Aktuelles Heft 2/2018

Aufsätze:

  • Amedeo Osti Guerrazzi: Das System Mussolini. Die Regierungspraxis des Diktators 1922 bis 1943 im Spiegel seiner Audienzen. (A)
  • Jonas Scherner: Lernen und Lernversagen. Die „Metallmobilisierung“ im Deutschen Reich 1939 bis 1945. (A)
  • Michael Homberg: Mensch | Mikrochip. Die Globalisierung der Arbeitswelten in der Computerindustrie 1960 bis 2000 – Fragen, Perspektiven, Thesen. (A)
  • Podium Zeitgeschichte. Wie nah ist uns die Zwischenkriegszeit? Geschichte und Aktualität der demokratischen Staatsgründungen nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland, Österreich, Polen, Litauen und der Tschechoslowakei: Thomas Raithel, Anton Pelinka, Krzysztof Ruchniewicz, Ekaterina Makhotina und Ota Konrád - free access bis zum Erscheinen des Juli-Heftes
  • Von der Reichsbank zur Bundesbank: Personen, Generationen und Konzepte zwischen Tradition, Kontinuität und Neubeginn 1924 bis 1970. Ein neues Forschungsprojekt des Instituts für Zeitgeschichte in Kooperation mit der London School of Economics and Political Science. (N)

 

 

Bestellmöglichkeiten


Abstracts

Amedeo Osti Guerrazzi, Das System Mussolini. Die Regierungspraxis des Diktators 1922 bis 1943 im Spiegel seiner Audienzen

 

Zwischen 1923 und 1945 hat Benito Mussolini, italienischer Regierungschef und Duce des Faschismus, Tausende von Personen empfangen und mehr als 90.000 Audienzen gewährt. Die wissenschaftliche Aufarbeitung dieses politisch höchst bedeutenden Systems von Empfängen und Besuchen hat erst vor kurzem begonnen – und wird jetzt durch eine am Deutschen Historischen Institut in Rom erarbeitete Datenbank der Audienzen auf eine neue Grundlage gestellt. Lange Zeit hat man sich mit den Erinnerungen von zumeist hochrangigen ehemaligen Faschisten begnügt, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihre persönlichen Beziehungen zu Mussolini geschildert haben, oft auch aus apologetischen Gründen. Amedeo Osti Guerrazzi zeigt auf, wie die Geschichtswissenschaft von diesen Erzählungen beeinflusst wurde, deren Wahrheitsgehalt höchst zweifelhaft ist. Es liegt auf der Hand, dass diese Autoren versuchten, das Bild eines nachgiebigen, ja „guten“ Diktators zu zeichnen, das sich in jeder Hinsicht von Adolf Hitler unterscheiden sollte. Amedeo Osti Guerrazzi dekonstruiert die faschistischen Erinnerungserzählungen und zeigt dabei Widersprüche und Verfälschungen auf. Ferner untersucht er Organisation, Zeremoniell und politischen Gehalt der Audienzen mit dem Ziel, mehr über die Arbeitsweise und den Regierungsstil des Diktators zu erfahren. So entsteht ein um zahlreiche neue Facetten ergänztes Bild vom „System Mussolini“.

 


Jonas Scherner, Lernen und Lernversagen. Die „Metallmobilisierung“ im Deutschen Reich 1939 bis 1945

 

Während des Zweiten Weltkriegs kam es in Deutschland zur sogenannten Metallmobilisierung, worunter man das Recycling von Metallprodukten verstand, die noch in Gebrauch waren, wie Haushaltsgegenstände, Kupfermünzen, Kirchenglocken oder Stromleitungen. Die Metallmobilisierung trug in einem beträchtlichen Maß zur Deckung des deutschen Verbrauchs der beiden für die Kriegswirtschaft essenziellen Rohstoffe Zinn und Kupfer bei. Ihre Durchführung war maßgeblich von den Erfahrungen der im Ersten Weltkrieg durchgeführten Metallmobilisierung geprägt. Dementsprechend versuchte das NS-Regime die Requisitionen, die zur Unzufriedenheit bei der Bevölkerung führen könnten, möglichst lange hinauszuzögern, selbst wenn dies zu Maßnahmen mit höheren kriegswirtschaftlichen Kosten führte. Dieser durchaus erfolgreiche Lernprozess verhinderte aber nicht, dass es ab 1943 als Folge des Verlusts der militärischen Initiative im Mehrfrontenkrieg zu einer Übermobilisierung kam, die ein langes Durchhalten ermöglichen sollte.


