Aktuelles Heft 3/2015

Aufsätze:

  • Hélène Miard-Delacroix: Reflexionen über die Vorgeschichte unserer Gegenwart. 25 Jahre „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“. (A) 
  • Frank Bösch: Zwischen Schah und Khomeini. Die Bundesrepublik Deutschland und die islamische Revolution im Iran. (A)
  • Christof Dipper: Die italienische Zeitgeschichtsforschung. Eine Momentaufnahme. (A)
  • Richard Wolin: Heideggers "Schwarze Hefte". Nationalsozialismus, Weltjudentum und Seinsgeschichte. (A) - open access
  • Christopher Nehring: Die Verhaftung Till Meyers in Bulgarien. Eine Randnotiz aus dem Archiv der bulgarischen Staatssicherheit. (A)
  • Peter Hoeres: Gefangen in der analytisch-normativen Westernisierung der Zeitgeschichte. Eine Kritik am Konzept der Zeitbögen. (Dis)
  • Steffen Kailitz: Demokratie und Wirtschaftspolitik in der Weimarer Republik in international vergleichender Perspektive. Eine Replik auf den Beitrag von Tim B. Müller. (Dis)

Abstracts

Hélène Miard-Delacroix: Reflexionen über die Vorgeschichte unserer Gegenwart. 25 Jahre „Akten zur Auswärtigen Politik der Bundesrepublik Deutschland“

Die Veröffentlichung des jüngsten Bandes diplomatischer Dokumente der Bundesrepublik Deutschland (1984) bietet uns die Gelegenheit, über die historische Situation vor 30 Jahren nachzudenken. Durch eine Analyse dieser Epoche aus historischer Perspektive sucht der Beitrag festzustellen, ob diese Vergangenheit als Vorläufer unserer gegenwärtigen Sorgen verstanden werden kann. In vielerlei Hinsicht gehört diese Periode sicherlich zu dem, was wir heute als „Geschichte“ betrachten würden (z. B. die UdSSR, die deutsche Teilung und die südafrikanische Apartheid), aber einige Aspekte, mit denen die deutsche Diplomatie 1984 konfrontiert war, sind heute immer noch aktuell. Auch wenn sie damals unterschätzt wurden, können viele Charakteristika heutiger Konflikte schon klar identifiziert werden. Auf verschiedene Weisen können die Praktiken und Ziele der deutschen Diplomatie von 1984 sowohl als beispielhaft und als eine Inspiration für unsere moderne Epoche gesehen werden.

 

 

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Frank Bösch: Zwischen Schah und Khomeini. Die Bundesrepublik Deutschland und  die islamische Revolution im Iran

Bereits die Zeitgenossen sahen die iranische Revolution 1979 als eine wichtige Zäsur, die weltweit die Angst vor einer radikalen islamischen Gewalt beflügelte. Da die Bundesrepublik zu Zeiten des Schahs sehr enge Beziehungen zum Iran pflegte, war eigentlich, ähnlich wie bei den USA, ein Bruch mit der Islamischen Republik erwartbar. Der Aufsatz zeigt hingegen archivgestützt, wie sich die bundesdeutsche Politik und Wirtschaft auf die neuen geistlichen Machthaber einließ und dabei trotz Massenhinrichtungen vom öffentlichen Menschenrechtsdiskurs relativ unbeeindruckt blieb. Die bisherigen ökonomischen und kulturellen Verbindungen zum Iran erleichterten die Errichtung politischer Brücken und führten zu einer pragmatischen Mittlerrolle der Bundesrepublik, auch gegenüber den USA. Wie detailliert anhand von VS-Akten belegt werden kann, konnten Deutsche deshalb auch bei der Geiselnahme in der amerikanischen Botschaft in Teheran eine Schlüsselrolle in den Geheimverhandlungen einnehmen. Obgleich die Proteste gegen Menschenrechtsverletzungen im Herbst 1981 zunahmen, hielten Politik und Wirtschaft grundsätzlich an diesen pragmatischen gepflegten Beziehungen fest.
 

 

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Christof Dipper: Die italienische Zeitgeschichtsforschung. Eine Momentaufnahme

 

Wer sich in Italien seit dem Jahre 2012 für eine Professur bewerben möchte, muss dafür zuvor den Nachweis seiner wissenschaftlichen Eignung erhalten (Abilitazione Nazionale Scientifica). Die damit beauftragten Kommissionen erhalten so einen singulär klaren Blick auf die Bewerber im jeweiligen Fach. In Storia contemporanea haben sich in zwei Jahren insgesamt 631 Kandidaten beworben, deren Produktion hier vorgestellt und bewertet wird. Da zwei Dritteln die Eignung verweigert werden musste, kann die Gesamtbilanz nur negativ ausfallen, auch wenn zahlreiche Bewerber fraglos internationales Niveau erreichen. Die Ursachen liegen in erster Linie im verfallenden Universitätssystem, dem, so wie es momentan beschaffen ist, mehr Geld überhaupt nicht helfen würde. Aus kulturanthropologischer Perspektive könnte man sagen, dass ein namhafter Teil italienischer Fakultäten, im Windschatten einer Politik von bemerkenswerter Unkenntnis der Folgen bildungsfeindlicher Strategien, sich offenbar von internationalen Standards abgekoppelt und ein ihren Vorstellungen entsprechendes Wissenschaftssystem geschaffen hat, aber das wäre ein Schlag ins Gesicht der exzellenten Minderheit. Der Maßstab muss dem internationalen Konsens über best practice entnommen werden.

