Aktuelles Heft 4/2014

Aufsätze:

  • Hermann Wentker: Die Grünen und Gorbatschow. Metamorphosen einer komplexen Beziehung 1985 bis 1990. (A) - open access
  • Alexander Vatlin: Weltrevolutionär im Abseits. Der Kommissar der Bayerischen Räterepublik Tobias Axelrod. (A)
  • Amedeo Osti Guerrazzi: „Schonungsloses Handeln gegen den bösartigen Feind“. Italienische Kriegführung und Besatzungspraxis in Slowenien 1941/42. (A)
  • Tim B. Müller: Demokratie und Wirtschaftspolitik in der Weimarer Republik. (Dis)
  • Rainer Eisfeld: Theodor Eschenburg und der Raub jüdischer Vermögen 1938/39. (D)

Abstracts

Hermann Wentker: Die Grünen und Gorbatschow. Metamorphosen einer komplexen Beziehung 1985 bis 1990

In ihrer Beurteilung Gorbatschows und seiner Politik waren die Grünen von einem Weltbild geprägt, in dem der amerikanischen Führung ein ernsthafter Wille zur Abrüstung abgesprochen wurde, die Sowjetunion aber nicht grundsätzlich verurteilt werden durfte. Die Abrüstungsinitiativen Gorbatschows passten in dieses Weltbild und wurden entsprechend begrüßt. Bei der Beurteilung der sowjetischen Innenpolitik unter Gorbatschow dominierte aufgrund der Ablehnung der modernen Industriegesellschaft und der Marktwirtschaft die Skepsis gegenüber dessen Bemühungen um mehr wirtschaftliche Effizienz und zu verstärkter Kooperation mit dem Westen. Überdies betrachteten die Grünen sich und die Friedensbewegung als Bündnispartner Gorbatschows, wenngleich sie verkannten, dass ihre Bedeutung für diesen seit 1987 nachließ. Dabei unterhielten nur wenige Grüne Basiskontakte nach Osteuropa und in die Sowjetunion. Letztere zeigten großes Verständnis gegenüber den Dissidenten und den dortigen Gesellschaften und erkannten, dass es diesen 1988/89 neben der Befriedigung ihrer Konsumwünsche vor allem um einen demokratischen Rechtsstaat ging. Andere Grünen, die sich, wenn überhaupt, nur theoretisch mit dem Ostblock beschäftigten, wollten hingegen noch 1989 mit dem immer stärker erodierenden sowjetischen Regime über einen Dritten Weg diskutieren. Von der revolutionären Entwicklung 1989/90 wurden indes alle Grünen überrascht, da sie die Beharrungskraft des Nationalstaats unterschätzt hatten.

 

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Alexander Vatlin: Weltrevolutionär im Abseits. Der Kommissar der bayerischen Räterepublik Tobias Axelrod


Tobias Axelrod taucht in vielen Darstellungen als einer der Führer der zweiten, kommunistischen bayerischen Räterepublik auf, ohne über seinen vorherigen und folgenden Lebensweg viel bekannt wäre. Der Moskauer Historiker Alexander Vatlin hat sich in russischen und deutschen Archiven auf eine biographische Spurensuche begeben, um ein vollständigeres Bild des Berufsrevolutionärs Axelrod zu zeichnen, das zugleich auch dessen Rolle in der Räterepublik genauer ausleuchtet. Der schon als jugendlicher zur sozialistischen Bewegung gestoßene Axelrod nahm an der Revolution von 1905 teil und wurde nach Sibirien verbannt, von wo er 1910 ins Ausland floh. 1917 ins revolutionäre Russland zurückgekehrt fand er dort keine passende Aufgabe und wurde Anfang 1919 als Leiter eines Auslandspressebüros nach Deutschland geschickt, wo es ihn schließlich mitten in die bayerischen Turbulenzen verschlug.  Dem politischen Druck aus Moskau, das auf seinem angeblichen diplomatischen Status beharrte, hatte er es  wohl zu verdanken, dass er nach der blutigen Niederschlagung des Revolutionsversuchs durch Reichswehr und Freikorps der folgenden standrechtlichen Abrechnung mit den Aufständischen nicht wie sein Genosse Eugen Leviné zum Tode, sondern nur zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Schon nach einigen Monaten wurde er ausgetauscht und kehrte nach Russland zurück. Das unerfüllte und unstete Leben des Revolutionärs, dem die Revolution abhanden gekommen war, endete 1938 in Stalins Großem Terror. Das Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR verurteilte ihn auf Weisung Stalins als „Konterrevolutionär“ zum Tode. Am 10. März 1938 wurde er erschossen.

