Heft 4/2010

Aufsätze:

    • Ralf Stremmel: Zeitgeschichte im Fernsehen. Die preisgekrönte Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“ als fragwürdiges Paradigma. (A)
    • Thomas Vordermayer: Die Rezeption Ernst Moritz Arndts in Deutschland 1909/10 – 1919/20 – 1934/35(A)
    • Monica Fioravanzo: Die Europakonzeptionen von Faschismus und Nationalsozialismus (1939-1943). (A)
    • Konrad Dussel: Wie erfolgreich war die nationalsozialistische Presselenkung?. (A)

    Dokumentation:

    • Felix Römer: Alfred Andersch abgehört. Kriegsgefangene „Anti-Nazis“ im amerikanischen Vernehmungslager Fort Hunt. (D)

      Abstracts

      Ralf Stremmel: Zeitgeschichte im Fernsehen. Die preisgekrönte Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“ als fragwürdiges Paradigma.

      Die Präsentation von Zeitgeschichte im Fernsehen erreicht ein Massenpublikum. Manches spricht dafür, dass sie Geschichtsbilder in den Köpfen der Menschen so sehr prägt wie kein anderes Medium. Der Beitrag versucht, operationalisierbare Qualitätskriterien für Geschichtsdokumentationen im Fernsehen zu benennen. Dabei muss die Funktionsweise des Mediums ebenso berücksichtigt werden wie der Adressatenkreis. Unverzichtbar bleibt daneben aber ein sachgerechter und analytisch-kritischer Umgang mit Informationen. An den aufgestellten Kritierien wird anschließend die Dokumentation „Das Schweigen der Quandts“, eine Produktion des Norddeutschen Rundfunks aus dem Jahr 2007, gemessen. Sie ist mehrfach preisgekrönt und gilt auch in fachwissenschaftlichen Publikationen mittlerweile als Paradigma gelungenen Geschichtsfernsehens. Die empirische Analyse der Dokumentation ergibt jedoch, dass der Film höchst manipulativ ist, zentrale Informationen unterschlägt, die meisten Behauptungen nicht belegt und die herangezogenen Quellen nicht hinreichend kontextualisiert. So gesehen stellt die Sendung richtige Fragen, gibt aber meist falsche Antworten.

       

      Read more: http://www.degruyter.com/view/j/vfzg.2010.58.issue-4/vfzg.2010.0023/vfzg.2010.0023.xml


      Thomas Vordermayer: Die Rezeption Ernst Moritz Arndts in Deutschland 1909/10 – 1919/20 – 1934/35.

      Insbesondere seit seinem 50. Todesjahr 1910 entfaltete sich in Deutschland eine überaus intensive Auseinandersetzung mit Ernst Moritz Arndt (1769-1860), die sich erst während des Zweiten Weltkriegs abschwächte. Ungeachtet des durchaus facettenreichen, auch liberales Ideengut beinhaltenden Gesamtwerks dieses wohl wirkmächtigsten Dichters und politischen Publizisten der antinapoleonischen Befreiungskriege, war die Rezeption Arndts während des Kaiserreichs, der Weimarer Republik und des Dritten Reiches gleichermaßen von durchweg radikalnationalistischem und völkischem Ideengut dominiert. Unter diesen Vorzeichen etablierte sich sowohl auf wissenschaftlicher als auch außerwissenschaftlicher Ebene lange vor der nationalsozialistischen Machtergreifung ein komplexreduziertes Bild Arndts, das nach 1933 nahezu bruchlos in die Ideologie und Propaganda des Nationalsozialismus integriert werden konnte. Der Aufsatz beleuchtet anhand der naturgemäß von einer besonders hohen Publikationsdichte begleiteten Gedenkjahre den Verlauf der Arndt-Rezeption im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und arbeitet dabei die innere Entwicklung der ausschlaggebenden Deutungsmuster heraus.

       

      Read more: http://www.degruyter.com/view/j/vfzg.2010.58.issue-4/vfzg.2010.0024/vfzg.2010.0024.xml


      Monica Fioravanzo: Die Europakonzeptionen von Faschismus und Nationalsozialismus (1939-1943).

