Heft 3/2010

Aufsätze:

    • Christoph Buchheim: Der Mythos vom „Wohlleben“. Der Lebensstandard der deutschen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg. (A)
    • Michael Mayer: „Die französische Regierung packt die Judenfrage ohne Umschweife an“ Vichy-Frankreich, deutsche Besatzungsmacht und der Beginn der „Judenpolitik“ im Sommer/Herbst 1940(A)

    Diskussion: 

    • Günther Gillessen: Tresckow und der Entschluß zum Hochverrat. Eine Nachschau zur Kontroverse über die Motive. (Dis)
    • Johannes Hürter: Entgegnung auf Günther Gillessen. (Dis)
    • Alexander Haritonow/Klaus-Dieter Müller: Die Gesamtzahl sowjetischer Kriegsgefangener – Eine weiterhin ungelöste Frage. (Dis)

    Dokumentation:

    • Siegfried Suckut: Probleme mit dem „großen Bruder“. Der DDR-Staatssicherheitsdienst und die Deutschlandpolitik der KPdSU 1969/70. (D)

      Abstracts

      Christoph Buchheim: Der Mythos vom „Wohlleben“. Der Lebensstandard der deutschen Zivilbevölkerung im Zweiten Weltkrieg.

      Der Aufsatz greift ein besonders brisantes, seit langem umstrittenes Thema auf, das in den letzten Jahren erneut heftig diskutiert worden ist. Vor allem Hans-Ulrich Wehler und Götz Aly haben mit ihren zugespitzten Themen vom "Wohlleben" der Deutschen im Dritten Reich für Diskussionsstoff gesorgt. Buchheim referiert zunächst den aktuellen Forschungsstand und präsentiert dann seine neuen Quellen, ehe er das 1939 eingeführte Rationierungssystem schildert und schließlich die Zuteilung von Lebensmitteln analysiert, wobei er es nie bei pauschalen Aussagen belässt: Er geht auf die Zuteilung einzelner Lebensmittel ein und nimmt verschiedene gesellschaftliche Gruppen in den Blick - und zwar entlang der Zeitachse bis 1945. Das Ergebnis ist eindeutig: Der Lebensstandard der Deutschen war schon bei Kriegsbeginn relativ dürftig und verschlechterte sich ab 1942/43 kontinuierlich, ehe er 1945 einen Tiefpunkt erreichte. Dazu passt - mit differenziertem Blick auf die Alltagsrealität - , dass auch die Versorgung mit gewerblichen Konsumgütern sehr zu wünschen übrig ließ; hier war die Lage sogar noch bedrückender als bei der Lebensmittelversorgung. Von „Wohlleben“ kann allenfalls  bei einer kleinen Oberschicht aus Partei, Staat und Wirtschaft die Rede sein, die es sich selbst in der Katastrophe noch gut gehen ließ.

       

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      Michael Mayer: „Die französische Regierung packt die Judenfrage ohne Umschweife an“ Vichy-Frankreich, deutsche Besatzungsmacht und der Beginn der „Judenpolitik“ im Sommer/Herbst 1940

      Durch die restriktive französische Archivgesetzgebung konnte die Entstehungsgeschichte der französischen Rassengesetzgebung im Jahre 1940 bisher noch nicht auf Quellenbasis untersucht werden. Dieser Artikel greift nun erstmals auf die Dokumente der französischen Regierung und Verwaltung, der deutschen Besatzungsmacht in Paris sowie der Berliner Staatsführung zurück, um den komplexen Entstehungsprozess der französischen und deutschen „Judenpolitik“ im Sommer/Herbst 1940 zu untersuchen und mögliche Interdependenzen herauszuarbeiten. Der Fokus wird dabei insbesondere auf die Frage einer deutschen Einflussnahme auf die französische antijüdische Politik der ersten Monate des Vichy-Regimes gelegt. Die Ergebnisse dieser Analyse werden im Folgenden einer Gegenprobe unterzogen, indem der Autor die interne Diskussion der französischen Administration hinsichtlich der verwaltungstechnischen Umsetzung der französischen Rassengesetzgebung analysiert. Insgesamt wird deutlich, dass die französische „Judenpolitik“ in einer umfassenden Kontinuitätslinie des Antisemitismus im Frankreich der Zwischenkriegszeit stand, die jedoch durch die verheerende Niederlage 1940 einem massiven Radikalisierungsschub unterworfen war. Zudem wird deutlich, dass die antijüdische Politik der französischen Regierung und der deutschen Besatzungsmacht relativ autochthon voneinander entstanden und bis Herbst 1940 kaum Berührungspunkte aufwiesen.

       

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      Günther Gillessen: Tresckow und der Entschluß zum Hochverrat. Eine Nachschau zur Kontroverse über die Motive.

      Henning von Tresckow und seine militärischen Mitverschworenen waren 1941 in einflussreichen Stellungen des Stabes der Heeresgruppe Mitte an den Operationen gegen die Rote Armee beteiligt. Ob sie auch an den Massenverbrechen von Himmlers SS- und Polizeiverbänden hinter Front beteiligt waren, ist seit einigen Jahren Gegenstand einer heftigen Kontroverse. Diese Offiziere hätten zu Anfang des Russlandfeldzugs den Verbrechen der Mordtruppe Himmlers teilnahmslos zugeschaut, sie sogar unterstützt, meinten - gegen Einspruch von Gerhard Ringshausen und Hermann Graml - Johannes Hürter und Felix Römer. Doch dem, was sie bisher zur Begründung ihrer Ansicht vorgetragen haben, stehen andere Befunde im Wege, wie in diesem Beitrag dargelegt wird.

       

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      Johannes Hürter: Entgegnung auf Günther Gillessen.

