Heft 1/2012

Aufsätze:

    • Jürgen Zarusky: Timothy Snyders "Bloodlands" — kritische Anmerkungen zur Konstruktion einer Geschichtslandschaft. (A)
    • Detlev Humann: Ordentliche Beschäftigungspolitik? Unterstützungssperren, Drohungen und weitere Zwangsmittel bei der „Arbeitsschlacht” der Nationalsozialisten.  (A)
    • Thomas Keiderling: Enzyklopädisten und Lexika im Dienst der Diktatur? Die Verlage F.A. Brockhaus und Bibliographisches Institut ("Meyer") in der NS-Zeit. (A)
    • Mirjam Sprau: Leben nach dem GULAG. Petitionen ehemaliger Häftlinge als Quelle. (A)
    • Felix Nikolaus Bohr: Flucht aus Rom. Das spektakuläre Ende des "Falles Kappler" im August 1977. (A)

    Diskussion:

    • Gerhard Wettig: Der Kreml und die Friedensbewegung Anfang der achtziger Jahre(Dis)

      Abstracts

      Jürgen Zarusky: Timothy Snyders "Bloodlands" — kritische Anmerkungen zur Konstruktion einer Geschichtslandschaft.

      Tymothy Snyders Buch "Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin" hat internationales Aufsehen erregt, meist ein sehr positives. Der Autor lenkt den Blick auf die Tatsache, dass ein erheblicher Teil der Massenverbrechen der Diktaturen Stalins und Hitlers in einer Region stattgefunden hat, die er als "Bloodlands" bezeichnet. Das schärft die Aufmerksamkeit dafür, dass das Epizentrum der politischen Katastrophen im Europa des XX. Jahrhunderts weiter im Osten liegt, als meist wahrgenommen wird. In Wirklichkeit aber sind die "Bloodlands" keine historische Landschaft, sie sind ein synthetisches Konstrukt. Es handelt sich weniger um die Beschreibung des "zentralen Ereignisses" der europäischen Geschichte, wie Snyder postuliert, als vielmehr um eine Montage von Interpretationen totalitärer Massenverbrechen in einer nicht immer nach überzeugenden Kriterien definierten Region. Dieser Rahmen verengt vielfach die Sicht auf Phänomene, die über ihn hinausgehen, wie etwa die sowjetische Hungersnot von 1932/33 oder den Holocaust, und er konstituiert eine Perspektive, in der die Motive und Handlungsweisen Stalins und Hitlers ähnlicher erscheinen, als sie es tatsächlich waren. Dagegen bleibt ein so zentrales Ereignis wie der deutsch-sowjetische Krieg in seiner politisch-militärischen Bedeutung unterbelichtet.

       

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      Detlev Humann: Ordentliche Beschäftigungspolitik? Unterstützungssperren, Drohungen und weitere Zwangsmittel bei der „Arbeitsschlacht” der Nationalsozialisten.

      Die rasche Beseitigung der Arbeitslosigkeit galt als große Erfolgsgeschichte der NS-Diktatur. Kaum bekannt ist indes, welche Druck- und Zwangsmittel das Regime gegenüber Erwerbslosen anwandte, um zu den laut verkündeten Erfolge zu kommen. Denn wer die schlecht entlohnten, aber meist anstrengenden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen ablehnte, fiel für gewöhnlich aus der Erwerbslosenstatistik und erhielt keine Unterstützung mehr. Bei Unterstützungssperren blieb es aber nicht, zuweilen wurden weitere Zwangsmittel angedroht und vor allem dann umgesetzt, wenn das Regime die Propagandaziele der proklamierten „Arbeitsschlacht” gefährdet sah: beispielsweise Unterbringung in einem "Straflager" für Landhelfer oder in einem "Konzentrationslager" für Notstandsarbeiter.


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      Thomas Keiderling: Enzyklopädisten und Lexika im Dienst der Diktatur? Die Verlage F.A. Brockhaus und Bibliographisches Institut ("Meyer") in der NS-Zeit.

      Enzyklopädien repräsentieren das Gesellschaftsbild ihrer Entstehungszeit. Während des Nationalsozialismus wurde diese Literaturgattung aufgrund ihrer politischen Inhalte und großen Medienwirkung durch die Parteiamtliche Prüfungskommission zum Schutze des NS–Schrifttums vor der Veröffentlichung zensiert. Der Beitrag zeigt, wie die Unternehmer der Leipziger Verlage F. A. Brockhaus und Bibliographisches Institut ("Meyer") deswegen mit der zuständigen NS-Behörde verhandelten. Dabei leisteten sie keinen "Widerstand", sondern argumentierten stets mit sachlichen, inhaltsbezogenen Argumenten der Lexikonherstellung. Dem Management von Brockhaus gelang es im Einklang mit der NS-Zensur, ein vergleichsweise liberales Lexikon im Dritten Reich anzubieten. Zudem konnte es aufgrund seiner Kontakte zu einflussreichen NS-Ämtern eine drohende Arisierung abwenden. In der Nachkriegszeit und in der Bundesrepublik Deutschland wandelte das Image beider Lexikonverlage völlig. Der Brockhaus-Verlag in Wiesbaden setzte, auch personell gesehen, fast nahtlos seine Lexikonarbeit fort und veröffentlichte nun tendenziell konservative Lexika. Das Management des Bibliographischen Instituts in Mannheim zog nach seinen Erfahrungen mit der NS-Zeit weitreichende Konsequenzen. Erst in den 1970er Jahren erschien ein liberales Lexikon, erarbeitet von einer jungen Lexikon-Redaktion, das neue Maßstäbe setzte.