      Der Aufsatz beschäftigt sich mit den Plänen für ein Neues Europa, die nach 1939 vom faschistischen Regime entwickelt worden sind, und den Veränderungen, denen sie – je nach Lage der Dinge an der Front -  unterworfen waren. Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs rief Giuseppe Bottai, damals Erziehungsminister, die kulturelle Elite des Landes auf, über die geistigen und kulturellen Grundlagen des Neuen Europa nachzudenken. In diesem Zukunftsgebilde sollte es eine klare Hierarchie zwischen kleineren und größeren Staaten geben, und sollte Teil eines riesigen euro-asiatisch-afrikanischen Raumes sein, der von den imperialistischen Mächten Italien, Japan und dem Deutschen Reich dominiert würde. Über dieses Projekt wurde in Italien viel diskutiert, was auf deutscher Seite für Misstrauen sorgte. Zum Konflikt zwischen den „Achsen“-Partners kam es 1942, als Italien – trotz verheerender Niederlagen – den Versuch machte, die geistige Führung im künftigen Europa zu behaupten – in klarer Abgrenzung vom NS-Regime, das sich nur auf Gewalt und den Mythos der Rasse stützte, während die Faschisten ihre Überlegenheit mit dem Christentum und der Tradition des alten Rom begründeten. Im Frühjahr 1943 distanzierte sich die faschistische Führung von solchen hybriden Plänen. Nun lancierte man die Idee eines “Europa der Nationen”, wobei klar war, dass damit die Kooperation mit dem Deutschen Reich auf eine harte Probe gestellt wurde. Der Zusammenbruch des Regimes 1943 beendet diese Planspiele: Das Neue Europa würde es nur im Zeichen des Nationalsozialismus geben – oder gar nicht.

       

      Read more: http://www.degruyter.com/view/j/vfzg.2010.58.issue-4/vfzg.2010.0025/vfzg.2010.0025.xml


      Konrad Dussel: Wie erfolgreich war die nationalsozialistische Presselenkung?

      Wie wurden die rund 15.000 nationalsozialistischen Presseanweisungen der Vorkriegszeit von zunächst etwa 3.000 (1933) und später noch 2.000 (1939) Zeitungen im Reich umgesetzt? Diese Frage kann nur auf der Basis von Stichproben beantwortet werden. Der Aufsatz stellt ein Modell zu ihrer Bildung vor und präsentiert die Ergebnisse einer Vorstudie mit zwei Mannheimer Zeitungen, dem nationalsozialistischen „Hakenkreuzbanner“ und der bürgerlichen „Neuen Mannheimer Zeitung“. Bei diesen beiden Zeitungen war die Lenkung der Zeitungsinhalte fast hundertprozentig erfolgreich. Leichte Abweichungen gab es nur in Randbereichen. Und selbst die Unterschiede zwischen den beiden Zeitungen waren nur minimal und durchaus systemkonform.

       

      Read more: http://www.degruyter.com/view/j/vfzg.2010.58.issue-4/vfzg.2010.0026/vfzg.2010.0026.xml


      Felix Römer: Alfred Andersch abgehört. Kriegsgefangene „Anti-Nazis“ im amerikanischen Vernehmungslager Fort Hunt.

      Seit einigen Jahren bezieht die Forschung zur Wehrmacht im NS-Staat neue Impulse von einer lange vergessenen Quellengattung: den Abhörprotokollen aus westalliierten Vernehmungslagern des Zweiten Weltkriegs. Nun ist ein weiterer Aktenbestand erschlossen worden: die über 100.000 Seiten umfassende Sammlung des US-amerikanischen Geheimlagers Fort Hunt bei Washington. Dieses bislang unbekannte Konvolut umfasst Abhörprotokolle, Vernehmungsberichte, Befragungen und lebensgeschichtliche Daten von mehr als 3000 deutsche Kriegsgefangenen aus der Zeit von 1942 bis 1945. Den hohen Quellenwert dieses Bestands bestätigt das darin überlieferte Gefangenendossier über den Schriftsteller Alfred Andersch. Die Lauschangriffe und Verhöre dokumentieren neue Details aus seiner Biographie: Anderschs Beschäftigung mit dem Schicksal seiner früheren „halbjüdischen“ Ehefrau, seine Ansichten über die deutsche Kriegsgesellschaft sowie Einzelheiten zu seinem literarischen Werk. Darüber hinaus enthält die Aktenserie Dossiers über eine Reihe seiner Weggefährten, die wie er in der Wehrmacht gedient hatten. Die Gefangenenakten offenbaren die Grundzüge des zeitgenössischen Denkens dieser gebildeten, bürgerlichen „Anti-Nazis“ und verorten Andersch im Kontext eines regimekritischen, aber kaum nonkonformistischen Segments in der Wehrmacht. In den Akten zeichnet sich ab, dass viele dieser Hitlergegner zwar die NS-Herrschaft entschieden ablehnten, sich zugleich jedoch eine gewisse Identifikation mit der Nation und ihrem militärischen Wertesystem bewahrten. Auf Grund derartiger Überzeugungen konnten sich selbst „Anti-Nazis“ in die Streitkräfte des NS-Staats integrieren– ein wesentlicher Faktor, warum Heterogenität und Konformismus in der Wehrmacht keinen Widerspruch bildeten.

       

      open access content

       

      Read more: http://www.degruyter.com/view/j/vfzg.2010.58.issue-4/vfzg.2010.0027/vfzg.2010.0027.xml



      © Institut für Zeitgeschichte