Aktuelles Heft 1/2016

Aufsätze:

  • Roman Töppel: „Volk und Rasse“. Hitlers Quellen auf der Spur. (A) - open access
  • Axel Schildt: Im Visier: Die NS-Vergangenheit westdeutscher Intellektueller. Die Enthüllungskampagne von Kurt Ziesel in der Ära Adenauer. (A)
  • Mechthild Lindemann: Deutsche Wissenschaftler als Erfinder von „Agent Orange“? Eine Spurensuche. (A)
  • Thomas Riegler: „Macht’s es unter der Tuchent“. Die Waffengeschäfte der österreichischen Verstaatlichten Industrie und der Noricum-Skandal. (A) 
  • Frank Bajohr: Zwei Jahre Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte. (A)
  • Michael Mayer: Wie autonom regierte Vichy? Zur aktuellen Debatte um die Einführung einer antisemitischen Rassengesetzgebung in Frankreich 1940. (A)

Abstracts

Roman Töppel: „Volk und Rasse“ - Hitlers Quellen auf der Spur

Das Kapitel „Volk und Rasse“ gilt als das ideologische Kernkapitel von Hitlers Buch „Mein Kampf“. Hitler baut darin die Figur „des Juden“ als homogenes Feindbild und Antityp zu dem „rassereinen“, kulturschöpferischen „Arier“ auf. Der vorliegende Aufsatz geht der Frage nach, welche Quellen Hitler benutzte, als er das Kapitel „Volk und Rasse“ verfasste. Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, da Hitler selten Autoren nannte, die ihn inspiriert hatten, und stets bemüht war, originär zu wirken. Außerdem verwendete Hitler meist nur Versatzstücke aus den Büchern und Aufsätzen, die er las, und ignorierte alles, was nicht in sein vorgefertigtes Weltbild passte. Mit Hilfe der Briefe seines Privatsekretärs Rudolf Heß, der Reste von Hitlers ehemaliger Privatbibliothek und schließlich durch einen Abgleich des Kapitels „Volk und Rasse“ mit den Büchern und den Aufsätzen in Periodika, die Anfang der 1920er Jahre in der völkischen Szene beworben wurden, lassen sich dennoch einige von Hitlers Quellen nachweisen. Dazu zählen Schriften von Houston Stewart Chamberlain, Heinrich Claß und Theodor Fritsch ebenso wie von Dietrich Eckart, Hans F. K. Günther und Alfred Rosenberg. Gerade der frühe Einfluss von Rosenberg auf Hitlers Rassenideologie wird von der Forschung bislang unterschätzt, während der Einfluss anderer Autoren – etwa Joseph Adolf Lanz, Karl May und Karl Haushofer – auf Hitler nach wie vor stark überschätzt wird.



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Axel Schildt: Im Visier: Die NS-Vergangenheit westdeutscher Intellektueller. Die Enthüllungskampagne von Kurt Ziesel in der Ära Adenauer

 

Ende 1957 sorgte ein Buch des rechtskonservativen Publizisten Kurt Ziesel (1911-2001) für öffentliches Aufsehen. Es trug den Titel: „Das verlorene Gewissen. Hinter den Kulissen der Presse, der Literatur und ihrer Machtträger von heute“. Darin skandalisierte er die Karriere jener Intellektuellen im „Dritten Reich“, die mittlerweile ihren Frieden mit der Bundesrepublik gemacht hatten und sogar liberale Positionen vertraten, aber ihre früheren politischen Positionen und Texte verschwiegen. Der Aufsatz zeichnet die Strategie Ziesels nach und befasst sich mit den Reaktionen der Angegriffenen, etwa Rudolf Pechel und Karl Korn, und deren argumentativer Unterstützung durch prominente Intellektuelle wie den Herausgeber der „Frankfurter Hefte“ Walter Dirks, den Philosophen Theodor W. Adorno, die Schriftsteller Hans Werner Richter, Heinrich Böll und andere Angehörige der Gruppe 47. Die Kampagne ebbte Mitte der 1960er Jahre ab, ging allerdings in das Arsenal der Methoden des politischen Kampfes ein.

 

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Mechthild Lindemann: Deutsche Wissenschaftler als Erfinder von „Agent Orange“? Eine Spurensuche

Waren deutsche Wissenschaftler die Erfinder von „Agent Orange“? Eine Anfrage des amerikanischen Verteidigungsministeriums an das Auswärtige Amt im Frühjahr 1983 legte dies nahe. Im Zusammenhang mit der Klage von Vietnam-Veteranen gegen die Produzenten des Herbizids sollten deutsche Wissenschaftler befragt werden, die, so die Aussage des Pentagon, Anfang der 60er Jahre für die Entwicklung von „Agent Orange“ relevante Erkenntnisse an einen deutsch-amerikanischen Kollegen weitergegeben hätten. Der Artikel beleuchtet die Hintergründe dieses mysteriösen Vorgangs und führt die Problematik des Umgangs mit zivil wie militärisch nutzbaren Gütern vor Augen. Er geht der Frage nach, weshalb sich ein für das amerikanische Militär tätiger Chemiker an Mitglieder einer deutschen Kommission für gesundheitsschädliche Arbeitsstoffe gewandt haben könnte und welches Wissen diese ihm seinerzeit überhaupt vermitteln konnten. Die Spurensuche zeigt die Brisanz einer möglichen Einbeziehung in den „Agent Orange“-Prozess. Zum einen mochten weder die Bundesregierung noch die Wissenschaftler mit dem in der Öffentlichkeit als Kampfstoff wahrgenommenen Herbizid in Verbindung gebracht werden. Zum anderen drohte eine Vergangenheitsdebatte besonderer Art: Einige der Wissenschaftler hätten ihre Nähe zur nationalsozialistischen Kampfstoff-Forschung kaum leugnen können. Auch das Pentagon hatte gute Gründe, die Deutschen aus dem Prozess herauszuhalten. Ihre Aussage konnte die Einschätzung des Vorsitzenden Richters bestätigen, dass die amerikanische Regierung und Militärführung den „Agent Orange“-Einsatz in Vietnam im Wissen um die Gesundheitsrisiken für die eigenen Soldaten befohlen hatten.