      In seiner Antwort weist Johannes Hürter die Argumentation und Kritik Günther Gillessens als spekulativ und wissenschaftlich verfehlt zurück. Er erinnert an den erreichten Forschungsstand über die Integration der Wehrmacht in den rassenideologischen Vernichtungskrieg und an einzelne Dokumente, die von Gillessen unvollständig zitiert und/oder verzerrend interpretiert werden. Hürter plädiert für eine kontextualisierende Analyse des Handelns von Generalstabsoffizieren an der Ostfront. Sie zeigt, in welchem Umfang Akteure wie die Offiziere des Heeresgruppenkommandos Mitte in der dramatischen Anfangsphase des deutsch-sowjetischen Krieges in ein militärisch, politisch-ideologisch und ethisch radikal entgrenztes Gewaltgeschehen eingebunden waren, aus dem selbst die Hellsichtigsten und Mutigsten unter ihnen erst nach und nach einen Weg heraus in den Widerstand fanden.

       

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      Alexander Haritonow/Klaus-Dieter Müller: Die Gesamtzahl sowjetischer Kriegsgefangener – Eine weiterhin ungelöste Frage

      Das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener im Zweiten Weltkrieg ist eine der größten Tragödien dieses Krieges. Millionen von ihnen fielen in deutsche Hand und mehr als Hälfte überlebte die deutsche Kriegsgefangenschaft nicht. Seit dem Jahr 1999 beschäftigt sich ein von der Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten geleitetes internationales Projekt, vorwiegend humanitär, mit ihnen. 2008 erschien in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte (Heft 4/2008) ein Aufsatz früherer Projektmitarbeiter mit dem Titel „Sowjetische Kriegsgefangene in deutschem Gewahrsam 1941-1945“, in denen sie auf der Grundlage von Projektunterlagen, die bis zum 2005 erhoben worden waren (ca. 350000 Personen), beanspruchen, die Gesamtzahl sowjetischer Kriegsgefangener, auf jeden Fall für das Reichsgebiet, endgültig ermittelt zu haben. Sie werteten dazu die von der Wehrmacht vergebenen Erkennungsmarkennummern nach bestimmten Hypothesen aus. Eine empirische Überprüfung ihrer Methode sowie ihrer Ergebnisse im Jahre 2009 durch die projektleitende Stelle erbrachte jedoch keine Bestätigung. Vielmehr zeigte sich auf der Grundlage der Unterlagen einer etwa doppelt so großen Zahl von Kriegsgefangenen (ca. 700.000 Personen), dass in sehr viel mehr Lagern Kriegsgefangene registriert worden  sind als die Unterlagen von 2005 vermuten ließen. Eine strikt schematische Anwendung der Methode würde zudem zu dem Schluss führen, dass insgesamt mehr als 11 Millionen sowjetische Kriegsgefangene von deutschen Stellen im Reichsgebiet sowie außerhalb des Reichsgebietes registriert worden sein müssten, ganz abgesehen von den Kriegsgefangenen, die vor ihrem Tod gar nicht mehr registriert wurden. Selbst Ergebnisse für sog. Russenlager im Reich bzw. sonstige Stalags im Reich führen zu Erhöhungen um 1,8 Millionen Gefangene. Dem widersprechen alle bisherigen historischen Erkenntnisse, selbst wenn man eine relativ große Varianz zwischen verschiedenen von der Forschung bislang veröffentlichten Zahlen zu Grunde legt. Die alleinige Nutzung der Erkennungsmarkennummern führt damit zur Zeit zu keinem validen Ergebnis. Die genaue Zahl bzw. Größenordnung sowjetischer Kriegsgefangener bleibt weiterhin eine ungelöste (methodische) Frage.

       

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      Siegfried Suckut: Probleme mit dem „großen Bruder“. Der DDR-Staatssicherheitsdienst und die Deutschlandpolitik der KPdSU 1969/70

      Gestützt auf historiografisch bisher nicht im Zusammenhang gewürdigte Unterlagen des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) wird analysiert, wie die politische Geheimpolizei der SED 1969/70 auf den Beginn der neuen Ost- und Deutschlandpolitik der sozialliberalen Regierung in Bonn reagierte. Belegt wird, dass Minister Mielke und sein Stellvertreter, der Chef der Westspionage (HVA), Markus Wolf, diese Politik von Anfang an für eine für die DDR und die sozialistische Staatengemeinschaft  besonders gefährliche Variante bisheriger „imperialistischer“ Deutschlandpolitik hielten, die letztlich darauf ziele, den Sozialismus in der DDR zu beseitigen und das östliche Bündnissystem zu unterminieren. In Gesprächen mit der KGB-Führung warnten sie die „Freunde“ und mahnten indirekt, der Bundesregierung keine Zugeständnisse zulasten der DDR zu machen. Mielke und Andropow  fungierten dabei, so scheint es, als in Rücksprache mit ihren Parteiführungen handelnde Akteure. Dokumentiert ist vor allem die geplante Argumentation der DDR-Vertreter in diesem Stellvertreter-Diskurs über die Ost- und Deutschlandpolitik der Regierung Brandt. Mielke und Wolf bedienten sich extensiv der Erkenntnisse der Westspionage, die die  umfangreichen vorbereitenden Ausarbeitungen der HVA durchziehen und erkennen lassen, dass der Stasi-Chef zu selbstbewusstem, mitunter schulmeisterlich anmutendem  Auftreten gegenüber den sowjetischen Vertretern entschlossen war. Das belegen vor allem seine hier dokumentierten vorbereitenden Notizen für die Unterredung mit Andropow, die nach Aktenlage wenige Wochen vor der Unterzeichnung des Gewaltverzichtsabkommens zwischen Bonn und Moskau in Ost-Berlin stattfand.

       

       

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      © Institut für Zeitgeschichte