19.06.2017

Helmut Kohl (3. April 1930 -16. Juni 2017) in den Vierteljahrsheften



Dass mit Helmut Kohl ein Politiker von historischem Format aus dem Leben geschieden ist, ist bei allen Unterschieden in den Bewertungen seiner politischen Rolle, unbestreitbar. Es ist daher wenig erstaunlich, dass die Recherche nach „Helmut Kohl“ in der Datenbank der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte zahlreiche Betreffe ergibt. Und es verwundert auch nicht, dass die Beiträge, in denen er besonders im Fokus steht, vor allem der deutschen Wiedervereinigung und der Europapolitik gewidmet sind.
Bereits im Oktoberheft 1991 schrieb der amerikanische Historiker Gordon A. Craig über das fünfstündige informelle Treffen, zu dem die britische Premierministerin Margaret Thatcher – angesichts von Kohls Kurs auf Wiedervereinigung – eine Reihe von Historikern am 24. März 1990 auf ihren Landsitz Chequers eingeladen und um Einschätzungen dieser Perspektive auf historischer Basis gebeten hatte. Im nächsten Heft, der Januarausgabe 1992, analysierte ein weiterer amerikanischer Historiker, Jeffrey Herf, die Auseinandersetzung um den NATO-Doppelbeschluss, bei der Kohl eine zentrale Rolle zukam. Ein weiterer Beitrag, der die frühe Phase von Kohls Kanzlerschaft betrifft, stammt aus der Feder der französischen Deutschlandkennerin Hélène Miard-Delacroix, die in der Haltung des französischen Präsidenten François Mitterrand im Übergang von den Kanzlern Helmut Schmidt zu Helmut Kohl zwischen 1981 und 1984 eine „Ungebrochene Kontinuität“ erkannte.
Einige interessante Einblicke in die Rolle der Wiedergutmachungspolitik im Zuge der deutschen Vereinigung liefert Hans-Günter Hockerts‘ „Historische Bilanz 1945-2000“ von 2001. 2004 steuerte Klaus Hildebrand eine erste Forschungsbilanz des Vereinigungsprozesses und eine Analyse aus der Perspektive des internationalen Staatensystems bei. Einen spezifischeren Blickwinkel eröffnet das von Hermann Wentker eingeleitete Interview, das er und der Journalist Karl Feldmeyer mit dem Präsidenten des Bundesnachrichtendienstes von 1985 bis 1990, Hans-Georg Wieck geführt haben und in dem es vor allem um das Bild geht, das der Dienst von der DDR vermittelte. Zurück in die Oppositionsära und zu den Auseinandersetzungen in der von Helmut Kohl geführten CDU um die deutsch-polnischen Vereinbarungen von 1975 führt ein Beitrag von Tim Szatkowski. 2013 legte Wilfried Loth in seinem Aufsatz „Helmut Kohl und die Währungsunion“ dar, dass der Euro nicht der Preis für die Wiedervereinigung war, sondern diese vielmehr die Chance für die Verwirklichung dieses europäischen Projekts eröffnete (VfZ 61 (2013), S. 455-480; dieser Beitrag ist noch nicht im offenen Heftarchiv verfügbar). Theo Waigel nahm dazu in einem Brief ausführlich Stellung, der im Online-Forum der VfZ nachzulesen ist. Der Finanzminister von 1989 bis 1998 wies darin unter anderem auf die Bedeutung der zahlreichen Währungskrisen seit 1979 für die Einführung des Euro hin.
Es ist zu erwarten, dass die historische Rolle des verstorbenen CDU-Politikers auch künftig Gegenstand von Analysen in den VfZ sein wird.  





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