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      Mirjam Sprau: Leben nach dem GULAG. Petitionen ehemaliger Häftlinge als Quelle.

      Petitionen sind zunehmend Thema der neueren Forschung zur sowjetischen Zeitgeschichte. Hier sollen sie jedoch einmal nicht als Barometer gesellschaftlicher Anschauungen, sondern als Träger sozialwissenschaftlicher Informationen fungieren: 300 Petitionen an den Obersten Sowjet und den Ministerrat der Sowjetunion bieten einen guten Einblick in die Lebensbedingungen der Menschen, die nach Stalins Tod aus den Lagern des GULAG entlassen wurden. Ihre Erfahrungen divergierten stark. Die große Gruppe ehemaliger Häftlinge, die zu kürzeren Haftstrafen verurteilt worden war, lebte nach ihrer Entlassung unter prekären Bedingungen; Arbeitslosigkeit und fehlender Wohnraum schränkten ihre Rückkehrchancen ein. Einem kleinen Teil der ehemaligen sowjetischen Elite, die häufig jahrelang repressiert worden war, gelang jedoch über die Teilhabe am Petitions-Diskurs manchmal die Rückkehr zu einer gewissen materiellen und sozialen Sicherheit. Die Briefe all dieser Rückkehrer spiegeln eindringlich die Ambivalenzen der sowjetischen Entstalinisierung der 1950er Jahre.


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      Felix Nikolaus Bohr: Flucht aus Rom. Das spektakuläre Ende des "Falles Kappler" im August 1977.

      In der Nacht vom 14. auf den 15. August 1977 gelang dem in Italien inhaftierten deutschen Kriegsverbrecher Herbert Kappler die spektakuläre Flucht aus einem römischen Militärhospital nach Soltau in Niedersachsen. Um den Ablauf und die Hintergründe der Flucht rankten sich seinerzeit zahlreiche Verschwörungstheorien und Mythen. Demnach war Kappler wahlweise mit Wissen der italienischen Behörden freigelassen, durch den deutschen beziehungsweise italienischen Geheimdienst befreit oder als Austauschobjekt für Andreas Baader von der deutschen Terroristengruppe „Roter Morgen” entführt worden. In diesem Aufsatz werden Voraussetzungen und Ablauf der Kappler-Flucht möglichst genau rekonstruiert. Daraufhin folgt eine Analyse der politischen, öffentlichen und medialen Reaktionen auf die Flucht in der Bundesrepublik und Italien. Während die Flucht in Rom ein politisches Erdebeben auslöste, hüllte Bonn sich 11 Tage in Schweigen. Die westdeutschen Medien reagierten sehr zurückhaltend, in Soltau hingegen wurde Kappler mit Blumen und Glückwunschtelegrammen begrüßt, während in Italien die Flucht einen Sturm der Entrüstung nach sich zog. Mediale Berichterstattung und öffentliche Proteste richteten sich hier nicht nur gegen die eigene Regierung, sondern auch gegen die Bundesrepublik und ihre Bürger. Wenige Wochen später begann der „deutsche Herbst”. Schon bald geriet die Kappler-Flucht nahezu in Vergessenheit.

       

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      Gerhard Wettig: Der Kreml und die Friedensbewegung Anfang der achtziger Jahre.

      Aus sowjetischer Sicht war, wie die internen Quellen und auch die faktische Politik belegen, die westliche Friedensbewegung ein äußerst wichtiger Faktor im Ost-West-Konflikt. Dieser Gesichtspunkt bestimmte das Verhältnis zu ihr. Die Frage, inwieweit die UdSSR diese Bewegung für ihre Zwecke einzusetzen vermochte, lässt sich nicht mit dem Hinweis beantworten, dass die Mehrzahl der daran Beteiligten anderen Vorstellungen folgte als der Kreml. Entscheidend ist vielmehr, wie weit sich diese Bewegung – auch entgegen den eigenen Absichten - von der Sowjetunion politisch vereinnahmen ließ und damit deren Ziele gegen die NATO faktisch unterstützte, auch wenn das ihrer Gesinnung eigentlich nicht entsprach.

       

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