Aktuelles Heft 4/2016

Aufsätze:

  • Bernd Martin: Shanghai als Zufluchtsort für Juden 1938 bis 1947. Konturen einer Zwischenstation. (A)
  • Friederike Sattler: Wissenschaftsförderung aus dem Geist der Gesellschaftspolitik. Alfred Herrhausen und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft. (A)
  • Kieran Heinemann: Aktien für alle? Kleinanleger und die Börse in der Ära Thatcher. (A) - open access (bis zum Erscheinen des Januarheftes)
  • Agnes Bresselau von Bressensdorf: Die unterschätzte Herausforderung. Afghanistan 1979, das Krisenmanagement der NATO-Staaten und der Islam als Faktor der internationalen Beziehungen. (A) 

 

 


Abstracts

Bernd Martin: Shanghai als Zufluchtsort für Juden 1938 bis 1947. Konturen einer Zwischenstation

Etwa 18.000 Juden aus Deutschland und Österreich fanden in den Jahren 1938 bis 1941 in der chinesischen Hafenmetropole Shanghai Zuflucht. Sie bildeten zahlenmäßig die drittgrößte jüdische Exilkolonie, und das in einer asiatischen, als exotisch empfundenen Umgebung. Die meist mittelständischen Juden verbrachten zehn  Jahre in diesem „Leben auf Abruf“, konnten aber - jedenfalls die jungen und rührigen unter ihnen – überraschend schnell ein Auskommen finden, während den Älteren oft ein „Leben im Wartesaal“, in Gemeinschaftsquartieren bei karger Kost, beschieden war. Ende 1937 hatten die Japaner bis auf die internationalen Enklaven die Stadt besetzt, kümmerten sich jedoch wie der weiter amtierende Stadtrat wenig um die Einwanderer. Eine Einreise- bzw. Passkontrolle fand daher in Shanghai nicht statt. Mit der vollständigen Besetzung nach dem japanischen Kriegseintritt im Dezember 1941 wurde die jüdische Einwohnerschaft indes stärker reglementiert. Vermutlich auf deutschen Druck hin wurden die eingewanderten Juden Anfang 1943 in ein offenes Ghetto zwangsüberführt. Nach der Befreiung durch die Amerikaner im September 1945 warteten die Flüchtlinge oftmals noch bis 1948 auf ihre Ausreise in die USA oder den gerade gegründeten Staat Israel. Einige kehrten sogar nach Deutschland zurück.


Friederike Sattler: Wissenschaftsförderung aus dem Geist der Gesellschaftspolitik. Alfred Herrhausen und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft

 

Angesichts der Herausforderung des beschleunigten wirtschaftlich-technischen Strukturwandels der Weltwirtschaft seit den mittleren 1960er Jahren maß der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft den gesellschaftspolitischen Bezügen der Forschung einen gesteigerten Stellenwert zu: Neben dem traditionellen Schwerpunkt der Natur- und Ingenieurwissenschaften rückten nundie Geistes- sowie die Wirtschafts- und Sozialwissenschaften stärker in den Blick und erfuhren eine Aufwertung. Am Beispiel der Deutschen Bank und ihres Vorstandssprechers Alfred Herrhausen (1930–1989) geht der Aufsatz der Frage nach, ob sich in dieser Neuausrichtung der unternehmerischen Wissenschaftsförderung ein grundlegender Wertewandel der bundesdeutschen Unternehmer und Manager widerspiegelte oder ob es sich dabei nur um eine neue Semantik zur besseren Legitimation einer kaum veränderten Praxis handelte, die den professionellen Anspruch des Managements unterstrich, indem sie die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung proklamierte. Die Diskussion über die Notwendigkeit der Heranbildung von „Leistungs- und Verantwortungseliten“ und die von Alfred Herrhausen maßgeblich unterstützte Etablierung der ersten privaten Universität in Witten/Herdecke stehen im Mittelpunkt des Beitrags.

 

 


Kieran Heinemann: Aktien für alle? Kleinanleger und die Börse in der Ära Thatcher

Kieran Heinemann nimmt in seinem Aufsatz die Streuung von Aktienbesitz im Zuge der Privatisierung von Staatsbetrieben im Großbritannien der Ära Thatcher in den Blick. Der Autor zeigt Widersprüche zwischen den Intentionen des popular capitalism der konservativen Regierungschefin und den unbeabsichtigten Folgen ihrer Politik für die Finanzmärkte auf. Er skizziert die Veränderungen, die sich aus der Politik der Privatisierung und Deregulierung für die Börsianer ergaben und schildert den Aufstieg neuer Akteure wie der young upwardly-mobile professionals, kurz Yuppies genannt. Vor allem aber fragt Heinemann danach, wie börsenferne Schichten über die Dynamik des Aktienhandels aufgeklärt wurden und richtet das Augenmerk auf ein populäres Börsenwissen, das bereits seit der Nachkriegszeit über den Finanzjournalismus sowie die einschlägige Ratgeberliteratur zirkulierte. Die Position des Kleinanlegers gestaltete sich an globalisierten und deregulierten Finanzmärkten zunehmend prekär. Dennoch wirkte die Börse vor allem durch ihre Nähe zum Wettspiel auf breite Massen anziehend und attraktiv.

 


Agnes Bresselau von Bressensdorf: Die unterschätzte Herausforderung. Afghanistan 1979, das Krisenmanagement der NATO-Staaten und der Islam als Faktor der internationalen Beziehungen

Der sowjetische Einmarsch in Afghanistan im Dezember 1979 bildete einen zentralen Ausgangspunkt für die Entwicklung des Islamismus zu einem wirkmächtigen Faktor internationaler Beziehungen. Der Beitrag untersucht erstens diplomatische Initiativen der westlichen Verbündeten für eine politische Lösung des Konflikts durch die Einbindung der islamischen Staaten der Region. Zweitens wird die militärische Unterstützung der im pakistanischen Grenzgebiet lebenden afghanischen Widerstandskämpfer durch die NATO-Staaten herausgearbeitet. Ziel der westlichen Waffenlieferungen war nicht ein schneller Sturz der kommunistischen Regierung in Kabul, sondern ein lang andauernder Guerilla-Krieg, der die sowjetischen Kräfte in Afghanistan nachhaltig binden sollte. Der Beitrag zeigt, dass beide Teile dieses Krisenmanagements, der politische wie der militärische, auf der Prämisse beruhten, durch Appelle an die islamische Solidarität ein schlagkräftiges Instrument gegen den Kommunismus formen und steuern zu können. Den Denkkategorien des Kalten Kriegs verhaftet, begriffen die NATO-Staaten Islam und Islamismus somit als kurzfristig wirksames Mittel politisch-militärischer Mobilisierung und unterschätzten eklatant deren Bedeutung als Grundlage dauerhafter und eigenständiger politischer Machtausübung, die sich auch gegen den Westen richten konnte.

 





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