Aktuelles Heft 2/2016

Aufsätze:

  • Thomas Wolf: Die Anfänge des BND. Gehlens Organisation – Prozess, Legende und Hypothek. (A)
  • Paul Fröhlich und Alexander Kranz: Generäle auf Abwegen? Ludwig Ritter von Radlmeier und Adolf von Schell und die Rüstungsbürokratie des Dritten Reiches zwischen militärischer Tradition und „Neuer Staatlichkeit“. (A)
  • Max Plassmann: „Auftretende Härten gehen ausschließlich zu Lasten der SS“. Die Reichsumsiedlungsgesellschaft im besetzten Polen. (A) - open access (bis zum Erscheinen des Juliheftes)
  • Jacob S. Eder: Liberale Flügelkämpfe. Hildegard Hamm-Brücher im Diskurs über den Liberalismus in der frühen Bundesrepublik. (A) 
  • William Glenn Gray: Waffen aus Deutschland? Bundestag, Rüstungshilfe und Waffenexport 1961 bis 1975. (A)

Abstracts

Thomas Wolf: Die Anfänge des BND. Gehlens Organisation – Prozess, Legende und Hypothek

Der lange verbreitete Gründungsmythos des Bundesnachrichtendienstes über die Anfänge der Organisation Gehlen hat nichts mit der tatsächlichen historischen Entwicklung zu tun. Unter der Leitung des Abwehroffiziers Hermann Baun und großzügig von der US-Army finanziert, entstand wenige Monate nach Kriegsende ein heterogener Nachrichtendienst, dem bald hunderte Personen angehörten, der aber wenig erfolgreich arbeitete. Reinhard Gehlen besaß zunächst kaum Einfluss, setzte sich aber dank seiner uneingeschränkten Anlehnung an die USA im Führungskonflikt gegen Baun durch. Die wenig strukturierte Organisation wurde mit ihren dysfunktionalen Arbeitsweisen unter seiner Leitung nolens volens fortgeführt. Mittels gezielter Legendenbildung gelang es Gehlen unter politischem Erfolgsdruck, den Wildwuchs zum Strukturprinzip des entstehenden BND zu machen. Bundesregierung, Parlamentarier und Öffentlichkeit nahmen seine Vorstellungen bereitwillig auf, wodurch sich der BND der üblichen administrativen Kontrolle weitgehend entziehen konnte. Das erklärt auch, weshalb aus Gehlens Organisation Personen mit teils schwerster NS-Belastung in den BND übernommen wurden.

 

 

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Paul Fröhlich und Alexander Kranz: Generäle auf Abwegen? Ludwig Ritter von Radlmeier und Adolf von Schell und die Rüstungsbürokratie des Dritten Reiches zwischen militärischer Tradition und „Neuer Staatlichkeit“

 

Neuere Forschungen zum Wesen des „Dritten Reiches“ reduzieren das nationalsozialistische Herrschaftsgefüge nicht ausschließlich auf ein ineffizientes Chaos. Vielmehr attestieren sie dem polykratischen NS-Staat auf der Grundlage von Konkurrenz, Personalisierung und Informalisierung von Politik und Kommunikation ein hohes Mobilisierungspotenzial. In diesem Kontext hat die Einbindung „der“ Wehrmacht bisher kaum Eingang in aktuelle Diskussionen gefunden. Die Position und Funktion der militärischen Ebene ist vielfach als passiv wahrgenommen worden und ihr Wirken auf eine kriegführende Domäne beschränkt worden. Am Beispiel der beiden Generäle Ludwig Ritter von Radlmaier und Adolf von Schell, die bereits bei der Aufrüstung der Reichswehr als zentrale Akteure in der Organisation und Mobilisierung der Panzertruppe hervorgetreten waren, zeigt sich beispielhaft, dass informelle Praktiken in der Wehrmacht adaptiert wurden. Die Grenzen der militärischen Ordnung wurden überschritten und eine vermeintliche Integrität des Offizierkorps wurde partiell aufgehoben. Die militärische Rüstungsbürokratie des Heeres reagierte nicht einheitlich auf die dynamischen Praktiken des NS-Systems, sondern entwickelte sich zu einem heterogenen Konstrukt von Eigeninitiativen.

