|
|
Arbeiterschaft, Betrieb und Sozialdemokratie in der bayerischen Montanindustrie 1945-1976

Dietmar Süß
Der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft und damit der Bedeutungsverlust körperlicher Arbeit hat ebenso wie der Untergang des Staatssozialismus dazu geführt, daß die Sympathie für den Gegenstand der Arbeitergeschichte in den letzten Jahren zunehmend geringer geworden ist. Ihr einstmals modisch-buntes Gewand ist an vielen Stellen grau geworden. Für manche wirkt sie wie ein Fossil der ersten Computergeneration: mächtig und imposant im Auftreten, aber technisch überholt und kaum mehr dazu in der Lage, neue Fragen und Probleme beantworten zu können.
Die geplante Studie möchte versuchen, die jüngste Diskussion um eine "neue" und methodisch erweitere Arbeitergeschichte aufzugreifen und am Beispiel der oberpfälzischen Industrieregion der ehemaligen Industrielandkreise Burglengenfeld und Sulzbach-Rosenberg mit ihrem Mittelpunkt, der Maxhütte, zu diskutieren. Wie veränderten sich in den durch Wachstum und steigenden Wohlstand gekennzeichneten fünfziger und sechziger Jahren soziale Lage, Arbeit und Alltag der Arbeiter? Wie erlebte die Arbeiterschaft selbst den Prozeß der "Entproletarisierung"? Wie sah das Leben in den traditionsreichen Arbeitervereinen aus: Wurden sie, wie es Klaus Tenfelde pointiert formuliert hat, "durch die demokratische Massengesellschaft überholt", oder konnten sie ihren exklusiven, klassenspezifischen Charakter bewahren, und wenn ja, wie lange? Und schließlich: Was kam eigentlich nach dem "Abschied von der Proletarität"? Ein "neuer Arbeiter"? Ein abhängig Beschäftigter "jenseits von Stand und Klasse"? Und wie weit veränderte die Erfahrung sozialer Sicherheit die Mentalität von Industriearbeitern, ihre politischen Leitbilder und kulturellen Praktiken? Bedeutete somit die "Entproletarisierung" der sozialen Lage auch den Abschied vom klassenbewußten Arbeiter?
Dabei wird es vor allem darum gehen, Arbeitergeschichte nicht wie bislang häufig vor den "Betriebstoren" enden zu lassen. Daß in der Arbeitergeschichte Institutionen und insbesondere Betriebe vernachlässigt wurden, lag vor allem daran, daß die sozialtheoretische Diskussion sie lange Jahre in erster Linie als zweckrationale Organisation mit Profitinteressen deutete. Dabei wurde nicht berücksichtigt, daß Unternehmen auch als differenzierte "Sozialsysteme" zu verstehen sind, in denen betriebsstrategische Entscheidungen nicht allein Ausdruck von Managemententscheidungen sind, sondern auch Produkt fragiler Machtverhältnisse zwischen Betriebsrat, Gewerkschaft, Belegschaft und Unternehmensführung, die die Akteure zu Kompromissen zwingen. Der Betrieb erscheint in diesem Licht nicht mehr als streng hierarchisch strukturiertes Gebilde, das im Zeichen der kalten Logik der kapitalistischen Wirtschaft steht. Vielmehr werden auch der Aktionsradius von Arbeitnehmern, die Handlungsspielräume innerbetrieblicher Mitbestimmung und die unterschiedlichen Formen von Macht-, Herrschafts- und Kommunikationsbeziehungen innerhalb eines Unternehmens deutlich. Der Betrieb wird als Seismograph sozialer Veränderungen in den Blick genommen und Arbeitergeschichte mehr als bisher aus den Organisationen in den Betrieb hineinverlagert. Um die Wechselwirkungen unterschiedlicher, nicht immer genau trennbarer sozialer Handlungsfelder analytisch integrieren zu können, erscheint es sinnvoll, Arbeitermilieus als Sozial- und Produktionsmilieus zu begreifen. Damit sollen die vielfältigen, branchenspezifischen Strukturierungsprinzipien deutlich gemacht und geläufige Vorannahmen über den vermeintlichen Grad an Kohärenz und Homogenität proletarischer Lebenswelten vermieden werden. Drei "Soziale Handlungsfelder" werden in der Arbeit unterschieden: der Betrieb, die formellen, insbesondere politischen Institutionen, sprich Gewerkschaften und SPD, und schließlich die außerbetriebliche Lebenswelt, also der Bereich von Wohnen, Freizeit und Familie. Der Begriff "Soziale Handlungsfelder" beschreibt dabei einerseits die strukturellen Rahmenbedingungen von Handlungen, deutet aber gleichzeitig auf die Spielräume und Ressourcen von historischen Akteuren hin, die selber die Regeln ihrer Handlungen mitbestimmen. Soziale Handlungsfelder sind somit gleichsam Spiegelbilder der sozialen Topographie industrieller Gesellschaften.
Nimmt man die Einschätzung ernst, daß die Abschleifung sozialer Milieus zu den wesentlichen Merkmalen der Geschichte der Bundesrepublik zählt, dann sind es vor allem vier Problembereiche, die aus der Sicht der Arbeiterschaft besondere Aufmerksamkeit verdienen: die spezifisch deutsche Form des sozialpartnerschaftlichen Konsenses, der Wandel von der Milieugesellschaft in die Arbeitnehmergesellschaft, die Öffnung und Wandlung der Sozialdemokratie von der Klassen- zur Volkspartei und damit die Gleichzeitigkeit der Erosion und Transformation sozialdemokratischer Arbeitermilieus in den "Wirtschaftswunderjahren". Diesen Fragen soll am Beispiel der bayerischen Montanindustrie und ihrer "Herzkammer", der Region um die Maxhüttenbetriebe und die Bayerische Braunkohlen-Industrie AG (BBI) in Wackersdorf, nachgegangen werden. Die Sozialdemokratie hatte in dem Arbeitermilieu, das sich im Einzugsbereich der BBI und der Maxhütte gebildet hatte, eine starke Stellung. Während in der Oberpfalz als agrarisch geprägtem, krisengeschüttelten katholisch-konservativen Regierungsbezirk die SPD kaum eigenständiges politisches Gewicht besaß, konnte insbesondere der Landkreis Burglengenfeld und speziell der Raum um Schwandorf auf eine lange Arbeiterbewegungstradition zurückblicken. Noch deutlicher als im gesamten Landkreis war die sozialdemokratische Vormachtstellung im unmittelbaren Einzugsgebiet der Großbetriebe. Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit wird die Frage sein, in wieweit das Diktum "Vom Ende der Arbeiterbewegung" geeignet ist, das Spezifische an dem Wandlungsprozeß sozialdemokratischer Milieus zu erfassen.
Quellengrundlage der Arbeit werden neben staatlichen und kommunalen Akten vor allem die umfangreichen und äußerst ergiebigen Bestände der jeweiligen Unternehmens- und Betriebsratsarchive sowie die Bestände des DGB, der IG Metall, der ehemaligen IG Bergbau und Energie und der bayerischen SPD und KPD sein.
Stand: April 2007

|
|