Heft 2/2011

Aufsätze:

    • Johannes Hürter: Das Auswärtige Amt, die NS-Diktatur und der Holocaust. Kritische Bemerkungen zu einem Kommissionsbericht. (A)
    • Kurt Bauer: Hitler und der Juliputsch 1934 in Österreich. Eine Fallstudie zur nationalsozialistischen Außenpolitik in der Frühphase des Regimes(A)
    • Patrick Bernhard: Konzertierte Gegnerbekämpfung im Achsenbündnis. Die Polizei im Dritten Reich und im faschistischen Italien 1933 bis 1943.
      (A)
    • Bastian Hein: Himmlers Orden. Das Auslese- und Beitrittsverfahren der Allgemeinen SS. (A)

    Dokumentation:

    • Andreas Malycha: Ungeschminkte Wahrheiten. Ein vertrauliches Gespräch von Gerhard Schürer, Chefplaner der DDR, mit der Stasi über die Wirtschaftspolitik der SED im April 1978. (D)

      Abstracts

      Johannes Hürter: Das Auswärtige Amt, die NS-Diktatur und der Holocaust. Kritische Bemerkungen zu einem Kommissionsbericht.

      Die Historikerkommission zur Aufarbeitung der NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amts hat mit dem Buch „Das Amt und die Vergangenheit“ für einiges Aufsehen gesorgt. Dabei ist der substanzielle Ertrag gering, denn die Forschung war längst einig, dass der Auswärtige Dienst im NS-Herrschaftssystem kein „Fremdkörper“ war, sondern wie auch andere staatliche Institutionen dazu beitrug, eine rassistische Gewaltpolitik zu verwirklichen. Das vermeintlich Spektakuläre des Buches rührt daher, dass in ihm die Rolle des Auswärtigen Dienstes in der NS-Diktatur und besonders bei der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden stark vereinfacht und überzeichnet wird. Die Komplexitätsreduktion betrifft vor allem drei Bereiche: 1. Die diplomatische Elite wird als weitgehend homogener Block von Tätern beschrieben, ohne ihre Transformationsprozesse und Binnendifferenzierungen, besonders nach 1938, zu berücksichtigen. 2. Dem Auswärtigen Amt wird eine tragende, teilweise sogar leitende Funktion beim Holocaust zugesprochen, ohne die komplexen Zusammenhänge und Verläufe der „Endlösung“ sowie die Verantwortung der Haupttäter zu beachten. 3. Die NS-Unrechtspolitik und der Anteil des Auswärtigen Amts an ihr wird weitgehend auf den Holocaust beschränkt, während andere Verbrechenskomplexe vernachlässigt werden und die eigentliche Außenpolitik mit ihren negativen Konsequenzen ausgeklammert bleibt. Insgesamt bedeuten die pauschalen und nivellierenden Interpretationen des Kommissionsberichts einen deutlichen Rückschritt hinter die Bemühungen der Forschung, zu einem differenzierten Bild der nationalsozialistischen Diktatur und Gewaltpolitik zu gelangen. Dass stark vereinfachte Darstellungen der NS-Geschichte solchen Erfolg haben, sollte nicht allein der Zeitgeschichtsforschung zu denken geben.

       

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      Kurt Bauer: Hitler und der Juliputsch 1934 in Österreich. Eine Fallstudie zur nationalsozialistischen Außenpolitik in der Frühphase des Regimes.

      Der Putschversuch der österreichischen Nationalsozialisten am 25. Juli 1934 fand vor allem in der österreichischen Zeitgeschichtsforschung Beachtung, nicht aber in der deutschen und internationalen Forschung. Der Grund lag unter anderem. darin, dass sich über die Rolle Hitlers kein klares Bild gewinnen ließ. Die entsprechenden Abschnitte der Goebbels-Tagebücher (erschienen 2005) erlauben nun in Kombination mit re-evaluierten altbekannten Quellen einen neuen Blick auf die Hintergründe des Juliputsches. Es zeigt sich nun, dass Hitler mit großer Wahrscheinlichkeit persönlich den Befehl dazu erteilte. Den Entschluss zum Schlag gegen das Dollfuß-Regime fasste er zur selben Zeit wie für den Schlag gegen die oberste SA-Führung. Innenpolitisch wollte Hitler mit dem „Röhm-Putsch“ den Weg zur Übernahme des Reichspräsidentenamts nach Hindenburgs absehbarem Tod freimachen; außenpolitisch hoffte er, mit Hilfe einer SN-Machtergreifung im Nachbarland die „Österreich-Frage“ zu entschärfen und damit gleich Italien auf seine Seite zu ziehen, um so der akuten Gefahr durch Frankreichs „Einkreisungsoffensive“ zu entgehen.

