Aktuelles Heft 4/2017

Aufsätze:

  • Peter Lieb: Der deutsche Krieg im Osten von 1914 bis 1919. Ein Vorläufer des Vernichtungskriegs? (A)
  • Edward Harrison: Spurensuche. Hugh Trevor-Ropers Sondermissionen 1945/46 und seine Quellen für „Hitlers letzte Tage“. (A)
  • Martin Großheim: Der Krieg und der Tod. Heldengedenken in Vietnam. (A) - free access bis zum Erscheinen des Januar-Heftes - Beilage
  • Sylvain Schirmann: Zur Frage französischer Kredite für Deutschland 1930/31. Frankreichs politischer Ansatz. (D)
  • Pavel Polian: Das Ungelesene lesen. Die Aufzeichnungen von Marcel Nadjari, Mitglied des jüdischen Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau, und ihre Erschließung. (Dok) - Beilage
  • Das Gutachten des Instituts für Zeitgeschichte zum zweiten NPD-Verbotsverfahren vor dem Bundesverfassungsgericht - Beilage

 

 

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Abstracts

Peter Lieb, Der deutsche Krieg im Osten von 1914 bis 1919. Ein Vorläufer des Vernichtungskriegs?

 

In den letzten Jahren diskutierte vor allem die englischsprachige Forschung über einen „German Way of War“. Das deutsche Kaiserreich habe im Vergleich zu anderen Staaten einen militärischen „Sonderweg“ beschritten. Kennzeichnend hierfür sei vor allem eine radikalere Kriegführung gewesen, wie sich in den Kolonialkriegen und im Ersten Weltkrieg gezeigt habe. Damit wird eine Kontinuität der deutschen Militärkultur vom Ersten zum Zweiten Weltkrieg postuliert. Der vorliegende Aufsatz prüft diese These anhand der Ostfront des Ersten Weltkriegs und kommt zu dem Ergebnis, dass die Annahme einer spezifisch deutschen Militärkultur im Kaiserreich und einer Kontinuität von der Kriegführung an der Ostfront des Ersten Weltkriegs zum „Unternehmen Barbarossa“ vielfach Züge einer Rückprojektion trägt. Im Vergleich zur österreichisch-ungarischen sowie zur russischen Armee war das deutsche Militär bis 1917 noch am ehesten um Zurückhaltung bemüht. Die Erfolge des Bolschewismus seit Ende 1917 führten schließlich zu einem mentalen Umbruch; die Befehlslage verschärfte sich nun, wie die Bekämpfung der Widerstandsbewegung in der Ukraine 1918 verdeutlichte. Gleichzeitig bemühte sich die deutsche Armee aber auch, die Zivilbevölkerung weitgehend zu schonen. Einen weiteren Radikalisierungsschub zeigten die Kämpfe im Baltikum 1919. Diese mögen einen formativen Charakter für die spätere NS-Bewegung gehabt haben, nicht jedoch für das Militär, denn die „Baltikumer“ galten dort als „disziplinloser Haufen“.

 


Edward Harrison, Spurensuche. Hugh Trevor-Ropers Sondermissionen 1945/46 und seine Quellen für „Hitlers letzte Tage“

 

Hugh Trevor-Ropers Untersuchung im Herbst 1945 und sein späteres Buch wurden von Geoffrey Parker und Sarah Douglas in The Journal of Military History neu bewertet. Parker bezweifelt, dass eine Einzelperson so viele Zeugen alleine habe befragen und ihre Aussagen in weniger als sechs Wochen habe sichten können und schließt daraus, dass Trevor-Roper die meiste Zeit mit der Lektüre der Transkripte von Befragungen, die andere durchgeführt hatten, verbracht habe. Douglas schreibt, dass eine Kollektivleistung von zahllosen Befragern aus ganz Europa zu „The Last Days of Hitler“ geworden sei, einem Buch, dessen Text in allen Auflagen gleich geblieben sei. Tatsächlich zeigen zahlreiche Primärquellen, dass Trevor-Roper während seiner Untersuchungen im Herbst 1945 mindestens achtzehn Zeugen oder Hinweisgeber auf Zeugen interviewte und dabei in elf Fällen signifikante Befragungen stattfanden. Trevor-Roper war ein außergewöhnlich effektiver Befrager, der Details und bedeutende Aussagen entlocken konnte, die früheren Befragern entgangen waren. Sein Verlangen, selbst Zeugen zu befragen, war schließlich auch darin begründet, dass er immer wieder Probleme mit von anderen durchgeführten Befragungen hatte. Tatsächlich kommen die Mehrzahl der Belege in seinem Buch nicht aus Befragungen, sondern aus Vorkriegsbüchern, nachrichtendienstlichen Dokumenten der Kriegszeit, Abhörprotokollen, Tagebüchern, Memoiren, Nachkriegspublikationen und Dokumenten von Hitler oder der Regierung Dönitz.

