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Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der bayerischen Boom-Region Ingolstadt 1948 bis 1975

Thomas Schlemmer
"... eine Entwicklung amerikanischen Maßstabes". Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in der bayerischen Boom-Region Ingolstadt 1948 bis 1975
Diese Studie, die Teil des Projekts "Gesellschaft und Politik in Bayern 1949 bis 1973" ist, untersucht, welche Folgen strukturpolitische Interventionen an der Basis hatten, wie sich soziale Beziehungen, Milieubindungen, politische Orientierungen und gesellschaftliche Normen veränderten und welche Antworten Politiker vor Ort auf die neuen Herausforderungen parat hatten, die die fünfziger, sechziger und frühen siebziger Jahre mit sich brachten. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit solchen Fragen ist nur aus der Nahoptik einer Regionalstudie heraus möglich, deren größere Tiefenschärfe es zuläßt, gängige Feststellungen zu hinterfragen oder bekannte Thesen aus einer anderen Perspektive zu überprüfen.
Die Region Ingolstadt unterschied sich in den ersten Nachkriegsjahren nur wenig von anderen agrarisch geprägten Gebieten Bayerns mit einigen industriellen Kernen, erlebte dann aber eine Phase geradezu stürmischer Veränderung. Der Untersuchungsraum baut sich aus drei konzentrischen Kreisen auf: Den ersten Kreis bilden die Stadt Ingolstadt und die etwa zwanzig Gemeinden der unmittelbaren Umgebung. Der zweite Kreis ist identisch mit dem 1972 aufgelösten Landkreis Ingolstadt, der zu den kleineren Landkreisen Oberbayerns zählte. Der äußere Kreis des Untersuchungsraums umschließt die Planungsregion 10, zu der heute neben der kreisfreien Stadt Ingolstadt die Landkreise Eichstätt, Pfaffenhofen an der Ilm und Neuburg-Schrobenhausen gehören.
Der Untertitel der geplanten Studie lautet "Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in einer bayerischen Boom-Region". Diese Qualifizierung trifft aber streng genommen nur auf die Kernzone um Ingolstadt zu, die einem besonders hohen Veränderungsdruck ausgesetzt war, während andere Teile des Untersuchungsraums ihre ländliche Prägung behielten. Die zunehmende Zahl an Arbeitsplätzen in der Industrie führte dazu, daß Ingolstadt in den sechziger Jahren beinahe genauso schnell wuchs wie die bayerischen Metropolen München und Nürnberg. Der zeitweise stürmische Aufschwung der Region ist eng mit der Entwicklung der Automobilindustrie verknüpft. Unter den Firmen, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Ingolstadt ansiedelten, erlangte die ursprünglich in Sachsen beheimatete Auto Union - heute unter dem Namen Audi bekannt - besondere Bedeutung. Schon 1952 waren mehr als 5000 Arbeiter und Angestellte bei der Auto Union beschäftigt, und die Belegschaft wuchs trotz der nicht immer einfachen Lage des Unternehmens weiter: etwa 11.000 Beschäftigte waren es 1964, und fast 20.000 am Vorabend der Ölkrise von 1973.
Die Landwirtschaft verlor in diesen Jahren in großen Teilen des Untersuchungsraumes rapide an Bedeutung. Viele Bauern fanden einen neuen Arbeitsplatz in der Industrie, führten ihren Hof jedoch im Nebenerwerb weiter. Der zwischen selbständigem Bauerntum und abhängiger Lohnarbeit angesiedelte Sozialtypus des Nebenerwerbslandwirts ist in mehrfacher Hinsicht interessant: Sozialgeschichtlich als Resultat eines forcierten Strukturwandels, mentalitätsgeschichtlich als Wanderer zwischen den Milieus am neuen Arbeitsplatz und am angestammten ländlich-dörflichen Wohnort sowie politikgeschichtlich als Träger bäuerlich-konservativen Gedankenguts. Vieles spricht dafür, daß es dieser "in den ländlichen Grund und Boden verwurzelte Typ des bayerischen Industriearbeiters" (Paul Erker) war, der der CSU den schwierigen Spagat zwischen ihrer angestammten Anhängerschaft in Landwirtschaft und Handwerk und den Arbeitnehmern im expandierenden sekundären und tertiären Sektor der bayerischen Wirtschaft erleichtert hat.
