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17.05.2013 :: Deutsch :: Druckversion
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Ländliche Gesellschaft im Wandel. Politik, Arbeit und Alltag in der bayerischen Provinz


Jaromír Balcar

Die Studie von Jaromír Balcar über die ländliche Gesellschaft Bayerns am Beispiel ausgewählter Landkreise, die gleichsam im Windschatten des sozioökonomischen Strukturwandels lagen, bildet das Gegenstück zur Untersuchung von Thomas Schlemmer. Die ländliche oder dörfliche Gesellschaft ist keine terra incognita mehr. Schon in den fünfziger Jahren beschäftigten sich eine ganze Reihe soziologischer Studien mit dem Strukturwandel in ländlichen Regionen, wobei das Hauptaugenmerk vor allem auf dem Agrarsektor lag. In den siebziger Jahren wurde das Dorf zu einem bevorzugten Forschungsfeld der Volkskunde, und in den achtziger und neunziger Jahren nahm sich schließlich auch die Historiographie dieses Themenbereichs an.(1) Zu nennen sind etwa die Arbeiten Paul Erkers und Andreas Eichmüllers für Bayern oder die Studie von Peter Exner über Wandel der ländlichen Gesellschaft in Westfalen.(2) Viele dieser Studien haben eines gemeinsam: Sie setzen auf der Ebene eines oder mehrerer Dörfer an, ihr Untersuchungsgegenstand ist also eng begrenzt. Dadurch sind die Ergebnisse nicht ohne weiteres übertragbar, zudem gerät der Einfluß regionaler Zentren, also die Wechselwirkung von Zentrum und Peripherie, weitgehend aus dem Blick. Um das zu vermeiden, wurde in dieser Arbeit die Ebene der Landkreise als analytischer Rahmen gewählt. Dieser Zugriff scheint insofern besonders vielversprechend zu sein, als damit auch kleinere Städte und Märkte in den Blick geraten, die als Epizentren des Strukturwandels auf dem Land gelten dürfen.

Die Auswahl der zu untersuchenden Landkreise erfolgte anhand zentraler statistischer Strukturdaten für das Stichjahr 1950.(3) Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Lage auf dem Land bereits zu einem gewissen Grad normalisiert, nachdem viele Heimatvertriebene die Landgemeinden in Richtung Stadt verlassen hatten.(4) Die beiden wichtigsten Auswahlkriterien waren Erwerbsstruktur und Bevölkerungsdichte. Berücksichtigt wurden Landkreise, in denen mindestens die Hälfte aller Erwerbspersonen in Land- und Forstwirtschaft tätig und weniger als 30 Prozent im Bereich Industrie und Gewerbe beschäftigt waren. Gleichzeitig durfte die Bevölkerungsdichte 80 Einwohner pro Quadratkilometer nicht übersteigen. Als zusätzliches Kriterium wurde die Realsteuerkraft der kreisangehörigen Gemeinden pro Einwohner herangezogen. Erste Archivrecherchen ergaben für elf der in Frage kommenden Landkreise eine ausreichende Quellenbasis, und anhand dieser elf Landkreise soll die ländliche Gesellschaft in Bayern zwischen Währungsreform und Gebietsreform untersucht werden.(5) 1950 umfaßten sie knapp acht Prozent der Gesamtfläche des Freistaats und 4,4 Prozent der bayerischen Bevölkerung. Von sieben bayerischen Regierungsbezirken sind sechs in der Untersuchung vertreten, lediglich Oberfranken fehlt. Somit lassen sich auch regionale Besonderheiten herausarbeiten, beispielsweise die unterschiedliche konfessionelle Prägung des katholischen Altbayern und der protestantischen Landstriche in Westmittelfranken.

Die Studie soll drei Kapitel umfassen, die die Überschriften "Politik auf dem Land", "Arbeit auf dem Land" und "Alltag auf dem Land" tragen. Es wird ein wesentliches Ziel der Untersuchung sein herauszufinden, ob der Strukturwandel eher linear verlief oder ob sich Phasen ausmachen lassen, in denen er besonders rasch voranschritt bzw. sein Tempo spürbar verlangsamte. War dieses Tempo in allen Landesteilen gleich oder sind manche Veränderungsschübe am frühesten und nachhaltigsten in bestimmten Regionen spürbar gewesen? Schließlich stellt sich auch die Frage, ob sich Stadt und Land in diesem Prozeß tatsächlich einander näherten und - wenn ja - wie sich das neue Stadt-Land-Kontinuum gestaltete.

Das Kapitel "Politik auf dem Land" ist der politischen Szenerie vor Ort gewidmet, die in drei Nahaufnahmen unter die Lupe genommen wird. Erstens geht es um den Elitenwechsel in der Kommunalpolitik, zweitens um den Auf- und Ausbau der Parteiorganisationen auf dem Land und drittens um die Veränderungen der Handlungsfelder und Handlungsspielräume der Kommunalpolitik im Zuge des sozioökonomischen Strukturwandels. Eine wichtige Rolle muß in diesem Kapitel auch die Gemeindegebietsreform der frühen siebziger Jahre spielen, die die politische Landkarte Bayerns fundamental verändert hat und die ein wichtiger Katalysator des Elitenwechsels im ländlichen Raum gewesen ist. So verlor etwa das traditionell entscheidende Kriterium für die Auswahl kommunaler Entscheidungsträger - die Verfügbarkeit über Grund und Boden - mit der Gebietsreform enorm an Bedeutung.