Michael Homberg, Mensch | Mikrochip. Die Globalisierung der Arbeitswelten in der Computerindustrie 1960 bis 2000 – Fragen, Perspektiven, Thesen

Die Globalisierung der Arbeitswelten in der Computerindustrie nahm in den späten 1950er Jahren ihren Ausgang. Mit der Förderung der Informations- und Kommunikationstechnologien im globalen Süden durch die Industrienationen begann in Indien eine Phase des Wissens- und Kulturaustauschs im Hochtechnologiebereich, die globale Migrationsprozesse anstieß und die An-verwandlung nationaler Innovationskulturen beförderte. Das Silicon Valley avancierte dabei zum Mekka der Computerspezialisten. Nach Dekaden des entwicklungspolitischen Engagements in Asien zeitigte ab den 1980er Jahren die Migration indischer Fachkräfte nach Europa und in die USA durchschlagende Wirkung. Die Geschichte der Computerindustrie in den Vereinigten Staaten von Amerika, der Bundesrepublik Deutschland und in Indien, liest sich daher als eine Geschichte globaler Verflechtungen. Am Beispiel der High-Tech-Branche rückt der vorliegende Beitrag den Wandel der Lebens- und Arbeitswelten in der Computerindustrie in den Fokus. Er verortet sich einerseits im Kontext neuerer Debatten zu Krise und Wandel der „Arbeitsgesellschaft“ im „digitalen Zeitalter“. Andererseits versteht er sich als ein Plädoyer für eine Wissensgeschichte der Computerisierung.


Podium Zeitgeschichte, Wie nah ist uns die Zwischenkriegszeit? Geschichte und Aktualität der demokratischen Staatsgründungen nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland, Österreich, Polen, Litauen und der Tschechoslowakei

Die Zwischenkriegszeit war eine Phase der staatlichen Neugründung, des demokratischen Aufbruchs, aber auch der Krisen und des Scheiterns von Demokratien sowie der Etablierung autoritärer und diktatorialer Systeme. In der Forschung wie in der allgemeinen Öffentlichkeit war sie lange nahezu in Vergessenheit geraten. In jüngerer Zeit jedoch ist das Interesse – nicht zuletzt angesichts des Anwachsens rechtspopulistischer Strömungen und autoritärer Tendenzen in Europa – wieder spürbar gewachsen. Das zweite „Podium Zeitgeschichte“ ist deshalb der Frage gewidmet wie nah uns die Zwischenkriegszeit ist. Wie wird sie heute in verschiedenen Ländern gesehen, die sich am Ende des Ersten Weltkriegs, nach dem Untergang der Kaiserreiche als Demokratien konstituiert haben? Und welche Relevanz hat diese Geschichte für die Gegenwart? Ota Konrád (Karls-Universität Prag), Ekaterina Makhotina (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn), Anton Pelinka (Central European University Budapest), Thomas Raithel (Institut für Zeitgeschichte München–Berlin) und Krzysztof Ruchniewicz (Willy Brandt Zentrum der Universität Wrocław) beleuchten diese Fragen am Beispiel der Tschechoslowakei, Litauens, Österreichs, Deutschlands und Polens.


Die Diskussion wird im Mai 2018 mit einem Podiumsgespräch im Institut für Zeitgeschichte in München fortgeführt, die auf der Homepage der VfZ dokumentiert wird.