Aktuelles Heft 3/2016

Aufsätze:

  • Andreas Wirsching: Hitlers Authentizität. Eine funktionalistische Deutung. (A)
  • Oliver Jens Schmitt: Wer waren die rumänischen Legionäre? Eine Fallstudie zu faschistischen Kadern im Umland von Bukarest 1927 bis 1941. (A)
  • Hans Goldenbaum: Nationalsozialismus als Antikolonialismus. Die deutsche Rundfunkpropaganda für die arabische Welt. (A) - open access (bis zum Erscheinen des Oktoberheftes)
  • Mario Daniels: Brain Drain, innerwestliche Weltmarktkonkurrenz und nationale Sicherheit.
    Die Kampagne der westdeutschen Chemieindustrie gegen Wissenstransfers in die USA in den 1950er Jahren. (A) 
  • Heiner Möllers:  Die Kießling-Affäre 1984. Zur Rolle der Medien im Skandal um die Entlassung von General Dr. Günter Kießling. (A)

Abstracts

Andreas Wirsching: Hitlers Authentizität. Eine funktionalistische Deutung

Ausgangspunkt dieses Aufsatzes ist das Konzept der Authentizität, das seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Möglichkeiten bürgerlicher Individualitätskonstruktion eine zunehmend wichtige Bedeutung gewann. Die damit aufgeworfene Frage danach, welche Elemente einer Persönlichkeit als authentisch, das heißt als echt und glaubwürdig gelten können, stellte sich auch für Adolf Hitler. Welche seiner Eigenschaften und biografischen Erfahrungen Hitler selbst als authentisch betrachtete bzw. konstruierte und welche Authentizität ihm von seiner Umwelt zugeschrieben wurde, ist daher eine essenzielle Dimension in der Geschichte seines Aufstiegs. Sie umfasst Aspekte von Hitlers Jugend sowie seiner Wiener und Münchner Zeit ebenso wie die Frage, wann und unter welchen Umständen die Grundlagen seiner rassistischen „Weltanschauung“ gelegt wurden. Der Artikel argumentiert, dass bei Hitler mehrere Schichten von Authentizität zu unterscheiden sind, wobei der Wunsch, Künstler bzw. Baumeister zu werden, eine herausragende Rolle spielt. Dagegen bildete die von Hitler selbst in „Mein Kampf“ als authentisch reklamierte Weltanschauung eine später hinzukommende Dimension. Umgekehrt pointiert dies den funktionalen Charakter von Hitlers politisch-ideologischen Prägungen, was auch die Gesamtinterpretation des NS-Regimes und seiner Tätermotivationen beeinflusst.

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Oliver Jens Schmitt: Wer waren die rumänischen Legionäre? Eine Fallstudie zu faschistischen Kadern im Umland von Bukarest 1927 bis 1941

Die Sozialgeschichte der „Legion Erzengel Michael“ in Rumänien, einer der wichtigsten faschistischen Massenbewegungen in Zwischenkriegseuropa, ist kaum erforscht. Der Aufsatz bietet eine erste quantitativ angelegte Regionalstudie zum ländlichen Raum um die Hauptstadt Bukarest auf der Grundlage eines Datensatzes von 1.500 Kadern der Bewegung. Im landesweiten Vergleich handelt es sich um eine erst in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre (v.a. 1937) von einer umfassenden Mobilisierung erfassten Region. Hauptergebnis ist die Unterscheidung zwischen Mobilisierungsnuclei in der Bewegungsphase (1927-1938), die aus der sog. Dorfintelligenz bestand (Priester, Lehrer), und den Kadern in der kurzen Regimephase (6.9.1940-21.1.1941), die sich vorwiegend aus militanten Jungbauern zusammensetzten. Die „alten Kämpfer“ waren von der für die Legion typischen Mystik und transzendenten Heilsbotschaft einer kollektiven nationalen Auferstehung viel stärker erfasst als die sozialrevolutionär ausgerichtete Funktionselite der kurzen nationallegionären Diktatur.