       

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      Patrick Bernhard: Konzertierte Gegnerbekämpfung im Achsenbündnis. Die Polizei im Dritten Reich und im faschistischen Italien 1933 bis 1943.

      Repression und Polizei gehörten zu den wichtigsten Kooperationsfeldern im Achsenbündnis zwischen dem faschistischen Italien und dem Dritten Reich. Auf der Basis des Polizeiabkommens von 1936 umfasste diese Zusammenarbeit nicht nur einen umfassenden Informationsaustausch über politische und „rassische“ Gegner sowie deren Verfolgung weit über die Landesgrenzen der beiden Diktaturen hinaus. Es kam zudem auf beiden Seiten der Alpen zu Lern- und Radikalisierungsprozessen. Das betraf politische Gewalt und Militarisierung ebenso wie die Kontrolle „imperialer Räume“, die die beiden Diktaturen in Europa und Afrika eroberten. In besonderem Maß gilt das für die SA, die SS und die faschistische Miliz, deren Entwicklung auf vielfältige Weise miteinander verschränkt war. Radikalisierende Konvergenzen zwischen den beiden Diktaturen zeigen schließlich, dass der Nationalsozialismus nicht so unabhängig, verschieden oder gar „einzigartig“ war, wie das die NS-Forschung lange unterstellt hat. Vielmehr hat man die Geschichte des Dritten Reichs künftig viel stärker vom Faschismus her zu denken und zu schreiben. Nur so lässt sich letztlich dessen historischer Ort in der europäischen Krisengeschichte der Zwischenkriegszeit adäquat bestimmen.

       

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      Bastian Hein: Himmlers Orden. Das Auslese- und Beitrittsverfahren der Allgemeinen SS.

      Die Schutzstaffel der NSDAP bezeichnete sich selbst als „Elitetruppe“ des „Führers“ und als „verschworene Gemeinschaft“ überzeugtester Nationalsozialisten. Doch sie war auch eine Massenorganisation, der schon vor dem Zweiten Weltkrieg mehr als 200.000 Freiwillige aus allen Schichten der deutschen Gesellschaft angehörten. Diese waren zu gut 90 Prozent in der sogenannten Allgemeinen SS organisiert, der die Forschung im Gegensatz zu SD, Konzentrationslager-SS und Waffen-SS bislang wenig Aufmerksamkeit gewidmet hat. Wie passten hier elitärer Anspruch und soziale Heterogenität zusammen? Bastian Hein zeichnet im Detail den Weg von der Bewerbung über die Auslese zur Aufnahme in den „Schwarzen Orden“ nach und untersucht, inwiefern es der SS-Führung in der Praxis gelang, diesen Prozess nach ihren selbst gewählten, rassistischen Maßstäben zu gestalten. Er analysiert den Zusammenhang, der zwischen dem aufwendigen Beitrittsverfahren und der Tatsache besteht, dass gerade die SS den Kern der Täter stellte, welche die nationalsozialistischen Massenverbrechen exekutierten.

       

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      Andreas Malycha: Ungeschminkte Wahrheiten. Ein vertrauliches Gespräch von Gerhard Schürer, Chefplaner der DDR, mit der Stasi über die Wirtschaftspolitik der SED im April 1978.

      Das Dokument ist Zeugnis eines zentrales Konflikts innerhalb des SED-Politbüros in den 1970er Jahren. Während eines Gesprächs zwischen dem Chefplaner der DDR, Gerhard Schürer, und einem MfS-Offizier im April 1978 werden die Schlüsselprobleme der DDR-Wirtschaft offen durchgesprochen. Ein solcher systeminterner Einblick in die internen Kontroversen über die volkswirtschaftlichen und sozialpolitisches Bedingungen der DDR war bislang nur selten möglich. Erkennbar wird, welche Folgen die wirtschaftspolitischen Weichenstellungen des VIII. Parteitags 1971 hatten und was für Diskussionen dies im Politbüro als auch unter führenden Wirtschaftsexperten auslöste. Schürer gehörte zu jenen Politbüromitgliedern, die auf eine Zurücknahme bzw. Korrektur der ausufernden Sozialpolitik drängten und den privaten Konsum der Bevölkerung zugunsten produktiver Investitionen drosseln wollten. Honecker hielt dagegen trotz der erkennbaren Leistungsgrenzen der Wirtschaft und der Mängel der Planungsökonomie an seiner Strategie fest, durch eine Sozialpolitik, die ökonomisch nicht wirklich fundiert war, die Herrschaft der SED zu stabilisieren. Ganz offenbar sprach Schürer mit einem ranghohen Offizier der Staatssicherheit in der Absicht, über den Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, Honecker zu einem Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik zu bewegen.

       

       

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