|
Die Krise der Arbeitsgesellschaft 1973 - 1989

Quantitative Entwicklung, politische Initiativen, Perzeption und Erfahrungsgeschichte im europäischen Vergleich
Bearbeiter: Thomas Schlemmer, Thomas Raithel
Das Projekt
Die Debatte über die Krise der Arbeitsgesellschaft begleitet den innenpolitischen Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland seit gut dreißig Jahren, ohne daß man das Patentrezept gefunden hätte, um eine offensichtlich chronische Krankheit zu kurieren. In der von Technikeuphorie und Fortschrittsoptimismus geprägten Dekade nach 1965 war dies noch anders. Damals hatten Wirtschaftsfachleute und Politiker geglaubt, Konjunkturkrisen mit neuen, auf Planung und Steuerung abzielenden Instrumenten der politischen Ökonomie beherrschen zu können. Erste Erfolge wie die rasche Überwindung der Rezession von 1966/67 schienen diesen Optimismus auch zu rechtfertigen. Doch schon mit dem Jahr 1973 wurde klar, daß die Hoffungen auf eine dauerhafte Sicherung von Wachstum, Wohlstand und Vollbeschäftigung überzogen waren. Der Zusammenbruch der Weltwährungsordnung und der Ölpreisschock setzten dem Boom der Nachkriegszeit ein Ende und zogen ein Phänomen nach sich, das man schon überwunden geglaubt hatte: die Massenarbeitslosigkeit. Waren 1973 im Bundesgebiet nur 270.000 Frauen und Männer arbeitslos gemeldet, so zählte man ein Jahr später schon 580.000; 1975 wurde erstmals die Grenze von einer Million überschritten. Es zeigte sich in diesen Jahren, daß die Maßnahmen des Staates unvollkommen griffen und der Arbeitsmarkt nur zögerlich auf Wachstumsimpulse, aber dafür überaus empfindlich auf Phasen konjunktureller Flaute reagierte. Der Sockel an Arbeitslosigkeit wuchs mit jeder neuen Krise weiter an. So stieg die Zahl der Arbeitslosen in der Bundesrepublik bis 1983 auf knapp 2,3 Millionen an und fiel trotz günstiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen bis zum Fall der Berliner Mauer nie mehr unter die Zwei-Millionen-Marke.
Obwohl die Krise der Arbeitsgesellschaft zu den zentralen Signaturen der deutschen und der europäischen Geschichte seit dem letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts zählt, hat die Geschichtswissenschaft diesen Themenkomplex bislang fast vollständig vernachlässigt. Unser interdisziplinär und international angelegtes Projekt, das in Kooperation mit dem Münchner ifo Institut (Teilprojekt „Arbeitsmarktentwicklung im europäischen Vergleich“) durchgeführt wird, nimmt diese Herausforderung an und will damit auch einen Beitrag zur aktuellen Debatte über die Zukunft des Sozialstaates leisten.
Die im Institut für Zeitgeschichte erarbeiteten Studien
a) Langzeitarbeitslosigkeit als Schicksal und politisches Problem. Die Bundesrepublik Deutschland, Italien und Großbritannien im Vergleich
Von der Situation in der Bundesrepublik Deutschland ausgehend, wird sich Thomas Schlemmer am Beispiel der Langzeitarbeitslosen mit der europäischen Dimension des Problems befassen, wobei vor allem Italien und Großbritannien zum Vergleich herangezogen werden sollen. Während die Bundesrepublik den mitteleuropäischen Typus des Sozial-, Wohlfahrts- und Interventionsstaates mit hohem Leistungsniveau verkörperte, stand Großbritannien für die liberale anglo-amerikanische Tradition schwach regulierter Arbeitsmärkte bei niedrigen Lohnersatzleistungen. In Italien dagegen war zwar ähnlich wie in Deutschland die Regelungsdichte hoch, die Unterstützungszahlungen an Arbeitslose waren dagegen im internationalen Vergleich niedrig; allerdings gab es auf der Apennin-Halbinsel, wo die Industrialisierung erst spät zum Durchbruch gelangt war, noch Kerne der Subsistenzwirtschaft, die den Arbeitslosen Überlebensstrategien ermöglichten, die ihren Schicksalsgenossen in Deutschland und Großbritannien bereits weitestgehend verschlossen waren. Im einzelnen soll die Studie drei Problemkomplexe untersuchen: Die quantitative Entwicklung der Arbeitslosigkeit und die Lebenswirklichkeit der dauerhaft von Arbeitslosigkeit betroffenen Menschen, die zumeist nur als statistische Größe behandelt werden; die Perzeption und die Debatte in Politik, Publizistik und Wissenschaft vor dem Hintergrund der Erfahrungen in der Zwischenkriegszeit und in den Jahren nach 1945; und schließlich die Maßnahmen, mit denen die Regierungen auf die Krise der Arbeitsgesellschaft und das Phänomen der Langzeitarbeitslosigkeit reagierten.
b) Jugendarbeitslosigkeit und Politik in der Bundesrepublik Deutschland und in Frankreich in den 1970er und 1980er Jahren
Das weitgehend abgeschlossene Projekt hat sich mit einem besonders beunruhigenden Aspekt der Massenarbeitslosigkeit beschäftigt. Im Mittelpunkt standen die Entwicklung sowie die politische und öffentliche Wahrnehmung von Jugendarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren. Eine von Thomas Raithel verfasste Monographie ist inzwischen für den Druck angenommen und wird im Herbst 2012 als Bd. 105 der Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte erscheinen.
In einem ersten Teil der Studie wird das Problem der bundesdeutschen Jugendarbeitslosigkeit analysiert und in den Zusammenhang des allgemeinen Strukturwandels jugendlicher Erwerbsarbeit gestellt. Der Blick auf andere Staaten Westeuropa ist dabei stets präsent, wobei insbesondere auch der Frage nachgegangen wird, warum Jugendarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik nicht so stark ausgeprägt war wie andernorts. In einem zweiten Teil der Studie werden charakteristische Wahrnehmungs- und Handlungsmuster untersucht, die innerhalb der politischen Eliten und der politischen Öffentlichkeit der Bundesrepublik die Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Jugendarbeitslosigkeit bestimmten. Derartige Muster waren auch Ausdruck des generellen Verständnisses von „Jugend“ und ihrer Rolle auf dem Arbeitsmarkt, und sie spiegeln gleichzeitig jene Transformationen gesellschaftlicher Erwerbsarbeit, die seit den frühen 1980er Jahren als „Krise der Arbeitsgesellschaft“ diskutiert wurden.
Stand: Mai 2012

|