Aktuelles Heft 3/2014

Aufsätze:

  • Anselm Doering-Manteuffel: Die deutsche Geschichte in den Zeitbögen des 20. Jahrhunderts. (A)
  • Paul Köppen: „Aus der Krankheit konnten wir unsere Waffe machen.“ Heinrich Brünings Spardiktat und die Ablehnung der französischen Kreditangebote 1930/31. (A)
  • Tamara Ehs: Der „neue österreichische Mensch“. Erziehungsziele und studentische Lager in der Ära Schuschnigg 1934 bis 1938. (A)
  • Grzegorz Rossolinski-Liebe: Erinnerungslücke Holocaust. Die ukrainische Diaspora und der Genozid an den Juden. (A) - open access
  • Volksgemeinschaft und die Gesellschaftsgeschichte des NS-Regimes. (D)

Abstracts

Anselm Doering-Manteuffel: Die deutsche Geschichte in den Zeitbögen des 20. Jahrhunderts

Wie lässt sich die Nationalgeschichte fassen, ohne dass die Grenzen des Landes zu Grenzen der Erkenntnis werden? Wie lassen sich die sozialen, technisch-wissenschaftlichen und ideellen Basisprozesse in Beziehung setzen zu den Zäsuren der politischen Geschichte des 20. Jahrhunderts? Mit diesen Leitfragen entwirft Anselm Doering-Manteuffel, Professor für Neuere Geschichte und Direktor des Seminars für Zeitgeschichte der Eberhard Karls-Universität Tübingen, das Konzept der Zeitbögen, die es erlauben, den Verlauf der deutschen Geschichte seit 1900 neu zu strukturieren. Das 20. Jahrhundert war von drei großen Konflikten bestimmt, die sich jeweils als Machtkampf um die Durchsetzung grundsätzlich unvereinbarer soziopolitischer und ökonomischer Ordnungsmuster verstehen lassen: Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, Kalter Krieg. Der Machtkampf galt der Verhinderung respektive Durchsetzung des angloatlantischen Ordnungssystems der „Freiheit“ im Sinne von Marktwirtschaft und Demokratie als hegemoniales Prinzip. Die großen Konflikte markierten jedoch nicht nur politische Einschnitte, siewirkten vielmehr als Katalysatoren im längerfristigen Geschehen des jeweiligen Zeitbogens.

 

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Paul Köppen: „Aus der Krankheit konnten wir unsere Waffe machen.“ Heinrich Brünings Spardiktat und die Ablehnung der französischen Kreditangebote 1930/31


Ungeachtet der Tatsache, dass mittlerweile mehrere Generationen von Historikern das Thema ausführlich diskutiert haben, erscheinen zentrale Punkte von Heinrich Brünings Wirtschafts- und Finanzpolitik während der Weltwirtschaftskrise noch immer unklar. War seine Kanzlerschaft lediglich eine Periode situationsbedingten Krisenmanagements, in der konzeptionelles Handeln angesichts außen- und innenpolitischer Umstände schlicht nicht möglich war, oder verfolgte Brüning tatsächlich den Plan einer monarchischen Restauration? Optierte er für krisenverschärfende Deflationsmaßnahmen aufgrund mangelnder Alternativen oder eher aus einer politischen Überzeugung heraus? Die Hintergründe zu Berlins kategorischem ‚Nein!‘ anlässlich der französischen Kreditofferten 1930/31 können hier neue Erkenntnisse vermitteln, die letztlich den Schluss nahelegen, dass Brünings Spardiktat tatsächlich einem ganz bestimmten politischen Kalkül folgte.

