graf von Cortellazo und Buccari, zu den prominentesten Figuren des faschistischen Italiens. Seit seiner Ernennung zum Pressechef Mussolinis im Jahr 1933 avancierte er zu einem der Protagonisten des faschistischen Regimes und der internationalen Politik der 1930er und 1940er Jahre. Die Autoren, die sich bisher mit seiner Person auseinandersetzten, bieten fern theoretischer Reflexion und methodologischer Innovation lediglich deskriptive, unreflektierte Lebensbilder und erklären sein Handeln mit den Launen eines geltungssüchtigen, machthungrigen und opportunistischen Lebemannes. Die Schilderungen seiner privaten Affären und seines extravaganten Lebensstils überlagern seine seit Mitte der 1930er Jahre prominente Rolle im Faschismus. Selbst die jüngsten, quellenarmen Studien des französischen Historikers Michel Ostenc (Ostenc: Ciano, 2007) sowie des Amerikaners Ray Moseley (Moseley: Shadow, 1999) sind keine Ausnahme. Cianos pragmatischer Aktivismus, sein Glaube an einen steten dynamischen Prozess mit einem transzendenten Handlungsziel, an den Mythos der Jugend als geschichtsmächtiger Kraft und an das Charisma des Duce prägten aber nicht nur die italienische Außenpolitik für nahezu sieben Jahre, sondern Ciano wurde auch innenpolitisch zu einer der Schlüsselfiguren beim Versuch, die italienische Gesellschaft zu faschisieren. Aufgrund seiner Stellung bietet eine Studie über Galeazzo Ciano ein Erkenntnispotential, das weit über die eigentliche Person hinausgeht. Denn gerade das biographische Genre bietet die Chance, viele unterschiedliche methodische und thematische Fragestellungen „aufzunehmen und in einer Darstellung zu integrieren“ (Szöllosi-Janze: Lebens-Geschichte, S. 21). Wird Ciano somit unter Berücksichtigung der seit den 1970er Jahren entwickelten biographischen Methode nicht „aus den gesellschaftlichen Strukturen, in denen er lebte, die ihn prägten und auf die er anderseits selbst einwirkte“ (Bödeker: Biographie, S. 19), gelöst, sondern als Teil des sozioökonomischen, kulturellen und politischen Gefüges angesehen, dann lassen sich anhand seiner Person zentrale und ganz verschiedene Probleme der Faschismusforschung exemplarisch aufgreifen und vertiefen: erstens, die Funktionsweise des faschistischen Herrschaftsapparats, indem die Rolle Cianos im Faschismus untersucht wird; zweitens gewährt seine Außenpolitik tiefere Einblicke in die Beziehungen der „Achse“, der faschistischen Kriegsplanung und -führung sowie der italienischen Besatzungspolitik; drittens ermöglicht die Analyse der zeitgenössischen und postumen Wahrnehmung Cianos Aussagen über das Verhältnis der Gesellschaft zum faschistischen Regime und über die italienischen Erinnerungskultur. Durch das Brennglas der modernen Biographie lassen sich somit zentrale Fragen der Faschismusforschung näher beleuchten und damit neue Perspektiven unter anderem in folgenden Gebieten eröffnen:
- die Faschisierung der Gesellschaft, das Funktionieren des italienischen Regimes und die Bedeutung der Inszenierung und der Familie während der faschistischen Ära
- die vergleichende Faschismusforschung in den Bereichen Herrschaftssystem und -praxis sowie Besatzungs- und Rassenpolitik
- die internationalen Beziehungen von Mitte der 1930er bis Mitte der 1940er Jahre
- die Entwicklung und Kooperation der „Achse“ in Friedens- und Kriegszeiten
- die italienische Erinnerungskultur
Im Gegensatz zu den bisherigen Biographien über Galeazzo Ciano wird die geplante Studie neben den italienischen Archivmaterialien auch auf Dokumenten nicht italienischer Provenienz beruhen. Dabei besteht die Hoffnung, dass durch letztere ein ergänzender und neuer Blick auf den komplexen und teils widersprüchlichen Charakter Cianos ermöglicht wird, wie sie insbesondere dem Leser seines Tagebuchs entgegentritt. Aus diesem Grund werden zusätzlich zu den Recherchen in Italien vor allem Archive in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, der Schweiz und den Vereinigten Staaten von Amerika aufgesucht.
Das Projekt wird von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert.
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Stand: Juli 2011 
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