 


Martin Großheim, Der Krieg und der Tod. Heldengedenken in Vietnam

Der vietnamesische Staat praktiziert bis heute ein Totengedenken, dass die hohen menschlichen Verluste in den Kriegen gegen Frankreich und die USA rechtfertigen und als selbstlose Opfer für den Kampf um die Unabhängigkeit und den Aufbau des Sozialismus überhöhen soll. Im Mittelpunkt stehen kommunistische Kader und Soldaten, die ihr Leben seit 1925 im Einsatz für die Revolution und gegen Kolonialismus und Feudalismus in glorreicher Weise geopfert haben und denen damit der Status „revolutionärer Märtyrer“ (liệt sỹ) gebührt. Dieses restriktive und hierarchisierte Totendenken, das seinen Ausdruck in ca. 3.000 Heldenfriedhöfen im ganzen Land und anderen Erinnerungsorten findet, dient in Vietnam bis heute als Kernelement des staatlichen Erinnerungsprojekts zur Legitimierung der kommunistischen Einparteienherrschaft. Seit der Beginn der Reformpolitik (đổi mới) im Jahre 1986 lassen sich jedoch verstärkt private Formen des Totengedenkens außerhalb des restriktiven staatlichen Heldenkults beobachten, die von zivilgesellschaftlichen Akteuren getragen werden. Als Beispiele stellt der Artikel das Gedenken an die im zweiten Vietnamkrieg gefallenen Soldaten der 1975 untergegangenen Republik Vietnam sowie an die militärischen Opfer der militärischen Auseinandersetzungen mit der Volksrepublik China vor, die bislang im staatlichen Totengedenken keine zentrale Rolle spielten.

 


Sylvain Schirmann, Zur Frage französischer Kredite für Deutschland 1930/31. Frankreichs politischer Ansatz

Die wirtschaftliche und politische Krise in Deutschland sowie Brünings Revisionismus beunruhigten die französische Führung seit Beginn der Verhandlungen über den Youngplan. Vor diesem Hintergrund versuchte Paris, wirtschaftliche Zusammenarbeit und Finanzhilfen zu nutzen, um das Reich zu kontrollieren. Wenn auch die französischen Finanzvorschläge von 1930 als oberflächlich eingestuft werden können, gehören diejenigen von 1931 einer anderen Kategorie an. Frankreich sah sie als Teil eines französischen Plans für Europa und in Verbindung mit einem internationalen Hilfsprogramm mit den anderen Westmächten. Konzipiert als politisches Instrument, waren diese Vorschläge indes nicht geeignet, die schwierige Finanzsituation Deutschlands beheben, während die Politik Brünings ihrerseits nicht dazu beitrug, die französische Haltung zu ändern. 

 


Pavel Polian, Das Ungelesene lesen. Die Aufzeichnungen von Marcel Nadjari, Mitglied des jüdischen Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau, und ihre Erschließung

Die Dokumentation ist der Geschichte der Auffindung und Erschließung der handschriftlichen Aufzeichnungen von Marcel Nadjari (1917–1971) gewidmet, eines griechischen Juden, der Mitglied des Sonderkommandos von Auschwitz-Birkenau war, welches an den Gaskammern und Krematorien Dienst tun musste. Es geht um eine von insgesamt neun analogen Aufzeichnungen, die von fünf Mitgliedern des Sonderkommandos als Kassiber aus dem Zentrum der Vernichtung angefertigt und dort für die Nachwelt versteckt wurden. Nadjaris Manuskript lag 35 Jahre in einer Thermoskanne im Boden begraben und wurde erst 1980 gefunden. Sein Zustand war so schlecht, dass nur etwa 10 Prozent des Textes lesbar waren. Der russische Computerspezialist Aleksandr Nikitjaev konnte jedoch mittels Multispektralaufnahmen nahezu 90 Prozent des Textes lesbar machen, was einen ganz neuen Zugang zu dem Text eröffnet, der in dieser Form hier erstmals veröffentlicht wird.