Heft 1/2010

Aufsätze:

    • Eckard Michels: Die „Spanische Grippe“ 1918/19. Verlauf, Folgen und Deutungen in Deutschland im Kontext des Ersten Weltkriegs. (A)
    • Rainer Behring: Normalisierung auf Umwegen. Polen in den politischen Konzeptionen Willy Brandts 1939-1966.  (A)
    • Gerhard Neumeier: „Rückkehrer“ in die DDR. Das Beispiel des Bezirks Suhl 1961 bis 1972. (A)
    • Othmar Plöckinger: Frühe biographische Texte zu Hitler. Zur Bewertung der autobiografischen Teile in "Mein Kampf". (A)
    • Veronika Heyde: Amerika und die Neuordnung Europas vor dem Marshallplan (1940-1944). (A)
    • Matthias Steinbach/Uwe Dathe: Ein deutscher Tory zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Der Nachlass Clemens von Delbrück (1856-1921). (A)

      Abstracts

      Eckard Michels: Die „Spanische Grippe“ 1918/19. Verlauf, Folgen und Deutungen in Deutschland im Kontext des Ersten Weltkriegs

      Die Influenza-Pandemie von 1918/19, auch als Spanische Grippe bekannt, forderte im Deutschen Reich mit etwa 320.000 bis 350.000 Toten mehr Opfer als alle anderen Epidemien der letzten 150 Jahre. Gleichwohl ist dieses Ereignis bislang vornehmlich unter lokal- oder regionalgeschichtlichen Gesichtspunkten und zudem nur als Phänomen der Zivilgesellschaft, nicht auch des Militärs, erforscht worden. Die Auswertung sowohl ziviler als auch militärischer Quellen erlaubt es, ein umfassenderes Bild über den Verlauf und die Folgen der spanischen Grippe in Deutschland auf nationaler Ebene zu erhalten. Es wird deutlich, dass die Grippe trotz ihrer außergewöhnlichen Virulenz im Sommer und Herbst 1918 im Vergleich zum sich abzeichnenden Zusammenbruch des Kaiserreichs nur wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit wie auch bei den militärischen und zivilen Behörden erfuhr. Der Aufsatz zeigt ferner durch eine international vergleichende Perspektive, dass die Kriegsumstände des Jahres 1918 nicht etwa, wie damals vielfach behauptet und z. T. in die spätere Historiografie übernommen, einen wesentlich schwereren Verlauf der Grippe in Deutschland als in anderen kriegführenden oder neutralen Ländern bewirkten. Vielmehr gibt es Indikatoren, die darauf hinweisen, dass durch den Kriegszustand die Grippe in Deutschland sogar weniger Opfer gefordert hat, als wäre sie in Friedenszeiten in einer prosperierenden, international vernetzten Gesellschaft ausgebrochen.

       

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      Rainer Behring: Normalisierung auf Umwegen. Polen in den politischen Konzeptionen Willy Brandts 1939–1966

      Die Rolle Polens in Willy Brandts politischen Konzeptionen hat jenseits des Warschauer Vertrags und des Kniefalls vor dem Mahnmal im Warschauer Ghetto 1970 bislang keine Aufmerksamkeit in der zeitgeschichtlichen Forschung gefunden. Der Aufsatz versucht, Brandts einschlägige Überlegungen bis in die sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts hinein erstmals systematisch zu erfassen und zu analysieren. Dabei lässt sich seine Haltung zu Polen über weite Strecken nur indirekt erschließen, da ein dezidiertes Interesse Brandts an dem Land und seiner Bevölkerung nicht zu erkennen ist. Vielmehr stand als Konsequenz seiner linkssozialistisch-revolutionären Prägung eine idealisierte Sowjetunion bis in die zweite Hälfte der vierziger Jahre für Brandt im Zentrum aller Überlegungen zur internationalen Politik; eine Bedrohung der Freiheit Polens durch die sowjetische Neuordnung Ostmitteleuropas vermochte er lange nicht zu erkennen. Erst nach dem kommunistischen Putsch in Prag Anfang 1948 bekannte sich Brandt als Gegner der totalitären Regime in Moskau und Warschau. Gleichwohl zweifelte er nicht an der Notwendigkeit, auch mit diesen Regierungen in Dialog zu treten, um über Grenzfragen, Wege zur Zusammenarbeit und über Polens Rolle in Europa zu verhandeln. Doch lässt sich trotz frühzeitiger Appelle zur Versöhnung und zur Aktivierung der Ostpolitik weder eine schlüssige langfristige Konzeption Brandts noch ein direkter Weg zu einer Normalisierungspolitik gegenüber Polen ausmachen. Der Warschauer Vertrag folgte eher Imperativen der internationalen Politik als spezifischen Anstößen Willy Brandts.