 

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Richard Wolin: Heideggers Schwarze Hefte: Nationalsozialismus, Weltjudentum und Seinsgeschichte

 

Heidegger beabsichtigte, dass seine „Schwarzen Hefte“, welche kürzlich in Deutschland veröffentlicht wurden, seine 102-bändige Gesamtausgabe krönen sollten. Sie stellen unter anderem eine krasse Bestätigung seiner philosophischen Bindung an den Nationalsozialismus dar – und damit einen Point of No Return für die Heideggerforschung. Aber die „Schwarzen Hefte“ zeigen auch in erschreckender Weise Heideggers Obsession mit dem „Weltjudentum“ in der negativsten und Cliché-belastetsten Ausdrucksweise: als eine zentrale Quelle kultureller und sozialer Auflösung, die eliminiert werden müsse, um die „innere Wahrheit und Größe“ des Nationalsozialismus zu verwirklichen – wie Heidegger es selbst 1935 formulierte. Wie kann man nun aus der Zwickmühle mit einem großen Denkers herausfinden, der völlig überzeugt davon blieb, dass das NS-Regime mit seinem ungezügeltem Rassismus und exterminationistischem Militarismus eine adäquate Lösung für den „Untergang des Abendlandes“ darstellte?

 

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Christopher Nehring: Die Verhaftung Till Meyers in Bulgarien. Eine Randnotiz aus dem Archiv der bulgarischen Staatssicherheit

 

Die Verhaftung des Terroristen und Mitglieds der „Bewegung 2. Juni“ Till Meyer im Sommer 1978 in Bulgarien ist bis heute eines der unbekannteren Kapitel in der Geschichte des westdeutschen Terrorismus und seiner Bekämpfung. Als Ergebnis umfassender Recherchen in den Archiven der ostdeutschen und bulgarischen Staatssicherheit (Dyrzhavna sigurnost) werden in diesem Beitrag neue Tatsachen über die Umstände der Verhaftung präsentiert. Dabei kann das bisherige Bild des Hergangs zum Teil bestätigt und zum Teil entscheidend ergänzt werden. Die Verhaftung Meyers durch das Bundeskriminalamt (BKA) im sozialistischen Ausland, die hier im Detail rekonstruiert wird, war dabei ein außergewöhnlicher Akt und Teil einer diplomatischen Annäherung zwischen dem sozialistischen Bulgarien und der Bundesrepublik. Auch fand sie im größeren Kontext der Kooperationsversuche des BKA unter Horst Herold mit den Ostblock-Ländern statt, von denen die Stasi jedoch (mit gutem Grund) ausgenommen wurde. Im Ministerium für Staatssicherheit wurde die Verhaftung als Vertrauensbruch seitens der bulgarischen Partner gegeißelt und führte zu scharfen Vorwürfen.

 

 

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Peter Hoeres: Gefangen in der analytisch-normativen Westernisierung der Zeitgeschichte. Eine Kritik am Konzept der Zeitbögen

 

Der Beitrag diskutiert das von Anselm Doering-Manteuffel jüngst an dieser Stelle verschlagene Konzept der Zeitbögen zur Periodisierung und Konzeptualisierung der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert. Das Konzept wird als grundsätzlich anschlussfähig, im Detail aber korrekturbedürftig bewertet. Vor allem aber richtet sich die Kritik auf die starke analytische und normative Orientierung an der Westernisierung, die zu einer Verengung der Perspektive und zur Ausblendung wichtiger Entwicklungen der deutschen und europäischen Geschichte führt. Im Gegensatz dazu plädiert der Aufsatz für eine Öffnung des Blicks für weitere Trends und Prozesse, um eine Funktionalisierung der deutschen Geschichte zu überwinden.

 

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Steffen Kailitz: Demokratie und Wirtschaftspolitik in der Weimarer Republik in international vergleichender Perspektive. Eine Replik auf den Beitrag von Tim B. Müller

 

Die erste deutsche Demokratie war zwar keineswegs zum Scheitern verurteilt, aber sie war auch keineswegs eine “etablierte Demokratie”, wie Tim B. Müller behauptet. Im Unterschied zu Müllers Kontrastfällen USA, Großbritannien und den skandinavischen Staaten war in Deutschland die Demokratie erst nach dem Ersten Weltkrieg aus einer Revolution geboren. Grundlegende strukturelle Probleme belasteten die neue Demokratie schwer. Es wäre ein großer Rückschritt für die Weimar-Forschung Müller zu folgen und den Sturz der deutschen Demokratie letztlich monokausal darauf zurückzuführen, dass zur “falschen Zeit” “die falschen Männer” um Brüning an der Regierung waren und eine “falsche”, weil nicht-“keynesianische” Wirtschaftspolitik betrieben.


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