 

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Tamara Ehs: Der „neue österreichische Mensch“. Erziehungsziele und studentische Lager in der Ära Schuschnigg 1934 bis 1938

 

Mit dem Hochschulerziehungsgesetz führte der austrofaschistische Staat 1935 universitäre Sommerlager, sogenannte „Hochschullager“ ein. Diese 1936 und 1937 abgehaltenen Lager mussten von allen männlichen Studierenden besucht werden und dienten der körperlichen und geistigen Wehrhaftmachung. Sie waren Orte einer elitären ideologischen Gemeinschafts- und Nationsbildung zur Ausbildung des „neuen österreichischen Menschen“, den man in Absetzung von der NS-Identität des deutschen Reiches konzipierte. Mittels der Gemeinschaftserfahrung des mehrwöchigen Lagerlebens sollte die neue österreichische Volksgemeinschaft erlebt werden. Es galt, die Existenz eines gegenüber Hitler-Deutschland souveränen katholisch-deutsch definierten Österreichs zu behaupten und die Jugend in österreichischen Patriotismus zu üben. Die vormilitärische Ausbildung intendierte darüber hinaus eine Militarisierung, die jedoch eher im Sinne der Disziplinierung als in einer hinreichenden Ausbildung in Kampffähigkeit erfolgte.
                                                                                                                              

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Grzegorz Rossolinski-Liebe: Erinnerungslücke Holocaust. Die ukrainische Diaspora und der Genozid an den Juden

 

Im ersten Halbjahr 1944 verließen zusammen mit den abziehenden deutschen Besatzern mehrere Tausend Ukrainer ihr Land, um ein Zusammentreffen mit der sich nähernden Roten Armee und den sowjetischen Behörden zu vermeiden. Zwischen Sommer 1941 und dem Zeitpunkt ihrer Flucht hatten alle diese Ukrainer in irgendeiner Form Erfahrungen mit dem Holocaust gesammelt, entweder als Beobachter, als Retter oder als Täter. In den späten 1940er Jahren wurden die meisten von ihnen aus DP-Lagern in verschiedene westliche Länder wie Australien, Kanada, die Vereinigten Staaten oder Großbritannien umgesiedelt; einige verblieben in Westdeutschland und Österreich. In ihren Zeitungen und vielen Memoiren beschrieben und diskutierten sie oft den Zweiten Weltkrieg, aber entweder erwähnten sie den Holocaust überhaupt nicht oder sie stellten ihn als ein Verbrechen da, das nur von den Nazis und einer kleinen Gruppe unpatriotischer Ukrainer begangen worden war. Die Teilnahme der ukrainischen Polizei, der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und ihrer Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) sowie verschiedener „normaler“ Ukrainer vor Ort schien in diesen Memoiren und historischen Diskursen nicht auf. Im Gegenteil wurden einige dieser Akteure, vor allem die Mitglieder der OUN und die Partisanen der UPA, als Freiheitskämpfer und Nationalherren gefeiert. Der Aufsatz, der sich auf die Westukraine konzentriert, erforscht wie die ukrainische Diaspora während des Kalten Krieges die Vernichtung der Juden vergaß, Holocausttäter und Kriegsverbrecher in Helden der Ukraine verwandelte und argumentierte, dass Überlebende aus Ostgalizien und Wolhynien, die Ukrainer als Täter benannten, sowjetische Propagandisten und jüdische Chauvinisten seien.

 

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Martina Steber/Bernhard Gotto/Elizabeth Harvey/Moritz Föllmer/Peter Longerich/Dietmar Süß: Volksgemeinschaft und die Gesellschaftsgeschichte des NS-Regimes

 

Viel Wirbel um die nationalsozialistische Volksgemeinschaft in der deutschen NS-Forschung: Mit dem neuen Band „Visions of Community in Nazi Germany. Social  Engineering and Private Lives“ erreicht die Debatte um das Potenzial des Volksgemeinschafts-Zugangs den englischsprachigen Raum. Die beiden Herausgeber Martina Steber und Bernhard Gotto stellen ein innovatives Modell vor, um den Begriff zu operationalisieren, und entfalten so eine erneuerte Gesellschaftsgeschichte des „Dritten Reichs“. Moritz Föllmer, Elizabeth Harvey, Peter Longerich und Dietmar Süß gehen der Innovationskraft dieses Zugangs auf den Grund und fragen, ob er tatsächlich geeignet ist, den sozialen und kulturellen Wandel während der NS-Diktatur zu erklären.



© Institut für Zeitgeschichte