Heft 3/2011

Aufsätze:

    • Kiran Klaus Patel: Zeitgeschichte im digitalen Zeitalter. Neue und alte Herausforderungen. (A)
    • Frieder Günther: Ordnen, gestalten, bewahren. Radikales Ordnungsdenken von deutschen Rechtsintellektuellen der Rechtswissenschaft 1920 bis 1960.  (A)
    • Sebastian Stopper: “Die Straße ist deutsch.” Der sowjetische Partisanenkrieg und seine militärische Effizienz. (A)
    • Benjamin Gilde: Keine neutralen Vermittler. Die Gruppe der neutralen und nicht-paktgebundenen Staaten und das Belgrader KSZE-Folgetreffen 1977/78. (A)
    • Werner Becker: 12 Jahre Euro. Aus ruhigen Gewässern in stürmische See. (A)



      Abstracts

      Kiran Klaus Patel: Zeitgeschichte im digitalen Zeitalter. Neue und alte Herausforderungen.

      Die Zeitgeschichtsschreibung steht im digitalen Zeitalter vor neuen Herausforderungen. Der Beitrag beleuchtet die forschungspraktischen Implikationen, die sich aus Veränderungen im Quellenmaterial und dem Zugang zu diesem ergeben. Angesichts technologischer Innovationen, sich wandelnder Kulturpraktiken und neuer rechtlicher Rahmenbedingungen vertritt er unter anderem die These, dass das bisherige, "dekadologische" Voranschreiten für die Zeitgeschichtsschreibung des 21. Jahrhunderts veraltet ist und den Ansprüchen, die an die Geschichtsschreibung zu stellen wären, nicht mehr gerecht wird. Während flott geschriebene Synthesen zu den Gewinnern der digitalen Revolution gehören werden, müssen die Anforderungen an quellennahe Monographien neu überdacht werden. Mit seinen pointiert-provokanten Überlegungen lädt der Beitrag zur Debatte über ein Thema ein, das die Zeitgeschichte zu lange ignoriert hat.

       

       

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      Frieder Günther: Ordnen, gestalten, bewahren. Radikales Ordnungsdenken von deutschen Rechtsintellektuellen der Rechtswissenschaft 1920 bis 1960

      Wie reagierten führende deutsche Rechtsintellektuelle auf die tief greifenden politischen Umbrüche in der Zeit von 1920 bis 1960? Und vor allem wie arrangierten sie sich, nachdem sie 1933 die Machtergreifung der Nationalsozialisten zunächst begeistert begrüßt hatten, später mit dem Verfassungssystem und der Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik? Um diese Fragen zu beantworten, wird der Blick auf drei um die Jahrhundertwende geborene Rechtswissenschaftler gerichtet: Ernst Forsthoff, Ernst Rudolf Huber und Karl Larenz. Alle drei begannen in den 1920er Jahren ihre Universitätskarriere, nach 1933 stiegen sie zu Meinungsführern ihres Faches auf und gewannen nach einem Karriereknick aufgrund der Entnazifizierung in den 1950er Jahren nochmals einen maßgeblichen Einfluss auf die wissenschaftlichen und intellektuellen Debatten ihrer Zeit. Der Aufsatz macht deutlich, dass sich ihr Weltbild zwischen den 1920er und den 1950er Jahren kaum änderte und sich durchgehend mit dem Begriff des radikalen Ordnungsdenkens erfassen lässt. In ihren Arbeiten gewann vor allem das auf Carl Schmitt zurückgehende konkrete Ordnungs- und Gestaltungsdenken eine zentrale Bedeutung, um den einschneidenden politischen und rechtlichen Wandel, den sie erlebten, intellektuell zu verarbeiten.

       

       

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      Sebastian Stopper: “Die Straße ist deutsch.”. Der sowjetische Partisanenkrieg und seine militärische Effizienz.