 

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Max Plassmann: „Auftretende Härten gehen ausschließlich zu Lasten der SS“. Die Reichsumsiedlungsgesellschaft im besetzten Polen

Der Aufsatz beschäftigt sich auf der Basis neu entdeckter Quellen mit den Aktivitäten der Reichsumsiedlungsgesellschaft (RUGES) in Polen und in der Ukraine während des Zweiten Weltkriegs. Ähnlich wie im Deutschen Reich hatte die 1935 gegründete RUGES dort die Aufgabe, Land für Truppenübungsplätze der Wehrmacht und der Waffen-SS zu beschaffen. Seit 1940 wurden zwischen 200.000 und 400.000 Polen und Ukrainer für diese Zwecke enteignet und zwangsumgesiedelt. Den Druck, so rasch wie möglich die geforderten Übungsplätze einzurichten, gab die Reichsumsiedlungsgesellschaft häufig an die Bevölkerung weiter, auf deren Kosten sich die unterschiedlichen deutschen Akteure am schnellsten einigen konnten. Wenn sie im Gesamtzusammenhang der NS-Verbrechen auch keine Schlüsselstellung einnahm, so kann die Tätigkeit der Reichsumsiedlungsgesellschaft davon keineswegs getrennt gesehen werden. Nach 1945 entwickelten ihre Mitarbeiter dennoch eine Entlastungsstrategie, der zufolge alle Verbrechen anderen zuzurechnen waren und sie selbst bis hart an die Grenze zum Widerstand die Interessen der Polen und Ukrainer vertreten hätten.

 

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Jacob S. Eder: Liberale Flügelkämpfe. Hildegard Hamm-Brücher im Diskurs über den Liberalismus in der frühen Bundesrepublik

Bis in die sechziger Jahre spalteten Flügelkämpfe zwischen linksliberalen und nationalliberalen Kräften, welche vor allem auf der Ebene der Landesverbände ausgetragen wurden, die FDP. Gut erforscht ist beispielsweise der Fall Nordrhein-Westfalen. Über die Entwicklung des organisierten Liberalismus im Nachkriegsbayern ist hingegen relativ wenig bekannt. Auch hier rangen „Liberale“ auf der einen und „Nationale“ (darunter  etliche ehemalige Nationalsozialisten), welche die FDP auf einen Rechtskurs bringen wollten, auf der anderen Seite um die Vorherrschaft in der Partei. In diesem Kontext profilierte sich die Hildegard Hamm-Brücher im Laufe der fünfziger Jahre als eine der prominentesten Repräsentantinnen des linksliberalen Flügels und zog dabei das Interesse der Öffentlichkeit und der Presse auch jenseits Bayerns auf sich. Der Aufsatz  ist nicht nur der Analyse ihrer Politik gewidmet, sondern auch der Frage, wie im öffentlichen Diskurs über und um die Politikerin Hamm-Brücher Erwartungen an die Zukunft des Liberalismus sowie an zukünftige Gestaltungsformen  von Politik verhandelt wurden. Untersucht wird, wie sie, die in der Partei zunächst über wenig Rückhalt verfügte, sich im Flügelstreit behaupten konnte, und warum sie zu einer Symbolfigur für liberale Politik in der gesamten Bundesrepublik wurde. Besonderes Augenmerk gilt der medialen Vermittlung von Politik und der Konstruktion des Images einer modernen Politikerin.


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William Glenn Gray: Waffen aus Deutschland? Bundestag, Rüstungshilfe und Waffenexport 1961 bis 1975

 

Für die Mütter und Väter des Grundgesetzes gab es einen klaren moralischen Imperativ: Die Deutschen sollten keine Angriffskriege anheizen, ob in Europa oder anderswo. Während der 1960er Jahre entwickelte sich die Bundesrepublik allerdings zu einem wichtigem weltweiten Waffenlieferanten und Rüstungshelfer. Der Beitrag untersucht Versuche des Bundestags, den Waffenexport in nicht-westliche oder nicht-demokratische Länder zu verhindern. Es zeigt sich, dass aufeinanderfolgende Bundesregierungen enge parlamentarische Beschränkungen umgingen und stattdessen administrative Prinzipien verabschiedeten, die zwar in einem strengen Duktus verfasst waren, sich aber in der Praxis als recht elastisch erwiesen. Als sich Mitte der 1970er Jahre das Kabinett Helmut Schmidt mit Massenarbeitslosigkeit konfrontiert sah, warb es aktiv um Kunden in der „Dritten Welt“ – auch wenn negative Publicity und der Gegendruck von SPD-Parteiorganisationen die Ambitionen der Regierung einschränkten. Jahrzehnte später hat allerdings die Regierung Merkel das laxe administrative System der Ausfuhrgenehmigungen ausgenutzt, mit dem Resultat eines steilen Anstiegs der deutschen Rüstungsexporte.



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