Das Kapitel "Arbeit auf dem Land" beschäftigt sich mit den tiefgreifenden Veränderungen in der ländlichen Arbeitswelt. Im Zuge dieses Prozesses wurde gerade die Landwirtschaft als wichtigste Säule der traditionellen Wirtschaftsstruktur nachhaltig erschüttert.(6) Auch das Dorfhandwerk war einem massiven Anpassungsprozeß unterworfen; ganze Sparten wurden überflüssig und starben aus. Wo fanden Bauern, Knechte und Mägde, aber auch ehemals selbständige Dorfhandwerker eine neue berufliche Existenz? Empfanden die Betroffenen ihre neue unselbständige Tätigkeit als sozialen Aufstieg oder eher als Deklassierung? Ging mit der veränderten Erwerbsstruktur auch ein Wandel politischer Grundhaltungen einher, der nicht zuletzt eine größere Politisierung des Dorfes nach sich zog? Die im Industrie- und Dienstleistungssektor Beschäftigten stellen eine Berufsgruppe dar, die auch auf dem Land eine immer größere Bedeutung gewann. Hier wäre zu untersuchen, ob ihr Auftreten ein allgemeines Phänomen war oder ob sie eher auf die regionalen Zentren, also Kleinstädte und Märkte konzentriert blieben, welche Branchen sich in ländlichen Regionen ansiedelten und wie das Anforderungsprofil der Arbeitsplätze in diesen Betrieben aussah.

Das letzte Kapitel dieser Studie ist dem Alltag auf dem Land gewidmet, wobei der Alltagsbegriff hier keine Erfahrungsgeschichte der betroffenen Bevölkerung impliziert.(7) Es geht vielmehr darum, die Auswirkungen des Strukturwandels auf einige genau abgegrenzte Bereiche wie Ehe und Familie, Religion und Kirche, Wohnen und Konsum, Vereinswesen und Feste oder Brauchtum zu untersuchen. Im Mittelpunkt des Interesses stehen hier zwei Fragen: Erstens, wie entwickelten sich die Lebenschancen auf dem Land im Vergleich mit den Lebenschancen in den Städten? Und zweitens: Blieb das Landleben weiterhin von einem relativ engen Normenkorsett bestimmt, das den Alltag auf dem Land traditionell reglementiert hatte?(8) In diesem Zusammenhang muß in erster Linie der Einfluß der Kirche, der normensetzenden Instanz schlechthin, beleuchtet werden. Weiterhin bietet sich das ländliche Vereinswesen für eine Untersuchung an,(9) denn Vereine fungieren nicht nur als Freizeiteinrichtung, sondern bestimmten auch den normativen Rahmen für die dörfliche Gemeinschaft mit.

_____________________

1) Zum Forschungsstand vgl. den Überlick bei Clemens Zimmermann, Dorf und Land in der Sozialgeschichte, in: Schieder/Sellin (Hrsg.), Sozialgeschichte in Deutschland, Bd. 2, S. 90-112.
2) Vgl. Paul Erker, Revolution des Dorfes? Ländliche Bevölkerung zwischen Flüchtlingszustrom und landwirtschaftlichem Strukturwandel, in: Martin Broszat/Klaus-Dietmar Henke/Hans Woller (Hrsg.), Von Stalingrad zur Währungsreform. Zur Sozialgeschichte des Umbruchs in Deutschland, München 1988, S. 367-425; Andreas Eichmüller, Landwirtschaft und bäuerliche Bevölkerung in Bayern. Ökonomischer und sozialer Wandel 1945-1970. Eine vergleichende Untersuchung der Landkreise Erding, Kötzting und Obernburg, München 1997; Peter Exner, Ländliche Gesellschaft und Landwirtschaft in Westfalen 1919-1969, Paderborn 1997.
3) Angaben nach dem Statistischen Jahrbuch für Bayern für 1952, hrsg. vom Bayerischen Statistischen Landesamt, München o.J.
4) Vgl. die Beispiele bei Paul Erker, Vom Heimatvertriebenen zum Neubürger. Sozialgeschichte der Flüchtlinge in einer agrarisch geprägten Region Mittelfrankens 1945-1955, Wiesbaden 1988, S. 20 ff.
5) Es sind dies die Landkreise Landsberg am Lech und Wasserburg am Inn aus dem Regierungsbezirk Oberbayern, das niederbayerische Bogen, Beilngries, Neumarkt in der Oberpfalz und Roding aus dem Regierungsbezirk Oberpfalz, Feuchtwangen und Rothenburg ob der Tauber aus dem Regierungsbezirk Mittelfranken, das unterfränkische Königshofen im Grabfeld sowie schließlich die beiden schwäbischen Kreise Neuburg an der Donau und Nördlingen.
6) Vgl. den knappen Überblick bei Arnd Bauerkämper, Landwirtschaft und ländliche Gesellschaft in der Bundesrepublik in den 50er Jahren, in: Schildt/Sywottek (Hrsg.), Modernisierung im Wiederaufbau, S. 188-200.
7) Eine vorläufige Bilanz der Debatte über die Alltagsgeschichte bei Winfried Schulze (Hrsg.), Sozialgeschichte, Alltagsgeschichte, Mikro-Historie. Eine Diskussion, Göttingen 1994.
8) Vgl. Utz Jeggle/Albert Ilien, Die Dorfgemeinschaft als Not- und Terrorzusammenhang. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte des Dorfes und Sozialpsychologie seiner Bewohner, in: Hans-Georg Wehling (Hrsg.), Dorfpolitik. Fachwissenschaftliche Analysen und didaktische Hilfen, Opladen 1978, S. 38-53.
9) Vgl. etwa die exemplarischen Ausführungen von Albert Ilien/Utz Jeggle, Leben auf dem Dorf. Zur Sozialgeschichte des Dorfes und Sozialpsychologie seiner Bewohner, Opladen 1978, S. 133-140.

Stand: April 2007


 
 
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