Heft 2/2010

Aufsätze:

    • Kiran Klaus Patel: Der deutsche Bauernverband 1945 bis 1990. Vom Gestus des Unbedingten zur Rettung durch Europa. (A)
    • Oxana Nagornaja: Des Kaisers Fünfte Kolonne? Kriegsgefangene aus dem Zarenreich im Kalkül deutscher Kolonisationskonzepte (1914 bis 1922).  (A)
    • Thomas Welskopp: Ein „Cheers“ auf das schlechte Gewissen. Gesellschaftliche Trinkkultur und Geschmacksverfall in der amerikanischen Prohibitionszeit 1920 bis 1933. (A)
    • Magda Martini: Die DDR der italienischen Linken. Erfindung und Entzauberung einer kulturellen Projektion. (A)

    Dokumentation: 

    • Jeffrey Herf: Hitlers Dschihad. Nationalsozialistische Rundfunkpropaganda für Nordafrika und den Nahen Osten. (D)

      Abstracts

      Kiran Klaus Patel: Der deutsche Bauernverband 1945 bis 1990. Vom Gestus des Unbedingten zur Rettung durch Europa

      Der Deutsche Bauernverband (DBV) war eine der wichtigsten Interessenvertretungen in den Anfangsjahrzehnten der Bundesrepublik. Wie aber nahm er diese Funktion wahr? Drei Thesen stehen im Vordergrund: Erstens erwies sich der DBV interessenspolitisch bis in die frühen 1960er Jahre hinein und auch noch danach als erstaunlich erfolgreich. Dem Gros seiner Klientel schadete dieser Erfolg indes oft mehr, als das er nutzte. Zweitens: Obwohl und weil Teile des Bauernverbandes gerade in den Anfangsjahrzehnten der Bundesrepublik mit rechtslastigen Ideologemen hantierten, hatte der DBV wesentlichen Anteil daran, die politischen Ordnung der Bundesrepublik zu stabilisieren. Und drittens: Obwohl der Verband der europäischen Integration zunächst entgegenzuarbeiten suchte, half ihm später ausgerechnet die EWG, seinen Einfluss zu sichern.

       

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      Oxana Nagornaja: Des Kaisers Fünfte Kolonne? Kriegsgefangene aus dem Zarenreich im Kalkül deutscher Kolonisationskonzepte (1914 bis 1922)

      Während des Ersten Weltkriegs betrachtete die deutsche militärische Führung die Kriegsgefangenen aus dem Zarenreich als eines der wichtigsten Instrumente für dessen politische Unterminierung: Der Umgang mit den kriegsgefangenen Deutschrussen, Polen, Ukrainern, Balten, Muslimen und Georgiern wurde in den deutschen Kriegsgefangenen- Lagern zu einem Experimentierfeld deutscher Ostpolitik. Im Vergleich zur russischen Nationalitätenpolitik scheint die deutsche separatistische Propaganda stark von kolonialen Einstellungen geprägt und eng mit dem deutschen Kolonisierungsprojekt in Osteuropa verbunden gewesen zu sein, ausgerichtet auf die langfristige Sicherung des deutschen Einflusses im osteuropäischen Raum nach Beendigung des Krieges. Dabei kamen rasch zwei divergierende Interessen einander ins Gehege: der Plan, in den Randgebieten Russlands den modernen Nationalismus zu fördern, kollidierte mit den kolonialen Konzeptionen, die nicht erlaubten, in den Nationalitäten vollwertige Partner zu sehen.

       

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      Thomas Welskopp: Ein „Cheers“ auf das schlechte Gewissen. Gesellschaftliche Trinkkultur und Geschmacksverfall in der amerikanischen Prohibitionszeit 1920 bis 1933