       

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      Gerhard Neumeier: „Rückkehrer“ in die DDR. Das Beispiel des Bezirks Suhl 1961 bis 1972

      In dem Artikel geht es um jene Menschen, die den Bezirk Suhl in der DDR nach dem Mauerbau „illegal“ in die Bundesrepublik verließen, um dann wieder in die DDR zurückzukehren. Es waren vor allem junge Arbeiter, die hauptsächlich aus ökonomischen und beruflichen Gründen, aber auch wegen mangelnder Freiheitsrechte die DDR unter Lebensgefahr verließen. Die Männer stammten weit überdurchschnittlich häufig aus dem 5-km-Sperrgebiet der DDR, ein Hinweis darauf, dass sie, die die Verhältnisse dort gut kannten, ihre Chance auf Freiheit wahrnehmen wollten. In der Bundesrepublik konnten sie beruflich und ökonomisch schnell Fuß fassen, litten aber sehr unter der Trennung von ihren Familien und scheiterten an der sozialen Integration. Die Ursachen für die riskante Rückkehr sind vielschichtig, lagen aber vor allem an der insgesamt misslungenen Integration in die BRD. Bei den Verhören durch die Staatssicherheit im Bezirksaufnahmeheim Schmalkalden zeigten sich die „Rückkehrer“ meist kooperativ; sie berichteten in der Regel alles, was sie dem Bundesnachrichtendienst im Not-aufnahmelager Gießen über die DDR erzählt hatten. Trotzdem wurden sie mehrheitlich zu einigen Jahren Haft verurteilt. Eine Minderheit von ihnen entging dieser harten Strafe durch eine zukünftige Tätigkeit als Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit.

       

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      Othmar Plöckinger: Frühe biografische Texte zu Hitler. Zur Bewertung der autobiografischen Teile in „Mein Kampf“

      Die Darstellung von Hitlers Biografie wurde und wird stark von seinem Buch „Mein Kampf“ bestimmt. Frühe biografische Texte über Hitler zeigen jedoch, dass alle wesentlichen Aspekte seiner Vita bereits vor dem Erscheinen von „Mein Kampf“ in der Öffentlichkeit bekannt waren und ihre legendenhafte Ausgestaltung zuweilen weit über Hitlers spätere Selbstinszenierung hinausging. Tatsächlich präsentierte Hitler in seinem Buch den Zeitgenossen kaum Neues über seinen Werdegang und schuf damit keineswegs eine Biografie im üblichen Sinn, sondern er griff lediglich bereits Bekanntes auf, um es neu zu gewichten und durch die beständige Einbettung in politische Betrachtungen einem ideologischen Ziel unterzuordnen, also sein Leben als idealtypisch im nationalsozialistischen Sinn zu präsentieren. Der Verzicht selbst auf Details, die bereits in der Öffentlich bekannt waren, und die Eliminierung von biografischen Bruchstellen und Widersprüchen waren daher nur konsequent, ging es ihm doch ganz bewusst nicht um die Darstellung eines bisher unbekannten, sondern eines idealen nationalsozialistischen Kämpfers.

       

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      Veronika Heyde: Amerika und die Neuordnung Europas vor dem Marshallplan (1940–1944)

      Als die USA nach dem Zweiten Weltkrieg den Ländern Westeuropas mit dem Marshallplan zu wirtschaftlichem Wiederaufbau verhalfen, verlangten sie, dass die europäischen Regierungen bei der Verteilung der Mittel supranational zusammenarbeiten sollten. Damit trugen die USA zu ihrer engeren politischen Kooperation bei. Schon ab 1940 waren in der amerikanischen Regierung vielfältige Überlegungen über die Neuordnung der Welt und insbesondere Europas nach dem Krieg angestellt worden. In drei Studienkomitees, eingesetzt von Franklin D. Roosevelt, berieten hochkarätige Experten, ob Europa als Zollunion, als Staatenbund oder als Bundesstaat aufgebaut werden sollte. Der Aufsatz untersucht, welche Debatten die amerikanischen Experten führten, bevor sie 1944 ihren Abschlussbericht verfassten. Ihre Schlussfolgerung skizzierte mitnichten den Weg, den die USA nach dem Krieg tatsächlich einschlugen. Im Gegenteil: sie lautete, dass Amerikas Handels- und Sicherheitsinteressen von einem geeinten Europa beeinträchtigt werden würden und dass daher eine nationalstaatliche Organisation Europas vorteilhafter sei. Erst nachdem Harry S. Truman die Präsidentschaft übernommen hatte und der Expansionswille der Sowjetunion überdeutlich geworden war, änderte sich die amerikanische Einschätzung. Die Organisation eines geeinten Europas erhielt nun strategische Bedeutung.

       

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      Matthias Steinbach and Uwe Dathe: Ein deutscher Tory zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik. Der Nachlass Clemens von Delbrücks (1856–1921)

      Im Beitrag wird der kürzlich entdeckte und in der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek verwahrte Nachlass Clemens von Delbrücks (1856–1921) vorgestellt – ein zentraler Quellenbestand zur Geschichte des Deutschen Kaiserreichs und der frühen Weimarer Republik. Delbrück durchlief eine außergewöhnliche Karriere, die ihn in hohe Positionen der preußischen Verwaltung führte und darin gipfelte, dass er als Staatssekretär von 1909 bis 1916 die Reichsinnenpolitik federführend mitbestimmte. 1918 war Delbrück letzter Chef des Kaiserlichen Zivilkabinetts. 1919 gehörte er zu den maßgeblichen Autoren der Weimarer Reichsverfassung. Der Nachlass wird seit dem 1. Oktober 2009 in einem gemeinsamen Projekt der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek und des Historischen Seminars der TU Braunschweig erschlossen und online veröffentlicht.

       

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      © Institut für Zeitgeschichte