 

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Amedeo Osti Guerrazzi: „Schonungsloses Handeln gegen den bösartigen Feind“. Italienische Kriegführung und Besatzungspraxis in Slowenien 1941/42

 

Die Kriegführung und Besatzungspraxis der italienischen Streitkräfte zwischen 1940 und 1943 haben lange Zeit nur wenig Interesse unter den Historikerinnen und Historikern gefunden. Daher konnte sich bis vor Kurzem die Legende halten, Italien sei zwar ein Land mit faschistischer Regierung gewesen, habe aber keinen faschistischen: sprich von Verbrechen begleiteten Krieg geführt. Amedeo Osti Guerrazzi reiht sich mit seinem Beitrag ein die Gruppe der Wissenschaftler, die diese Interpretation ablehnen und ein neues Bild der Soldaten Mussolinis zeichnen. Am Beispiel der Division „Granatieri di Sardegna“, eines Eliteverbands des königlichen Heeres, und der italienischen Herrschaft im besetzten und teilweise annektierten Slowenien zeigt er auf, dass Kriegsverbrechen hier praktisch an der Tagesordnung waren. Dazu gehörten willkürliche Erschießungen, Plünderungen und Vergewaltigungen, die nie gesühnt wurden. Im täglichen Kleinkrieg gegen die Partisanen ließen auch italienische Soldaten jegliche humanitäre Gesittung vermissen; jung, unerfahren und im propagandistisch angefachten Hochgefühl kulturell-rassischer Überlegenheit war ihnen jedes Mittel recht, wenn es galt, den Gegner so hart wie möglich zu treffen. Eine zentrale Rolle weist Osti Guerrazzi den militärischen Führern zu, die sich des Rückhalts der faschistischen Führung in Rom sicher sein konnten, wenn sie schärfstes Durchgreifen befahlen. Verbrecherische Befehle, die vom Oberkommando ausgingen, sucht man zwar vergeblich, aber manche Anordnungen der Befehlsstellen in Slowenien erinnern an den Kriegsgerichtsbarkeiterlass des Oberkommandos der Wehrmacht. Die Italiener führten in Slowenien keinen Vernichtungskrieg, so bilanziert Osti Guerrazzi; ihr Krieg glich aber demjenigen der Streitkräfte des Deutschen Reiches in Italien nach dem Frontwechsel des Königreichs im September/Oktober 1943.
  
                                                                                                                              

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Tim B. Müller: Demokratie und Wirtschaftspolitik in der Weimarer Republik

 

Wenn nicht die Suche nach nationalen Kontinuitäten die Erforschung der Weimarer Republik leitet, sondern deren Untersuchung in internationalen und transnationalen Kontexten, zeigt sich eine Demokratie, die sich von anderen liberalen und sozialen Demokratien jener Zeit nicht wesentlich unterschied. Das gilt für die politischen Institutionen ebenso wie für die politische Kultur, und es trifft auch in Hinsicht auf die sozialen und ökonomischen Krisen, Herausforderungen und Möglichkeiten zu. Die moderne Massendemokratie befand sich nach dem Ersten Weltkrieg nicht nur in Deutschland im Prozess des Entstehens. Der vorliegende Beitrag stellt die Wirtschaftspolitik der Republik in ihren demokratischen Erwartungshorizont. Über die ökonomische Stabilisierung und Produktivität hinaus lässt sich in den Quellen als politische Zielsetzung der Wirtschaftspolitik die Ermöglichung der Demokratie als Regierungsform und Lebensweise deutlich erkennen. Wirtschaftshistorische Analysen konnten diese politische Dimension bislang nicht erschließen. Hingegen wird hier die Perspektive der Geschichte der Demokratie sowie des politischen und ökonomischen Denkens gewählt, um zentrale Akteure im Reichswirtschaftsministerium zu betrachten. Ihre Konzepte und Strategien waren Teil einer internationalen Diskussion über Wirtschaftspolitik in westlichen Demokratien. Nicht strukturelle Zwangslagen, sondern individuelle politische Entscheidungen setzten seit 1930 dieser demokratischen Wirtschaftspolitik Schritt für Schritt ein Ende, während andere Demokratien diese wirtschaftspolitischen Strategien ausweiteten und fortführten, woran auch deutsche Emigranten aus dem Reichswirtschaftsministerium beteiligt waren. Dieser Aufsatz versteht sich als ein Plädoyer für eine „optimistische“, nicht-teleologische Lesart der Geschichte der deutschen Demokratie nach 1918.

 

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Rainer Eisfeld: Theodor Eschenburg und der Raub jüdischer Vermögen 1938/39

 

Ein 2011 erschienener Zeitschriftenaufsatz zeigte auf der Grundlage neuer Aktenfunde, dass Theodor Eschenburg, nach dem 2. Weltkrieg einer der "Gründungsväter" der (west-) deutschen Politikwissenschaft und Zeitgeschichte, während des NS-Regimes an der „Arisierung“ einer jüdischen Firma beteiligt war. Seit 1933 in der Bekleidungsindustrie tätig, hatte Eschenburg dort bis 1945 als Kartellgeschäftsführer fungiert. Auf die Veröffentlichung des Aufsatzes folgte eine emotional, häufig polemisch, geführte Debatte. Die hier vorgelegte Dokumentation führt diese zu den Quellen zurück und präsentiert weitere, kürzlich entdeckte Unterlagen, die beweisen, dass Eschenburg  nach dem “Anschluss” Österreichs 1938 auch an der “Arisierung” zweier Wiener jüdischer Unternehmen mitwirkte. Der frühere Eigentümer eines der beiden Betriebe kam später in Theresienstadt ums Leben. Eschenburg erweist sich als Beispiel eines konservativen Nicht-Nationalsozialisten („staatskonservativ“, in seinen Worten), der, obgleich er persönliche Kontakte zu Juden aufrechterhielt, sich beflissen in den Dienst des rassistischen Regimes stellte.



© Institut für Zeitgeschichte