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23.05.2013 :: Deutsch :: Druckversion
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Gesellschaft und Politik in Bayern 1949 - 1973

Projektbeschreibung

1996 wurde im Institut für Zeitgeschichte ein vom Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst gefördertes Projekt begonnen, das sich unter dem Leitthema "Gesellschaft und Politik in Bayern 1949-1973" mit der Gesellschaftsgeschichte der fünfziger, sechziger und frühen siebziger Jahre befaßt. Anknüpfend an die Projekte zur Geschichte Bayerns in der NS-Zeit und zur Geschichte der amerikanischen Besatzungszone zwischen 1945 und 1949 wird mit diesem Projekt der Versuch gemacht, die Interdependenz von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Sinne einer politischen Sozialgeschichte zu erfassen und am Beispiel überschaubarer Räume zu veranschaulichen. Zugleich werden Frageraster und methodisches Instrumentarium jedoch so erweitert, daß sich Elemente der Alltags-, Erfahrungs- und Kulturgeschichte in den analytischen Rahmen des Projekts einbeziehen lassen.

Im Kern setzt sich das Bayern-Projekt, das Hans Woller leitet, mit drei Problemkomplexen auseinander: Mit der Frage nach der politischen Steuerung und Steuerbarkeit des sozioökonomischen Strukturwandels der fünfziger und sechziger Jahre; mit der Frage nach den Auswirkungen dieser Veränderungsprozesse auf die Gesellschaft bzw. auf ausgewählte gesellschaftliche Gruppen und soziale Milieus, wobei nach den Gewinnern und Verlierern des sogenannten Wirtschaftswunders ebenso gefragt wird wie nach der Entwicklung geschlechter- oder schichtspezifischer Lebenschancen. Schließlich gilt es zu untersuchen, wie sich im Zuge des Strukturwandels in Wirtschaft und Gesellschaft Mentalitäten und politische Einstellungen entwickelt haben, welchen Metamorphosen sie unterworfen waren, was sich halten konnte und was im Zuge des Wertewandels untergepflügt wurde.

Bayern wurde aus drei Gründen als Untersuchungsraum gewählt: Erstens verlief der Strukturwandel in den ausgedehnten ländlichen Regionen Bayerns besonders dramatisch; zweitens versuchte der bayerische Staat, energisch, steuernd einzugreifen; drittens läßt sich hier besonders anschaulich zeigen, wie im Zuge des Strukturwandels langfristig stabile Regionalismen und innergesellschaftliche Trennungslinien mehr und mehr an Bedeutung verloren - eine Art Einschmelzung, die auch in anderen Bundesländern zu beobachten war und die dort wie auch in Bayern mit der Hegemonialisierung des politischen Systems durch eine Partei einherging.

Bayern steht zwar im Mittelpunkt des Projekts, das heißt aber nicht, daß auf einen übergeordneten Bezugsrahmen oder auf vergleichende Perspektiven verzichtet werden soll, im Gegenteil: Wo immer es möglich ist, wird der Blick über Bayern hinaus gerichtet, denn erst der historische Vergleich ermöglicht sinnvolle Aussagen über Sonder- und Normalwege und läßt es zu, die scheinbare regionale Sonderentwicklung Bayerns in den westdeutschen Kontext einzuordnen.

Im Rahmen des Projekts entstehen vier Monographien. Stefan Grüner soll mit seiner Studie über die Wirtschafts- und Strukturpolitik in Bayern den politisch-institutionellen Rahmen für das gesamte Projekt erarbeiten, Thomas Schlemmer untersucht den Strukturwandel am Beispiel der Boom-Region Ingolstadt, Jaromír Dittmann-Balcar beschäftigt sich anhand von elf Landkreisen mit der gleichsam im Windschatten des sozioökonomischen Strukturwandels liegenden ländlichen Gesellschaft Bayerns, und Dietmar Süß erforscht die Geschichte der Arbeiterschaft und des sozialdemokratischen Milieus am Beispiel der alten Industrielandkreise Burglengenfeld und Sulzbach-Rosenberg in der Oberpfalz.

Um möglichst viele Facetten der sozialen, ökonomischen und politischen Prozesse beleuchten zu können, die nicht nur Bayern grundlegend verändert haben, wurden in Kooperation mit anderen Forschungseinrichtungen oder Kolleginnen und Kollegen, die über verwandte Themen arbeiten, drei Sammelbände erarbeitet. Der erste trägt den Titel "Die Erschließung des Landes" und enthält Beiträge, die den forcierten Ausbau der Infrastruktur in den fünfziger, sechziger und frühen siebziger Jahren nachzeichnen. Der zweite Sammelband beschäftigt sich mit der Entwicklung ausgewählter gesellschaftlicher Gruppen unter den Bedingungen des Strukturwandels der fünfziger und sechziger Jahre. Der dritte Sammelband mit dem Titel "Bayern im Bund" enthält dagegen vergleichend angelegte Studien, die sozioökonomische Veränderungsprozesse und politische Strategien im Freistaat mit der Entwicklung in anderen Bundesländern in Beziehung setzen oder kontrastieren.

Literaturhinweis: Thomas Schlemmer, Gesellschaft und Politik in Bayern 1949-1973. Ein neues Projekt des Instituts für Zeitgeschichte, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 46 (1998), S. 311-325.

Stand: April 2007


 
 
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