Aktuelles Heft 2/2017

Aufsätze:

  • Paul Hoser: Thierschstraße 41. Der Untermieter Hitler, sein jüdischer Hausherr und ein Restitutionsproblem. (A)
  • Sandra Kraft: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient“. Antiautoritärer Protest vor Gericht um 1968. (A)
  • Ariane Leendertz: Zeitbögen, Neoliberalismus und das Ende des Westens, oder: Wie kann man die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts schreiben? (D)
  • Podium Zeitgeschichte. Cultural Turn und NS-Forschung: Frank Bajohr, Neil Gregor, Johann Chapoutot und Stefan Hördler (A) - free access (bis zum Erscheinen des Juliheftes)

 

 


Abstracts

Paul Hoser, Thierschstraße 41. Der Untermieter Hitler, sein jüdischer Hausherr und ein Restitutionsproblem

 

Ende März 1920 musste Adolf Hitler die Armee verlassen. Er zog aus der Kaserne in die Thierschstrasse 41 im Münchner Viertel Lehel, wo er als Untermieter wohnte. Im selben Haus wohnte Hugo Erlanger, ein jüdischer Handelsvertreter für Textilien, der es Ende Oktober 1921 kaufte. Hitler blieb dort bis Oktober 1929 und zog dann in eine luxuriöse Wohnung um. In der Thierschstrasse empfing er oft Besucher, die später wichtige Führungsstellen in der Organisation der NSDAP einnahmen. Hitler begegnete dem Hausbesitzer stets höflich. Während der Weltwirtschaftskrise geriet auch Erlangers Geschäft in eine sehr kritische Lage. Er konnte der Städtischen Sparkasse die schuldigen Hypothekenzinsen nicht mehr bezahlen. Im September 1934 wurde das Haus zwangsversteigert. Dies hätte sich vermeiden lassen, doch wollte die Stadt um jeden Preis das Haus in die Hand bekommen, in dem Hitler gewohnt hatte. Nach der „Reichskristallnacht“ musste Erlanger vier Wochen im Konzentrationslager Dachau verbringen. Während des Kriegs musste er auch Zwangsarbeit leisten. Doch wurde er nicht deportiert, da seine Frau keine Jüdin war. Nach dem Krieg weigerte sich die Stadt, ihm das Haus zurückzugeben. Erst 1949 gab sie nach, doch musste Erlanger alle Schulden übernehmen und geriet in eine schwierige Lage. Sie besserte sich erst, als er 1955 eine Pension als Entschädigung für den Verlust seines Geschäfts im Jahr 1938 erhielt.


Sandra Kraft: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient“. Antiautoritärer Protest vor Gericht um 1968

 

Eines der wohl herausragenden Merkmale der deutschen „68er“-Bewegung war ihr anti-autoritäres Selbstverständnis. Doch trotz vieler Annäherungs- und Interpretationsversuche bleibt dessen Kern nach wie vor schwer zu fassen. Dies liegt jedoch nicht nur an den fehlenden oder ungenauen theoretischen Ausführungen der damaligen Protagonisten, sondern auch an der Vielschichtigkeit und begrifflichen Doppeldeutigkeit von Autorität selbst. Der vorliegende Aufsatz greift das Problem der theoretischen und praktischen Bedeutung von Autorität für die Studentenbewegung auf. Am konkreten Beispiel der Strafprozesse gegen Fritz Teufel und Rainer Langhans wird dabei gezeigt, inwieweit das Autoritätsverständnis der Bewegung auch Form und Inhalt der Auseinandersetzung vor Gericht bestimmte. Mit Happening-artigen Aktionen und verbalen Provokationen von Richtern und Staatsanwälten verwandelten die beiden Aktivisten den Gerichtssaal in eine politische Bühne. Die Strukturen der bundesdeutschen Gerichte sollten dabei als undemokratisch entlarvt und die Autorität ihrer Amtsträger untergraben werden. Doch während es den Angeklagten vorgeblich darum ging „faule Autorität“ aufzuspüren, dienten die Prozesse, ganz im Sinne einer eigenwillig angewandten Kritischen Theorie, auch dazu, eigene autoritäre Persönlichkeitsstrukturen abzulegen. Autorität sollte von außen wie von innen gebrochen werden.

 


Ariane Leendertz: Zeitbögen, Neoliberalismus und das Ende des Westens, oder: Wie kann man die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts schreiben?

 

Wie kann man die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts schreiben? Orientiert an dieser Leitfrage diskutiert Ariane Leendertz Anselm Doering-Manteuffels 2014 in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte vorgestelltes Konzept der Zeitbögen sowie die am selben Ort erschienene Kritik von Peter Hoeres und skizziert auf dieser Basis neue Forschungsperspektiven der gegenwartsnahen Zeitgeschichte. Den Ausgangspunkt bildet Hoeres’ Vorwurf, das Konzept der Westernisierung führe bei Doering-Manteuffel zu einer analytisch-normativen Verengung, die teleologisch, anachronistisch und erkenntnishemmend sei. Darüber hinaus sieht Hoeres im Neoliberalismus, den Doering-Manteuffel ins Zentrum des dritten Zeitbogens stellt, keinen geeigneten Interpretationsrahmen für die Geschichte des späten 20. Jahrhunderts. Vor diesem Hintergrund und ausgehend vom drittem Zeitbogen, den Doering-Manteuffel in den frühen 1970er Jahren beginnen lässt, erörtert Ariane Leendertz dessen Begriffsbildung, fragt nach dem normativen Gehalt seiner Interpretation und plädiert für eine stärkere Berücksichtigung der internationalen politischen Ökonomie sowie der Ideen- und Politikgeschichte des Neoliberalismus in der Zeitgeschichte. 

 


Podium Zeitgeschichte, Cultural Turn und NS-Forschung

Mit dem „Podium Zeitgeschichte“ führen die Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte ein neues, diskursives Format ein. Es soll der multiperspektivischen Diskussion grundsätzlicher Fragen der Zeitgeschichtsforschung dienen. Das erste Podium ist dem Thema „Cultural Turn und NS-Forschung“ gewidmet. Vier ausgewiesene Experten aus drei Ländern, nämlich Frank Bajohr (Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien des Instituts für Zeitgeschichte München – Berlin), Neil Gregor (Professor of Modern European History, University of Southampton), Johann Chapoutot (Professor für deutsche Geschiche an der Université Paris-Sorbonne – Paris IV) und Stefan Hördler (Leiter der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora) analysieren den Einfluss des wichtigsten und facettenreichsten methodischen Trends in den Geisteswissenschaften auf das Kerngebiet der Zeitgeschichte, die NS-Forschung. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage nach der Eröffnung neuer Erkenntnishorizonte, aber auch nach den Grenzen des Kulturalismus in einem Forschungsfeld, in dem Terror, Krieg und Massenmord von zentraler Bedeutung sind. Die Debatte wird mit einer Diskussionsveranstaltung im Institut für Zeitgeschichte in München und im VfZ-Forum auf der Homepage der Zeitschrift fortgeführt.

 





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