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16.05.2012 :: Deutsch :: Druckversion
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Die Krise der Arbeitsgesellschaft 1973 - 1989


Quantitative Ent­wick­lung, politische Initiativen, Perzeption und Erfahrungsgeschichte im europäischen Vergleich

Bearbeiter: Thomas Schlemmer, Thomas Raithel

Das Projekt

Die Debatte über die Krise der Arbeitsgesellschaft be­­gleitet den in­nen­­po­­li­ti­schen Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland seit gut dreißig Jahren, ohne daß man das Patentrezept ge­fun­den hätte, um eine of­fensichtlich chronische Krankheit zu ku­rieren. In der von Technikeu­phorie und Fort­schritts­op­ti­mis­mus geprägten De­ka­de nach 1965 war dies noch an­­ders. Da­mals hat­ten Wirtschaftsfachleute und Politiker ge­glaubt, Konjunkturkrisen mit neuen, auf Planung und Steue­rung ab­­zielenden In­stru­menten der politischen Ökonomie be­herr­schen zu kön­nen. Erste Er­folge wie die ra­sche Überwindung der Rezes­sion von 1966/67 schie­nen diesen Opti­mis­mus auch zu rechtfertigen. Doch schon mit dem Jahr 1973 wur­de klar, daß die Hoffungen auf eine dauerhafte Sicherung von Wachstum, Wohl­­­stand und Voll­be­schäftigung überzo­gen waren. Der Zu­sam­menbruch der Welt­wäh­rungs­­­­ord­­nung und der Ölpreisschock setzten dem Boom der Nach­kriegszeit ein Ende und zo­gen ein Phä­nomen nach sich, das man schon über­wun­den ge­glaubt hat­te: die Massen­ar­beits­lo­sig­keit. Waren 1973 im Bundesgebiet nur 270.000 Frauen und Män­ner arbeitslos ge­mel­det, so zählte man ein Jahr später schon 580.000; 1975 wur­de erstmals die Gren­ze von einer Mil­li­on über­schritten. Es zeig­te sich in diesen Jahren, daß die Maß­nahmen des Staa­tes un­voll­kommen grif­fen und der Ar­beits­markt nur zö­gerlich auf Wachs­­tums­­im­pul­se, aber dafür über­aus emp­find­lich auf Phasen kon­­junk­tureller Flaute re­agier­te. Der Sockel an Arbeits­losig­keit wuchs mit je­­der neuen Krise weiter an. So stieg die Zahl der Ar­­beits­losen in der Bun­desrepublik bis 1983 auf knapp 2,3 Mil­lio­nen an­­ und fiel trotz gün­sti­ger wirt­­schaft­li­cher Rah­men­be­din­gun­gen bis zum Fall der Berliner Mauer nie mehr unter die Zwei-Mil­lio­nen-Marke.

Obwohl die Krise der Arbeitsgesellschaft zu den zentralen Signaturen der deutschen und der eu­­­ro­päi­schen Geschichte seit dem letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts zählt, hat die Ge­­­schichts­wis­senschaft diesen Themenkomplex bislang fast vollständig vernachlässigt. Unser interdisziplinär und international angelegtes Projekt, das in Kooperation mit dem Münchner ifo Institut (Teilprojekt „Arbeitsmarktentwicklung im europäischen Vergleich“) durchgeführt wird, nimmt diese Herausforderung an­ und will damit auch ei­nen Beitrag zur aktuellen De­batte über die Zukunft des Sozialstaates lei­sten.

 

Die im Institut für Zeitgeschichte erarbeiteten Studien

a) Langzeitarbeitslosigkeit als Schicksal und politisches Problem. Die Bundesrepublik Deutsch­land, Italien und Großbritannien im Vergleich

Von der Situation in der Bundesrepublik Deutschland aus­­ge­hend, wird sich Thomas Schlem­mer am Beispiel der Langzeitarbeitslosen mit der eu­ro­päischen Dimension des Problems be­fas­sen, wo­­­bei vor allem Italien und Groß­bri­tan­nien zum Ver­gleich herangezogen werden sol­len. Wäh­­­rend die Bundesrepublik den mit­tel­eu­ro­pä­ischen Ty­pus des So­zial-, Wohl­fahrts- und In­ter­­­­­ventionsstaates mit hohem Leistungsniveau ver­kör­perte, stand Groß­­britannien für die li­­be­ra­le anglo-amerikanische Tradition schwach regulierter Ar­beits­­märkte bei niedrigen Lohn­er­­satz­­lei­stun­gen. In Italien dagegen war zwar ähnlich wie in Deutsch­­land die Rege­lungsdichte hoch, die Un­ter­stüt­zungs­­zahlungen an Arbeitslose wa­­ren dagegen im internationalen Ver­gleich nied­rig; al­lerdings gab es auf der Apennin-Halbinsel, wo die In­du­striali­sie­­rung erst spät zum Durch­bruch ge­langt war, noch Kerne der Subsistenz­wirt­schaft, die den Ar­­beitslosen Über­lebensstrategien er­mög­lichten, die ihren Schicksalsgenossen in Deutsch­land und Groß­bri­tannien bereits weitestgehend ver­­schlos­sen waren. Im einzelnen soll die Studie drei Pro­blem­komplexe untersuchen: Die quantitative Ent­wick­lung der Ar­beits­losigkeit und die Le­bens­wirklichkeit der dauerhaft von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen, die zumeist nur als sta­ti­stische Größe be­han­delt werden; die Perzeption und die Debatte in Politik, Pub­­li­zi­stik und Wis­sen­schaft vor dem Hintergrund der Erfahrungen in der Zwischenkriegszeit und in den Jahren nach 1945; und schließ­lich die Maß­nah­men, mit denen die Re­gie­run­gen auf die Krise der Ar­beits­ge­sell­­schaft und das Phänomen der Langzeitarbeitslosigkeit reagierten.

b) Jugendarbeitslosigkeit und Politik in der Bundesrepublik Deutschland und in Frankreich in den 1970er und 1980er Jahren

Das weitgehend abgeschlossene Projekt hat sich mit einem besonders beunruhigenden Aspekt der Massenarbeitslosigkeit beschäftigt. Im Mittelpunkt standen die Entwicklung sowie die politische und öffentliche Wahrnehmung von Jugendarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren. Eine von Thomas Raithel verfasste Monographie ist inzwischen für den Druck angenommen und wird im Herbst 2012 als Bd. 105 der Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte erscheinen.

In einem ersten Teil der Studie wird das Problem der bundesdeutschen Jugendarbeitslosigkeit analysiert und in den Zusammenhang des allgemeinen Strukturwandels jugendlicher Erwerbsarbeit gestellt. Der Blick auf andere Staaten Westeuropa ist dabei stets präsent, wobei insbesondere auch der Frage nachgegangen wird, warum Jugendarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik nicht so stark ausgeprägt war wie andernorts. In einem zweiten Teil der Studie werden charakteristische Wahrnehmungs- und Handlungsmuster untersucht, die innerhalb der politischen Eliten und der politischen Öffentlichkeit der Bundesrepublik die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Jugendarbeitslosigkeit bestimmten. Derartige Muster waren auch Ausdruck des generellen Verständnisses von „Jugend“ und ihrer Rolle auf dem Arbeitsmarkt, und sie spiegeln gleichzeitig jene Transformationen gesellschaftlicher Erwerbsarbeit, die seit den frühen 1980er Jahren als „Krise der Arbeitsgesellschaft“ diskutiert wurden.


Stand: Mai 2012







 
 
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