Die Region Ingolstadt stand in den sechziger Jahren wiederholt im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Dafür war nicht zuletzt die von der bayerischen Staatsregierung maßgeblich beeinflußte Entscheidung verantwortlich, Pipelines von den Ölhäfen am Mittelmeer nach Ingolstadt zu bauen und so die Voraussetzungen für eines der größten deutschen Raffineriezentren zu schaffen. Zwischen 1962 und 1967 wurden in der Region Ingolstadt fünf Raffinerien errichtet, die über drei Pipelines mit Erdöl versorgt wurden. Die erhofften Beschäftigungseffekte blieben allerdings gering; mehr als 1600 Arbeitsplätze konnten nicht geschaffen werden. Auch eine weitere Hoffnung zerschlug sich spätestens mit der Ölkrise: die Ansiedlung petrochemischer Betriebe in großem Stil blieb aus. Damit war es nicht gelungen, neben der außerordentlich konjunkturabhängigen Automobilindustrie ein zweites ökonomisches Standbein aufzubauen. Kein Wunder, daß die Folgen des Ölschocks Ingolstadt besonders hart trafen. Allein bei Audi sank der Mitarbeiterstand zwischen 1973 und 1975 um etwa zwanzig Prozent, und die Arbeitslosenquote blieb in Ingolstadt - verglichen mit dem Landesdurchschnitt - auch signifikant hoch, als die Wirtschaft wieder an Fahrt gewann.
Die von der Automobilindustrie verursachte ökonomische Disparität, die - ähnlich wie in Wolfsburg - auch folgenschwere politische Implikationen mit sich brachte, sollte das große Problem Ingolstadts bleiben. Die Region schlug eine Art Sonderweg ein und machte die Entwicklung von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft nur ansatzweise mit. Von einer wirklichen Diversifizierung der Wirtschaft konnte keine Rede sein, und es ist kein Zufall, daß die Region Ingolstadt in einer Erhebung über die Innovationsbetriebe und die Innovationsdichte in den 18 Planungsregionen Bayerns aus dem Jahr 1984 lediglich an 14. Stelle rangierte. Die Entwicklung der Region Ingolstadt zeigt damit nicht zuletzt die Grenzen der Steuerungskapazität politisch-administrativer Institutionen in einer demokratisch verfaßten Gesellschaft auf.
Es ist auch im Rahmen einer Regionalstudie unmöglich, alle wichtigen Themenfelder zu behandeln und gleichsam eine histoire totale der Boom-Zeit zu schreiben. Nach eingehendem Aktenstudium haben sich vier Problemkreise als Kern der Untersuchung herauskristallisiert: Erstens die ökonomische Entwicklung der Region Ingolstadt, wobei es vor allem darauf ankommen wird, eine Topographie des Untersuchungsraums anhand seiner Wirtschaftsstruktur zu erarbeiten und die Interdependenz der Faktoren Industrie, Landwirtschaft und Politik aufzuzeigen. Zweitens soll die Entwicklung politischer Strukturen unter den Bedingungen beschleunigten sozialen Wandels in den Blick genommen werden. Hier muß es unter anderem um die Frage gehen, wie sich demographische Verschiebungen und Umschichtungen in der Erwerbsstruktur auf die politische Orientierung der Bevölkerung ausgewirkt haben und wie sich die Zusammensetzung der basisnahen politischen Eliten dadurch verändert hat. Drittens werden die Handlungsspielräume und die Grenzen kommunaler Politik am Beispiel der Stadt Ingolstadt untersucht. Dabei werden aber nicht nur Stadtentwicklung und Stadtplanung im Mittelpunkt des Interesses stehen; es soll zudem gezeigt werden, wie führende Kommunalpolitiker wiederholt versuchten, der Stadt eine neue Identität zwischen Tradition und Moderne zu geben, und wie lange es dauerte, bis man im historischen Erbe nicht nur überflüssigen Ballast sah, sondern auch eine Chance. Viertens soll die Erosion und Beharrungskraft sozialer Milieus und Lebenswelten untersucht werden, und zwar bevorzugt am Beispiel des katholischen Milieus, der sozialdemokratischen Arbeiterschaft, und der Jugendkultur in den Jahren um 1968.
Stand: April 2007 
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