Heft 1/2011

Aufsätze:

    • Ian Kershaw: „Volksgemeinschaft“. Potenzial und Grenzen eines neuen Forschungskonzepts. (A)
    • Martin Schumacher: Namensähnlichkeit als Ausschließungsgrund? Der Fall der Frankfurter Anwältin Elfriede Cohnen und die Säuberung der Anwaltschaft in Preußen 1933(A)
    • Tim Szatkowski: Die CDU/CSU und die deutsch-polnischen Vereinbarungen vom Oktober 1975. Humanität oder Konfrontation? (A)

    Diskussion:

    • Holger Nehring/Benjamin Ziemann: Führen alle Wege nach Moskau? Der NATO-Doppelbeschluss und die Friedensbewegung – eine Kritik. (Dis)
    • Christoph Boyer: „1989“ und die Wege dorthin. (Dis)

    Dokumentation:

    • Helmut Altrichter: „Entspannung nicht auf Kosten des Sozialismus“. Das Treffen Andrei Gromyko – Erich Honecker am 11./12. Mai 1978. (D)

      Abstracts

      Ian Kershaw: „Volksgemeinschaft“. Potenzial und Grenzen eines neuen Forschungskonzepts.

      Dieser Essay zeigt drei verschiedene Verwendungen des Begriffs Volksgemeinschaft auf, die gegenwärtig in Gebrauch sind: erstens, um geänderte Machtverhältnisse anzuzeigen; zweitens als Mobilisierungsfaktor durch „affektive Integration“; und drittens als ein Mittel der Exklusion, Diskriminierung und Verfolgung. Der Beitrag erkennt an, dass jede dieser Verwendungsweisen gewissen konzeptionellen Wert besitzt, verweist aber auf die großen Schwierigkeiten, die sich beim Ummünzen eines Propagandaslogans in ein Mittel der historischen Deutung ergeben. Der Beitrag zeigt die Schwierigkeit auf, Konsens in einer terroristischen Diktatur, die weitere Existenz von Subkulturen, die die Einheit der Volksgemeinschaft in Frage stellten, sowie weiterbestehende pluralistische Haltungen sogar die Behandlung der Juden betreffend nachzuweisen. Der Artikel legt nahe, dass eine binäre Trennung zwischen Inklusion und Exklusion ein zu sehr vereinfachendes Modell darstellt. Der Essay kommt zu der Schlussfolgerung, dass das Volksgemeinschaft-Konzept einige wertvolle Studien angeregt hat, aber dennoch große Defizite als eigentliches Analysemittel aufweist.

       

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      Martin Schumacher: Namensähnlichkeit als Ausschließungsgrund? Der Fall der Frankfurter Anwältin Elfriede Cohnen und die Säuberung der Anwaltschaft in Preußen 1933.

      Thema dieses Aufsatzes ist der Versuch der Nationalsozialisten, Rechtsanwälte „nicht arischer Abstammung“ oder „Personen, die sich in kommunistischem Sinne betätigt haben“, von der Zulassung zur Rechtsanwaltschaft auszuschließen. Ansatz war das Anwaltsgesetz vom 7. April 1933. Das Berufsverbot betraf auch alle Anwälte, die Kommunisten verteidigt hatten, ohne vielfach selbst der KPD anzugehören. Ein drastisches Beispiel für die „Ausschaltung“ dieser Minderheit unter den Rechtsanwälten der Weimarer Republik ist der „Fall Dr. Cohnen“. Elfriede Cohnen, 1929 in Frankfurt am Main als erster weiblicher Rechtsanwalt zugelassen, hatte als Strafverteidigerin Mandate der Roten Hilfe wahrgenommen. Die Anwältin war „arisch“ und Mitglied der Zentrumspartei, in nationalsozialistischen Kreisen aber als „Jüdin“ verhasst. Elfriede Cohnen, infolge eines Unfalls als Helferin des Roten Kreuzes seit 1914 schwerbehindert, studierte nach vergeblichen Versuchen, wieder als Anwältin zugelassen zu werden, Medizin. Ihre Geschichte ist ein höchst instruktives Beispiel über die Wirklichkeit der nationalsozialistischen Rechtspolitik.

       

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      Tim Szatkowski: Die CDU/CSU und die deutsch-polnischen Vereinbarungen vom Oktober 1975. Humanität oder Konfrontation?