      Etwa seit den 1890er Jahren begannen die viktorianischen Moralvorstellungen der Bürgerinnen und Bürger in der urbanen Mittelklasse zu verblassen. An die Stelle trat eine weltoffenere Moral, auch im blick auf den Konsum. Doch gelang diese Transformation nicht ohne Gewissensbisse. Selbstzweifel und der Nachhall puritanischer Lustfeindlichkeit bremsten eine ungehemmte Ausbreitung des Hedonismus. Als die National Prohibition seit Januar 1920 den Verkauf, Transport und die Herstellung von Alkohol zu Trinkzwecken verbat, geschah dies just in einer Zeit, in der sich eine neue private Partykultur in der amerikanischen Mittelklasse kleinerer und größerer Städte herausbildete. Der dort zelebrierte Umgang mit dem verbotenen Gut Alkohol reflektierte in besonderem Maße die zwischen Zögern und rauschhafter Hingabe oszillierende kollektive Entdeckungsreise in die Konsumgesellschaft, die bei aller Angeberei mit dem Gesetzesbruch doch nicht ohne schlechtes Gewissen daherkam. Gerade das ausgiebige, ritualisierte Sprechen über den Alkohol und das Trinken, das bei der miserablen Qualität des verfügbaren Stoffes unverhältnismäßig erscheint, entpuppte sich so als eine Art Wegtherapierung moralischer Zweifel durch Selbstvergewisserung in der Gruppe.

       

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      Magda Martini: Die DDR der italienischen Linken. Erfindung und Entzauberung einer kulturellen Projektion

      Obwohl Italien und die DDR sich feindlich gegenüberstehenden Blöcken angehörten, waren die Kulturbeziehungen während des vierzigjährigen Bestehens des „anderen Deutschlands“ intensiv. Ungeachtet der politischen „Null-Beziehungen“, die von der 1955 ausgegeben Hallstein-Doktrin eingefordert und von den italienischen Regierungen auch bis 1989 praktiziert wurden, zeigten sich die Träger der italienische Kultur sehr daran interessiert, die DDR kennenzulernen und mit ihr zu kommunizieren. Mehr noch als das Interesse für den real existierenden Sozialismus war es ihre starke antifaschistische Bindung, die einige italienische Intellektuelle dazu bewegte, das „Zentrum Thomas Mann“ in Rom zu unterstützten. Seit 1957 organisierte es Ausstellungen, Tagungen, Konferenzen und Studienreisen. Doch waren die Beziehungen zur „Liga für Völkerfreundschaft“ und zu anderen Institutionen der DDR auch von ideologischen und politischen Meinungsverschiedenheiten geprägt, wie sie auch die Freundschaft zwischen der KPI und der SED belasteten. Die Geschichte der Kulturbeziehungen zwischen beiden Ländern bietet ein interessantes und manchmal überraschendes Bild von der komplexen Beziehung zwischen dem politischen Establishment in Italien und der DDR.

       

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      Jeffrey Herf: Hitlers Dschihad. Nationalsozialistische Rundfunkpropaganda für Nordafrika und den Nahen Osten

      Während des Zweiten Weltkriegs unternahm das NS-Regime intensive Bemühungen, um an Araber und Muslime im Nahen Osten und in Nordafrika in arabischer Sprache zu appellieren. Dies tat es auf zweierlei Weise: Erstens stellte es sich als ein Vorkämpfer eines säkularen, zuerst gegen England, dann gegen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion gerichteten Antiimperialismus dar; zweitens verwendete und rezipierte es islamische Traditionen auf solch eine Weise, dass sie als kompatibel mit der Ideologie des Nationalsozialismus erschienen. Von Herbst 1939 bis März 1945 sendete das NS-Regime sieben Tage und Nächte die Woche arabische Kurzwellensendungen in den Nahen Osten und nach Nordafrika. Obwohl ein Großteil der deutschsprachigen NS-Radiosendungen aufgezeichnet und sorgfältig archiviert wurde, hat sich nur sehr wenig von den circa 2.000 Tagen und 6.000 Stunden der arabischen Abendsendungen (also der Hauptsendezeit) in deutschen Archiven erhalten. Die Sendungen wurden aber von Angestellten der amerikanischen Botschaft in Kairo während des Krieges transkribiert. Von April 1942 bis März 1945 sendete Botschafter Alexander Kirk den wortgetreu ins Englische übersetzten Text der „Axis Broadcasts in Arabic“ an das amerikanische Außenministerium in Washington, D.C. Die folgenden vierzehn Dokumente, ausgewählt von mehreren Tausend, geben einen Eindruck von den Hauptthemen der Kriegssendungen. Die Dokumente der „Axis Broadcasts in Arabic“ stellen einen signifikanten Fortschritt für unser Wissen über die Versuche des NS-Regimes dar, an Araber und Muslime zu appellieren und die Hauptthemen der NS-Propaganda in Europa für dieses Zielpublikum anzupassen.


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      © Institut für Zeitgeschichte