Aktuelles Heft 1/2015

Aufsätze:

  • Horst Möller: Die Bayerische Vereinsbank zwischen Resistenz und Gleichschaltung 1933-1945. (A) - open access
  • Anne Rohstock: Vom Anti-Parlamentarier zum „kalten Arisierer“ jüdischer Unternehmen in Europa. Theodor Eschenburg in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. (A)
  • Magnus Brechtken: Mehr als Historikergeplänkel. Die Debatte um „Das Amt und die Vergangenheit“. (A)
  • Anne Barnert: Personen. Großstadt, blinde Flecken. Der Bestand „Staatliche Filmdokumentation“ der DDR. (A)
  • Stephan Lehnstaedt: Der Deutungsstreit um die „Ghettorenten“. Anmerkungen zur Diskurspraxis des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen. (Dis)

Abstracts

Horst Möller: Die Bayerische Vereinsbank zwischen Resistenz und Gleichschaltung 1933-1945

Welche Konsequenzen hatten Bankpolitik und die Bankenaufsicht für die bisher wenig untersuchten Regionalbanken während der NS-Diktatur? Erfolgte – wie in vielen anderen gesellschaftlichen Sektoren - einer Art „Selbstgleichschaltung“ oder suchten die Banken nach Freiräumen? Welche Folgen hatte die Personalpolitik für die Besetzung der Leitungs- und Aufsichtsgremien? Tatsächlich gelang es Vorstand und Aufsichtsrat der hier beispielhaft untersuchten Bayerischen Vereinsbank recht lange, etwa bis 1938, ihre Autonomie zu bewahren. Mutige leitende Persönlichkeiten und die beiden Großaktionäre, die Gutehoffnungshütte und die Mendelssohn-Bank spielten dabei die entscheidende Rolle, insbesondere Paul Reusch, von 1936 bis 1938 Vorsitzender des Aufsichtsrats. Doch auch nach der Gleichschaltungsaktion  von 1938, in der das NS-Regime das Ausscheiden dieser beiden Großaktionäre aus der als „Judenbank“ diffamierten Bayerischen  Vereinsbank erzwang, setzten sich Vorstand und Aufsichtsrat trotz des nun erfolgten nationalsozialistischen Personalschubs gegen die weitere Einschränkung ihrer Autonomie zur Wehr, die die NS-Funktionäre 1942/1943 indes nochmals intensivierten. Bis Ende des Krieges blieb durch äußerst geschicktes Handeln der Bankleitung immerhin eine Teilautonomie erhalten: Sie beweist, in welchem Maße Resistenz möglich war.

 

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Anne Rohstock: Vom Anti-Parlamentarier zum „kalten Arisierer“ jüdischer Unternehmen in Europa. Theodor Eschenburg in der Weimarer Republik und im Dritten Reich

Über den Politikwissenschaftler Theodor Eschenburg wird seit 2011 heftig gestritten. War Eschenburg bereits in der Weimarer Republik Demokrat? Oder wandelte sich seine Einstellung erst nach 1945? Wie ist darüber hinaus sein Verhalten im NS zu beurteilen? Anne Rohstock unternimmt es auf der Basis neuer Quellenfunde, Eschenburgs Wirken in der Weimarer Republik und im Dritten Reich historisch einzuordnen. Dabei zeigt sich, dass er in der ersten deutschen Demokratie anti-parlamentarisch und anti-pluralistisch dachte. Im NS-Regime vertrat Eschenburg die Belange des NS-Regimes ohne Rücksicht auf menschliche Verluste: So betrieb er den Ausschluss jüdischer Unternehmen aus den Wirtschaftsbeziehungen mit dem Deutschen Reich und sorgte so dafür, dass Juden die Lebensgrundlage entzogen wurde. Diese gewissermaßen „kalte Arisierung“ war zwar Teil routinierter Abläufe im Reichswirtschaftsministerium. In diesem Rahmen nutzte Eschenburg seinen durchaus vorhandenen Handlungsspielraum aber im Sinne des NS-Regimes. Damit wirft der Artikel ein neues Licht auf die Mitwirkung Eschenburgs an der Entrechtung und Verfolgung der Juden in Europa.

