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20.05.2012 :: Deutsch :: Druckversion
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Struktur- und Industriepolitik in Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg


Stefan Grüner

Der Strukturwandel in Bayern nach dem Zweiten Weltkrieg bildet ein ebenso vielbeschworenes wie bislang in seinen Ursachen, Mechanismen und Folgen noch kaum erforschtes Phänomen der deutschen Zeitgeschichte. Wenige Eckdaten mögen genügen, um das Ausmaß und das Tempo des sozioökonomischen Wandels zu charakterisieren. Zwischen 1950 und 1980 verdreizehnfachte sich das in Bayern erwirtschaftete Bruttoinlandsprodukt nahezu, wobei im Abstand von zehn Jahren jeweils mehr als eine Verdoppelung zu registrieren war. Dabei näherte man sich dem bundesdeutschen Durchschnittswert ausgehend von etwa 85 Prozent im Jahre 1950 bis auf 92 Prozent im Jahr 1970 an. Der Anteil der Industrieproduktion an diesem Aufholprozeß war gewichtig; er fand sein Pendant in einer geradezu grundstürzenden Veränderung der Beschäftigungsstruktur. Umfaßte der landwirtschaftliche Sektor im Jahre 1939 noch 37,4 Prozent aller Erwerbstätigen, so ging dieser Anteil bis 1970 auf kaum mehr als 13 Prozent zurück. In Industrie und Handwerk sowie im Dienstleistungssektor wuchs der Beschäftigtenanteil hingegen bis 1970 auf über 47 bzw. über 39 Prozent an. Um es kurz zu fassen: Vom Agrarland wandelte sich Bayern in knapp vier Jahrzehnten zu einer führenden Industrie- und Dienstleistungsregion, die bis heute die höchsten Zuwachsraten im Bund zu verzeichnen hat. Zudem gelang es hier allem Anschein nach, die schon "klassische" Dichotomie der sozialen Marktwirtschaft von Wirtschaftswachstum und sozialem Ausgleich in ein besonders stabiles Gleichgewicht zu bringen.

Die geplante Studie wird den skizzierten Wandlungsprozeß von der Ebene der Verantwortlichen in Parteien und Verbänden, Regierung und Verwaltung aus in den Blick nehmen und die Konzepte, Maßnahmen und Instrumente untersuchen, mit denen die Strukturveränderung beeinflußt oder gesteuert werden sollte. Die Arbeit stützt sich dabei auf die Erkenntnis, daß man in Bayern nach 1945 gezielt versucht hat, jene Defizite auszugleichen, die bis dahin die Hauptfaktoren für die "geminderte" (K. Bosl) industrielle und gesamtwirtschaftliche Entwicklung des Landes seit dem 19. Jahrhundert bildeten, u.a. die Revier- und Verkehrsferne Bayerns sowie seine begrenzte Rohstoffbasis. Die bayerische Staatsregierung schuf sich nach und nach eine ganze Reihe von Eingriffsmöglichkeiten, um das volkswirtschaftliche Gefüge unter den Aspekten von Wachstum und Ausgleich zu beeinflussen. Spezifisch war hier eine Energiepolitik, die frühzeitig nicht auf Kohle, sondern auf Erdöl, Erdgas und Atomkraft als wichtigste Energieträger setzte; einer forcierten Industrialisierungspolitik wurde im revierfernen Bayern so die energiewirtschaftliche Basis geschaffen. Finanzpolitische Maßnahmen traten hinzu. Eine herausgehobene Rolle spielte beispielsweise die Bayerische Landesanstalt für Aufbaufinanzierung, die Industrieförderung über Kredite oder Bürgschaften betrieb. Bildungs- und wissenschaftspolitische Initiativen, wie die Gründung von Gymnasien und neuen Landesuniversitäten, zielten auf die Mobilisierung geistiger Ressourcen. Die so geschaffenen Rahmenbedingungen erleichterten es Unternehmen der Elektro-, Luft- und Raumfahrtindustrie erheblich, sich in Bayern anzusiedeln. Es bleibt allerdings zu untersuchen, welchen Einfluß diese strukturpolitischen Aktivitäten auf Investitions- oder Standortentscheidungen hatten und ob nicht Faktoren wie regionaler Arbeitsmarkt oder regionales Lohnniveau für Unternehmer und Manager ausschlaggebender waren. Zu den wichtigsten Instrumenten der Verantwortlichen in Regierung und Verwaltung gehörte daneben zweifellos die lange heftig umstrittene Landesplanung. Sie wird sowohl als Objekt einer jahrzehntelangen politischen Grundsatzdiskussion um den tragbaren Umfang staatlicher Planungskompetenzen wie auch als gestaltendes Subjekt des Strukturwandels in den Blick zu nehmen sein. Ein einseitiges Bild würde freilich entstehen, wollte sich die Studie allein auf landesplanerische Anstrengungen, Industrieansiedlungspolitik und Maßnahmen zur Verbesserung der Infrastruktur konzentrieren. Von gleicher Bedeutung dürften begleitende Initiativen zur sozialpolitischen Abstützung der Wandlungsprozesse gewesen sein, die ihrerseits zu untersuchen sein werden.