 

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Thomas Riegler: „Macht’s es unter der Tuchent“. Die Waffengeschäfte der österreichischen Verstaatlichten Industrie und der Noricum-Skandal

Der sogenannte „Noricum-Skandal“ hat das politische System der Zweiten Republik zwischen 1985 und 1993 nachhaltig erschüttert. Sieht man von journalistischen und politikwissenschaftlichen Arbeiten ab, so hat eine historische Aufarbeitung der Causa bislang nicht stattgefunden. Diese entzündete sich rund um eine Reihe von Waffengeschäften mit Irak und Iran, während sich diese Staaten im Ersten Golfkrieg (1980-1988) bekämpften. Die Lieferungen wurden von der Noricum Maschinenhandels GesmbH, einer Tochterfirma der Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke-Alpine Montan AG (VOEST-Alpine AG), durchgeführt und umfassten insgesamt 353 weitreichende Haubitzen (GHN-45), dazugehörige Munition und Zubehör. Dabei handelte es sich um einen klaren Verstoß gegen das österreichische Kriegsmaterialexportgesetz, dass den Waffenverkauf an kriegführende Staaten untersagte. In diesem Beitrag wird die Thematik unter folgenden Gesichtspunkten untersucht: 1.) wird der Noricum-Skandal im Zusammenhang mit den Auswirkungen des postindustriellen Wandels in Österreich in Zusammenhang gesetzt. 2.) wird die Causa Noricum als Fortführung einer Reihe problematischer österreichischer Rüstungsexporte nach Lateinamerika und in den Nahen Osten betrachtet. 3.) werden die engen Rahmenbedingungen aufgrund des Kriegsmaterialexportgesetzes und der österreichischen Neutralität aufgezeigt. Und schließlich werden 4.) die politisch-juristischen Konsequenzen zusammengefasst.


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Frank Bajohr: Zwei Jahre Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte

 

Der Beitrag bilanziert die Aktivitäten des Zentrums für Holocaust-Studien, das 2013 vom Institut für Zeitgeschichte in einer Vorlauf-Phase eingerichtet wurde. Wichtige Anstöße gingen dabei von amerikanischen und israelischen Einrichtungen aus, die kritisiert hatten, dass ihnen ausgerechnet in Deutschland ein institutioneller Partner in der Holocaust-Forschung fehle. Das Zentrum wird gegenwärtig vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung finanziert und soll mittelfristig weiter ausgebaut und in eine Bund-Länder-Finanzierung überführt werden. In der kurzen Zeit seines Bestehens hat das Zentrum auf seinen drei Arbeitsfeldern bereits wichtige Akzente gesetzt: Internationale Konferenzen und ein Programm mit Fellowships für Gastwissenschaftler gehören mittlerweile zu den festen Bestandteilen einer Forschungs-Infrastruktur. Auch Forschung wird in internationaler Vernetzung betrieben, wie bei der Edition der Tagebücher des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg, die gemeinsam mit dem Mandel Center for Advanced Holocaust Studies in Washington herausgegeben wurden. Mit einem in Washington durchgeführten „Teaching Summit“ für deutsche Hochschullehrer und Lehrveranstaltungen an der Ludwig-Maximilians-Universität München sind schließlich auch in der universitären Lehre über den Holocaust wichtige Grundsteine gelegt worden.

 

 

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Michael Mayer: Wie autonom regierte Vichy? Zur aktuellen Debatte um die Einführung einer antisemitischen Rassengesetzgebung in Frankreich 1940

Die Verfolgung der Juden in Frankreich ist Anlass einer aktuellen Debatte. Diese betrifft die Einführung von antisemitischen Gesetzen durch die französische Vichy-Regierung im Sommer/Herbst 1940. Letztendlich geht es aber um die Frage, ob es eine Kontinuität des Antisemitismus in Frankreich vor und nach 1940 gab. Jüngst wurde erneut betont, dass der Startschuss einer französischen antisemitischen Politik 1940 nur in Reaktion auf die judenfeindlichen Machenschaften der deutschen Besatzungsmacht in Frankreich fiel. Es gebe demnach kaum Kontinuitäten, der Antisemitismus nach 1940 sei weitgehend aus Deutschland importiert worden. Michael Mayer weist nach, dass dem nicht so war. Vielmehr zeigten sich zwei parallele Entwicklungsstränge: Einerseits implementierte die französische Regierung relativ unabhängig von deutschem antisemitischen Wirken eine eigene Politik der Verfolgung der Juden in Frankreich. Andererseits aber führten deutsche Maßnahmen zur Enteignung jüdischen Vermögens zu erfolgreichen Abwehrreaktionen der französischen Verwaltung. Vichy handelte also bei der Einführung einer antisemitischen Segregationsgesetzgebung weitgehend autonom, während es bei der Arisierung jüdischen Eigentums vor allem auf deutsches Handeln reagierte. Damit zeigen sich sowohl Kontinuitäten als auch Brüche des französischen Antisemitismus.

 

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