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Hans Goldenbaum: Nationalsozialismus als Antikolonialismus. Die deutsche Rundfunkpropaganda für die arabische Welt

Über nationalsozialistische Einflussnahme und Propaganda im Nahen Osten ist bisher weniger bekannt, als es Debatten der letzten Jahre vermuten lassen. Auf der Basis bisher unberücksichtigter deutscher und israelischer Archivbestände rekonstruiert der Artikel nun erstmalig Entstehungskontext, institutionellen Ort und Struktur der arabischsprachigen Rundfunkpropaganda, vor allem aber deren Inhalte. Nachrichtenprogramme thematisierten die Stärke des Reichs und die Schwäche seiner Gegner auf politischem, wirtschaftlichem und militärischem Gebiet. Gleichzeitig wurden Bezüge zwischen nationalsozialistischer Politik und der Situation im Nahen und Mittleren Osten hergestellt: Die „lange unterdrückte deutsche Nation“, die sich im Kampf um ihre Souveränität gegen die westlichen Kolonialmächte befand, richtete sich an die Kolonisierten. Insgesamt lässt sich die Propaganda auf den Begriff eines spezifisch nationalsozialistischen, antisemitisch fundierten „Antikolonialismus“ bzw. „Antiimperialismus“ bringen. Der Artikel problematisiert zudem die Rezeptionsfrage. Die deutschen Sendungen waren durchaus einflussreich, standen jedoch in Informations- und Deutungskonkurrenz mit anderen internationalen und lokalen Angeboten. Die Rezeption war eine engagierte, aktive, in der die Inhalte von unterschiedlichen Akteuren jeweils vor dem Hintergrund des eigenen „Erfahrungsraums“ und „Erwartungshorizonts“ angeeignet und interpretiert wurden. Zentral erscheint die Frage, inwiefern die Propaganda „Erklärungsangebote“ für Auseinandersetzungen und Krisenerfahrungen anbot und eine „semantische Verschiebung“ forcierte, die zu antisemitischer Ideologiebildung und Praxis beitrug.

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Mario Daniels: Brain Drain, innerwestliche Weltmarktkonkurrenz und nationale Sicherheit. Die Kampagne der westdeutschen Chemieindustrie gegen Wissenstransfers in die USA in den 1950er Jahren

Spionierten die USA deutsches Know-how aus? Mit großer Sorge betrachtete die westdeutsche chemische Industrie in den 1950er Jahren die Aktivitäten amerikanischer Unternehmen, aber auch des U.S.-Militärs, deutsche Wissenschaftler abzuwerben und Forschungseinrichtungen in Deutschland zu etablieren. Führende Industrievertreter sahen darin eine Form der Industriespionage, die nicht nur eine ernste Gefahr für die westdeutsche Wirtschaft und ihre erfolgreiche Rückkehr auf den Weltmarkt nach dem Zweiten Weltkrieg darstellte. Ihre Gefahrenbeschreibung war darüber hinaus in überraschendem Maße von Ängsten geprägt, dass der Wissenstransfer in die USA die deutsche nationale Sicherheit bedrohte.
Dieser Aufsatz analysiert die Brain Drain- und Industriespionage-Diskurse der 1950er Jahre und situiert sie in ihrem Kontext einer grundsätzlichen Neubewertung der politischen Relevanz von Wissensproduktion und -zirkulation auf beiden Seiten des Atlantiks in der Frühzeit des Kalten Kriegs. Der Aufsatz zeigt, wie und warum die energischen Maßnahmen scheiterten, die die chemische Industrie ergriff, um die deutsche Bundesregierung für die Abwehr der vermeintlichen amerikanischen Gefahren zu mobilisieren. Zudem wird deutlich, wie sehr unterschiedliche nationale Wirtschafts- und Sicherheitsinteressen zu intensiven Spannungen innerhalb der sich formierenden Allianz des Kalten Kriegs führten.

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Heiner Möllers: Die Kießling-Affäre 1984. Zur Rolle der Medien im Skandal um die Entlassung von General Dr. Günter Kießling

Die Kießling-Affäre des Jahres 1984 gehört zu den markantesten Beispielen für die Funktion der Medien als „vierte Gewalt“. In diesem Fall verloren das Bundesverteidigungsministerium und Minister Wörner infolge des publizistischen Echos auf die vorzeitige Verabschiedung des Generals Kießling, der für homosexuell und daher erpressbar gehalten wurde, vollkommen die Kontrolle über die Ereignisse. Dass der Minister keinen Einfluss mehr auf die Medien nehmen konnte, lag auch an seiner Informationspolitik, die – von Außeneinflüssen nahezu abgekoppelt und auf einen Argumentationsstrang festgelegt – auf neue Entwicklungen nicht mehr reagieren konnte. Dadurch war sie nicht einmal in der Lage, der nachdrücklichen Medienarbeit des entlassenen Generals überzeugend entgegen zu treten. Letztlich wurde Wörner durch das Eingreifen von Bundeskanzler Kohl erlöst – und behielt entgegen aller Erwartungen sein Amt.

 

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