Es soll bei dem geplanten Vorhaben keineswegs darum gehen, etwa einen bayerischen "Modellfall" zu feiern, zumal der Aufholvorgang, wie Paul Erker gezeigt hat, durchaus mit den Wandlungsvorgängen in anderen schwächer industrialisierten Bundesländern vergleichbar ist. So wird immer auch mit Blick auf die bundesdeutsche Entwicklung zu fragen sein: Lagen die Veränderungsprozesse gleichsam in der Natur säkularer Trends und konjunktureller Zyklen oder mußten sie erst angestoßen werden? Und wenn ja, wie gelang es, die Wasser der günstigen weltwirtschaftlichen und bundesrepublikanischen Entwicklung auf die bayerischen Mühlen zu lenken? Welchen Anteil hatte die bayerische Staatsregierung tatsächlich und welche Vorstellungen waren in ihren Reihen maßgebend? Welche Ideen vertrat man in den Parteien? Wie beurteilte man die Entwicklung in den Wirtschaftsverbänden - etwa im Landesverband der Bayerischen Industrie und im mächtigen Verein der Bayerischen Metallindustrie - oder in den Führungsetagen von Banken und Großunternehmen? Welchen Anteil hatten einflußreiche Unternehmerpersönlichkeiten an strukturpolitischen Grundsatzentscheidungen? Wie waren die Kommunikationsstrukturen zwischen Wirtschaft und Politik beschaffen, und welche personellen Verflechtungen zwischen Parteien und Wirtschaftsverbänden gab es? Schließlich wird auch nach dem Gewicht der Bonner Wirtschafts- und Finanzpolitik und nach der Rolle der entstehenden europäischen Institutionen zu fragen sein. Es ist also ein vordringliches Ziel der Untersuchung, die Mechanismen wirtschaftlicher Strukturgestaltung und die damit verbundenen Konzepte und Ergebnisse zu analysieren, wobei keineswegs eine in erster Linie wirtschaftswissenschaftlich orientierte Gesamtdeutung beabsichtigt ist. Vielmehr wird es nötig sein, sich zur Analyse der politischen Steuerung und Steuerbarkeit des sozioökonomischen Wandels auf eine kontinuierliche konzeptionelle Gratwanderung einzulassen. Neben wirtschaftsgeschichtlichen Problemen werden auch politik-, institutions-, diskurs- oder sozialgeschichtliche Fragen an prominenter Stelle behandelt werden müssen.

Die projektierte Studie setzt damit am Schnittpunkt zweier dringender Desiderate der historischen Forschung an. Zum einen ist festzustellen, daß die Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte Bayerns nach 1949 bislang noch in weiten Bereichen im dunkeln liegt. Wissenschaftliche Spezialstudien existieren hierzu kaum, und dies gilt auch für die Geschichte des in den frühen fünfziger Jahren beschleunigt einsetzenden sozioökonomischen Wandels. Zum zweiten begibt sich die Studie auf ein Feld, dessen Erforschung für die Ebene der bundesdeutschen Entwicklung insgesamt nach wie vor große Defizite zeigt. Desiderate bestehen hier insbesondere im Bereich der Wirtschafts-, Gesellschafts- und Erfahrungsgeschichte. Erst seit Ende der achtziger Jahre haben Forschergruppen in Hamburg und Münster den sozioökonomischen Wandel im Nachkriegsdeutschland systematischer in den Blick genommen, unter anderem am Beispiel der Region Westfalen. In vergleichbarem Zugriff will die geplante Untersuchung ihre Frage nach der Steuerung und Steuerbarkeit des Strukturwandels der fünfziger und sechziger Jahre exemplarisch am Beispiel Bayerns behandeln. Sie stellt sich dabei der Einsicht, daß die zu analysierenden Prozesse in der föderalistisch organisierten Bundesrepublik ihre regional je eigene Ausprägung fanden und somit erst auf der Mesoebene differenziert zu durchdringen sein werden. Es ergibt sich aus dem historischen Phänomen selbst, daß die Eigengestalt der bayerischen Entwicklung nur anhand des Vergleichs und der Analyse von Wechselwirkungen verstanden werden kann. Konkret bedeutet dies, daß erst der prüfende Blick auf Steuerungsansätze und -erfolge in anderen Bundesländern dazu verhelfen wird, fundiertere Aussagen über den vielberufenen bayerischen "Sonderweg" zu machen und dessen Verhältnis zur bundesdeutschen Gesamtentwicklung zu bestimmen.

Stand: April 2007


 
 
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