      Der sowjetische Partisanenkrieg war lange ein Mythos. Mittlerweile gibt es jedoch genügend Quellen, die einen sehr viel differenzierteren Blick auf diesen Teil des deutsch-sowjetischen Kriegsschauplatzes ermöglichen. Damit stellt sich zwangsläufig auch die Frage nach dem militärischen Nutzen dieser Form der sowjetischen Kriegführung. Die sowjetische und auch die postsowjetische Historiografie hat daran nie einen Zweifel gelassen; sie hat die Wirkung des Partisanenkampfes weit überhöht. Eine Detailuntersuchung über das Brjansker Gebiet, also das Hinterland der Schlacht von Kursk im Jahr 1943, ergibt freilich ein ganz anderes Bild. Die Angriffe der Partisanen auf die deutsche Eisenbahn im rückwärtigen Gebiet der deutschen Armeen wurden bisher deutlich überschätzt, da die sowjetischen Quellen viele Fehlinformationen enthalten. Ein systematischer Vergleich zwischen den sowjetischen und deutschen Akten ergibt für den räumlichen und zeitlichen Ausschnitt eine minimale Beeinflussung der Nachschubführung aufgrund von Partisaneneinwirkung.

       

       

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      Benjamin Gilde: Keine neutralen Vermittler. Die Gruppe der neutralen und nicht-paktgebundenen Staaten und das Belgrader KSZE-Folgetreffen 1977/78.

      Während die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte am 1. August 1975 in Helsinki den Höhepunkt der Entspannungspolitik markiert hatte, entging das erste KSZE-Folgetreffen in Belgrad nur knapp einem Scheitern und stand geradezu sinnbildlich für die wieder gewachsenen Spannungen. Die neutralen und nicht-paktgebundenen Staaten (N+N) versuchten, wie schon bei den Verhandlungen über die KSZE-Schlussakte als Vermittler zwischen Ost und West zu einem erfolgreichen Konferenzverlauf beizutragen. Zwar gelang es ihnen, eine wichtige, zeitweise sogar dominierende Rolle zu spielen, den Verhandlungen aus Verfahrensschwierigkeiten zu helfen und an der Formulierung des Schlussdokumentes mitzuwirken. Trotzdem konnten sie nicht verhindern, dass man sich in Belgrad nur auf einen Minimalkonsens einigte. Dieser sah ein weiteres Folgetreffen, aber keinerlei neue Maßnahmen vor - weder im humanitären noch im wirtschaftlichen oder sicherheitspolitischen Bereich. Die Bemühungen der Neutralen scheiterten keineswegs an ihrer Unterstützung westlicher Forderungen, sondern an der mangelnden Kompromissbereitschaft des Ostens und dem unüberwindbaren Grundkonflikt zwischen den USA und der UdSSR über Menschenrechtsfragen, welche die sowjetische Seite systematisch zu negieren suchte.

       

       

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      Werner Becker: 12 Jahre Euro. Aus ruhigen Gewässern in stürmische See.

      Nach zwölf Jahren ist der Euro eine Erfolgsgeschichte. Allerdings gab es neben vielen positiven Entwicklungen (z.B. Preisstabilität, Handelsverflechtung) auch Enttäuschungen wie etwa die Staatsschuldenkrise 2010/11. Bei dieser Krise handelte es sich aber nicht um ein Währungsproblem des Euro, sondern um Staatsschulden- bzw. Bankenprobleme einzelner Euroländer. In der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (EWWU) kommt es auf Solidität an, um Vertrauen zu schaffen. Mit Solidarität allein lassen sich Krisen wie die im Mai 2010 nicht lösen. Eine Kernaufgabe der vier Problemländer wäre daher, im Rahmen eines gestrafften Stabilitäts- und Wachstumspaktes ihre Staatsfinanzen zu sanieren und durch Strukturreformen ihr Wachstum zu stärken. Die EZB sollte sich nach erfolgreichem Krisenmanagement auf die Preisstabilisierung konzentrieren. Wirksame Budgetdisziplin braucht keinen dauerhaften Rettungsschirm, wohl aber das Damoklesschwert eines geordneten Umschuldungsverfahrens für Budgetsünder und Planungssicherheit für die Gläubiger mit Blick auf künftige Schuldenrestrukturierungen. Sollte die Wiederherstellung tragfähiger Staatsfinanzen in den Problemländern nicht gelingen, so wäre es besser, die Währungsunion beizubehalten und eine Art Schuldenunion mit dem wachsenden Risiko einer Transfergemeinschaft zu bilden.

       

       

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