      Die deutsch-polnischen Vereinbarungen vom 9. Oktober 1975 schlossen eine Lücke, die der Warschauer Vertrag hinterlassen hatte: Ein Protokoll regelte in völkerrechtlich verbindlicher Weise die Ausreise von über 100 000 Deutschstämmigen aus Polen in die Bundesrepublik. Im Abkommen über Renten- und Unfallversicherung verpflichteten sich die Vertragspartner, für im Inland lebende Berechtigte auch Versicherungszeiten anzuerkennen, welche diese im anderen Staat zurückgelegt hatten. Die begleitenden Absprachen, eine Vereinbarung über die pauschale Abgeltung von Rentenansprüchen sowie ein Abkommen über die Gewährung eines Finanzkredits, wurden von der Opposition als verkappte „Wiedergutmachung“ bezeichnet. Das war insofern richtig, als die Genese der bilateralen Vereinbarungen zeigt, dass die polnische Seite Entschädigungsleistungen forderte und die Bundesregierung darauf, wenn auch indirekt, einging. Die Unionsparteien konnten gegenüber der Regierung Schmidt/Genscher letztlich jedoch keinen Konfrontationskurs aufrechterhalten. Eine kleine, prominente Gruppe innerhalb der CDU/CSU stimmte den Vereinbarungen aus humanitären Gründen zu, was zu heftigen Spannungen in der Partei führte. Zum Kristallisationspunkt der Auseinandersetzungen avancierte der Bundesrat, der am Ende überraschend ein einheitlich positives Votum abgab. Es waren vor allem der CDU-Vorsitzende Kohl und der niedersächsische Ministerpräsident Albrecht, welche die Union aus politischen und koalitionstaktischen Gründen auf den Kurs der Zustimmung brachten – allerdings erst, nachdem sie im Zusammenspiel mit Außenminister Genscher maßgebliche und in dieser Form einmalige Nachbesserungen der Vereinbarungen durchgesetzt hatten.

       

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      Holger Nehring/Benjamin Ziemann: Führen alle Wege nach Moskau? Der NATO-Doppelbeschluss und die Friedensbewegung – eine Kritik.

      Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1990/91 hat sich fast ohne Widerspruch eine Meistererzählung zur bundesdeutschen Friedensbewegung der frühen 1980er Jahre etabliert, welche diese Protestbewegung durch die Brille des Kalten Krieges sieht und sie als kommunistisch „unterwandert“ interpretiert. Im Gegensatz dazu wird das Engagement kommunistischer Gruppen innerhalb der breiteren Proteste gegen den NATO-Doppelbeschluss hier sozial- und kulturgeschichtlich als Teil der disparaten sozialen Bewegungen der siebziger Jahre gesehen. Damit fällt zugleich neues Licht auf die Krise des westlichen Bündnisses seit der Mitte dieser Dekade und die darauf folgenden Kontroversen um das Verständnis von „Sicherheit“ in Bundesrepublik und DDR.

       

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      Christoph Boyer: „1989“ und die Wege dorthin.

      Historiker neigen dazu, das Scheitern des Staatssozialismus zu „erklären“, indem sie die Geschichte seiner Endkrise erzählen; Sozialwissenschaftler hingegen sind im Blick auf „1989“ vorrangig an den langfristigen strukturellen Ursachen interessiert. Beides ist nicht falsch, aber einseitig. Der Essay entwickelt einen Interpretationsrahmen, der Ereignis und Struktur, Akteure und System, länger- und kurzfristige Entwicklungen, Ablauflogik und Kontingenz miteinander verbindet. Die nicht heilbaren Konstruktionsmängel des Staatssozialismus liefern noch keine hinreichende Erklärung für „1989“. Erst angesichts der welthistorisch neuen Bedingungskonstellation, die sich ab Anfang der siebziger Jahre durch die elektronische Revolution und die Globalisierung herausbildete, erweisen sich die Staatssozialismen in der Systemkonkurrenz als endgültig unterlegen. Ihr Todesurteil wird bereits Anfang der siebziger Jahre gesprochen, die Wege zur Vollstreckung sind aber lang und unterschiedlich, wie sich im Blick auf die DDR, die Tschechoslowakei sowie auf Polen und Ungarn zeigt.

       

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      Helmut Altrichter: „Entspannung nicht auf Kosten des Sozialismus“. Das Treffen Andrei Gromyko – Erich Honecker am 11./12. Mai 1978.

      Bei einem Besuch in Ost-Berlin im Mai 1978 ging der sowjetische Außenminister Gromyko mit der SED-Führung hart ins Gericht: 8 Millionen Westdeutsche besuchten jährlich die DDR, 35 Millionen Telefongespräche würden zwischen Bürgern beider Staaten geführt, 250 Millionen Briefe gewechselt; trotz aller Abgrenzungsrhetorik pflege die Führung „besondere“ „innerdeutsche Beziehungen“ zur Bundesrepublik, komme den Konsumwünschen der eigenen Bevölkerung über Gebühr entgegen, lasse die DM als Zweitwährung zu, suche „Entspannung auf Kosten des Sozialismus“, mache sich „abhängig vom Westen“. Doch Honecker blieb bei seinem Kurs, schon weil er aus politischen und wirtschaftlichen Gründen kaum anders konnte.

       

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