 

 

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Magnus Brechtken: Mehr als Historikergeplänkel. Die Debatte um „Das Amt und die Vergangenheit“

 

Der Aufsatz zieht eine Bilanz der öffentlichen und wissenschaftlichen Debatte über „Das Amt und die Vergangenheit“. Von der These ausgehend, dass Vergangenheitsaufarbeitung in der Bundesrepublik von Beginn an einen aufklärerisch rationalisierenden und emanzipatorischen Effekt in der Gesellschaft hatte, der weit über die Beurteilung rein historischer Fragen hinausgeht, werden generelle Linien und Hintergründe der Forschungsentwicklung bis zur Jahrtausendwende präsentiert. In den wiederkehrenden Vergangenheitsdiskussionen zeigt sich eine verblüffende Fülle verfügbarer Informationen und Argumente, die auf wechselnde Konjunkturen des gesellschaftlichen Interesses trafen. Eine zentrale Frage ist etwa, warum die Forschungen von Christopher Browning und Hans-Jürgen Döscher in den 1980er und 1990er Jahren nicht dieselbe Resonanz auslösten wie der Kommissionsbericht 2010. In der Diskussion um „Das Amt“ waren Argumentationsmuster erkennbar, die geschichtspolitisch statt empirisch zu argumentieren versuchten. Der wissenschaftliche Diskurs setzte die eingangs formulierte These empirischer Rationalität durch. Ein zentrales Ergebnis der Debatten um die personellen Kontinuitäten von vor 1945 bis zur Bundesrepublik der 1960er Jahre ist die Erkenntnis, dass die Mentalität und das Denken, die Weltbilder und Wertvorstellungen dieser Menschen einer noch weitgehend zu leistenden empirisch-archivalischen Analyse bedürfen.              

 

 

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Anne Barnert: Personen, Großstadt, blinde Flecken. Der Bestand "Staatliche Filmdokumentation" der DDR

 

Die "Staatliche Filmdokumentation" (SFD) bestand zwischen 1970 und 1986 am Filmarchiv der DDR, wo sie etwa 300, nicht für die Öffentlichkeit bestimmte Dokumentarfilme als Geschichtsquellen für spätere Generationen produzierte. Ihr Ziel war eine systematische und umfassende Eigendokumentation des sozialistischen Staates DDR für die Zukunft. Als Teil der SED-Vergangenheitspolitik besaß die SFD Freiheiten: Sie konnte ihre Filme teilweise an der Zensur vorbei herstellen und dokumentieren, was den staatlichen Medien verboten war. Die überlieferten Filmdokumente der SFD sind bis heute nahezu unbekannt geblieben. Als Ergebnis eines Forschungsprojektes am Institut für Zeitgeschichte wird dieser einzigartige Quellenbestand im Beitrag erstmals auf archivarischer Grundlage vorgestellt: 1) die umfangreiche Personendokumentation der SFD, welche vor allem die mittlere Führungselite der DDR umfasste, 2) Sachdokumentationen, insbesondere mit sozialhistorischem Schwerpunkt auf Berlin, sowie 3) Filme, die für die Zukunft auch solche Aspekte der DDR dokumentieren sollten, die in der Gegenwart der Zensur unterlagen.

 

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Stephan Lehnstaedt: Der Deutungsstreit um die „Ghettorenten“. Anmerkungen zur Diskurspraxis des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen

 

Im Sommer 2014 novellierte der Bundestag das „Ghettorentengesetz“ (ZRBG) und sah nun für Beschäftigungen in einem Ghetto einen Rentenbeginn seit 1997 vor, und zwar unabhängig davon, wann der Antrag darauf gestellt und wie er bisher beschieden worden war. Das Parlament kritisierte die frühere restriktive Praxis stark, während zeitgleich das Landessozialgericht Nordrhein-Westfalen seine meist ablehnende Haltung verteidigte – unter anderem in den VfZ. Dieser Beitrag dokumentiert die aktuellen Entwicklungen und hinterfragt das Argument, wonach eine für die Holocaustüberlebenden großzügigere Auslegung bis 2009 schlicht nicht möglich gewesen sei. Zudem wird der Umgang der Justiz mit ihren Kritikern analysiert, insbesondere mit dem Richter Jan-Robert von Renesse.




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