Heft 3/2012

Aufsätze:

    • Eva Oberloskamp: Das Olympia-Attentat 1972. Politische Lernprozesse im Umgang mit dem transnationalen Terrorismus. (A)
    • Thies Schulze: Antikommunismus als politischer Leitfaden des Vatikans? Affinitäten und Konflikte zwischen Heiligem Stuhl und NS-Regime Jahr 1933.  (A)
    • Tal Bruttmann, Laurent Joly, and Barbara Lambauer (2012). Der Auftakt zur Verfolgung der Juden in Frankreich 1940: ein deutsch-französisches Zusammenspiel. (A)
    • Stephan Lehnstaedt: Die deutsche Arbeitsverwaltung im Generalgouvernement und die Juden. (A)

    Dokumentation:

    • Dieter Neitzert: Das Amt zwischen Versailles und Rapallo. Rückschau des Staatssekretärs Ernst von Simson. (A)

      Abstracts

      Eva Oberloskamp: Das Olympia-Attentat 1972. Politische Lernprozesse im Umgang mit dem transnationalen Terrorismus.

      Der Anschlag auf die israelische Herrenmannschaft der während der Münchner Olympiade 1972 traf die Bundesrepublik gänzlich unvorbereitet; das improvisierte Krisenmanagement konnte den katastrophalen Ausgang der Geiselnahme mit 17 Todesopfern und vielen Verletzten nicht verhindern. Eva Oberloskamp geht in ihrem Aufsatz der Frage nach, inwieweit der Schock des Olympia-Attentats in der Bundesrepublik Lernprozesse in Gang setzte. Sie zeigt, dass die kurzfristigen politischen Reaktionen teilweise unter Rückgriff auf ältere Erfahrungen und Handlungsmuster erfolgten – etwa im Rekurs auf eine restriktivere Ausländerpolitik und in der Bereitschaft zur Freilassung der Attentäter. Längerfristig jedoch stieß das Olympia-Attentat die Suche nach neuen Möglichkeiten zur Abwendung terroristischer Bedrohungen an. Eine wichtige Folge war die Gründung polizeilicher Spezialeinheiten wie der GSG 9 oder den SEK’s. Darüber hinaus war der Anschlag wesentlicher Auslöser für bundesdeutsche Bemühungen um eine internationale Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung.

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      Thies Schulze: Antikommunismus als politischer Leitfaden des Vatikans? Affinitäten und Konflikte zwischen Heiligem Stuhl und NS-Regime Jahr 1933.

      Papst Pius XI. äußerte Anfang März 1933 zu verschiedenen Gelegenheiten, Hitler sei der einzige Staatsmann, der etwas gegen den Kommunismus unternehme. Seine Aussagen waren keinesfalls spontan und unbedacht, wie einige seiner Gesprächspartner vermuteten. Vielmehr gaben sie der Hoffnung Ausdruck, mit der neuen Regierung in Deutschland einen Bündnisgenossen gegen die kommunistische Bedrohung – und gegen einen mit ihr angeblich einhergehenden sittlichen Verfall – gewinnen zu können. Obwohl die Phase der Annäherung an Deutschland, die der Papst nach dem Reichstagsbrand einleitete, nur wenige Wochen dauerte und Pius XI. seit Ende April 1933 merklich von seinem eher wohlwollenden Blick auf die deutsche Politik abrückte, war sie durchaus wichtig für das Verhältnis von Kirche und Staat im Dritten Reich. Denn in ihr wurden wesentliche Weichenstellungen vorgenommen, insbesondere die Aufnahme der Verhandlungen für das Reichskonkordat. Der Aufsatz untersucht die Motive, die dem päpstlichen Deutschland-Bild zugrunde lagen, und geht insbesondere der Frage nach, welche innen- und außenpolitischen Zielvorstellungen sich damit verbanden. Er erörtert die Gründe für die erneute Revision der päpstlichen Politik seit Mai 1933. Schließlich gibt er einen Ausblick auf die späteren Jahre des NS-Regimes und diskutiert, ob und inwiefern antikommunistische Motive die päpstliche Politik auch nach 1933 beeinflussten.


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      Tal Bruttmann, Laurent Joly, and Barbara Lambauer: Der Auftakt zur Verfolgung der Juden in Frankreich 1940: ein deutsch-französisches Zusammenspiel.

      Warum veröffentlichten der deutsche Militärbefehlshaber in Frankreich und die französische Regierung in Vichy fast zeitgleich im Herbst 1940 antijüdische Verordnungen? Welche Einflüsse wirkten auf beiden Seiten? Agierte jede Seite unabhängig von der anderen? Eine Überprüfung der vorhandenen Quellen zeigt, dass die deutsche Militärverwaltung eine Sonderbehandlung der jüdischen Bevölkerung nicht von Anfang an ins Auge fasste und dass ihre ersten Maßnahmen nicht ohne Zögern erfolgten. Im unbesetzten Gebiet verfolgten französische Regierungsmitglieder im Sommer 1940 ihre eigenen Pläne einer antisemitischen Gesetzgebung. Die Ankündigung der deutschen Schritte störte dies eher. Im Endeffekt führten diese verschiedenen Initiativen aber zur Beschleunigung der Maßnahmen gegen Juden auf dem gesamten französischen Staatsgebiet.


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      Stephan Lehnstaedt: Die deutsche Arbeitsverwaltung im Generalgouvernement und die Juden.

      Die deutsche Arbeitsverwaltung war im Generalgouvernement Polen von Sommer 1940 bis Mitte 1942 auch für jüdische Arbeit zuständig. Sie etablierte ein System der Erfassung, Vermittlung und Entlohnung der Juden, das nach gewissen Anlaufschwierigkeiten umfassend Anwendung fand. Die Arbeitsämter setzten auf freiwillige Beschäftigungsverhältnisse, die gezielt die Notlage der ghettoisierten Juden ausnutzten. Gleichzeitig wurde Zwangsarbeit abgelehnt, ihr ökonomischer Nutzen erschien zu gering. Von der Jahreswende 1940/41 bis Mitte 1942 waren deshalb 80 bis 90 Prozent der arbeitenden Juden weitgehend aus eigenem Willen und gegen Entlohnung (in Form von Bargeld oder Nahrungsmitteln) tätig. Die Löhne waren indes weder angemessen noch ausreichend. Trotzdem wurde ihre Arbeitskraft halbwegs erhalten und vor allem eine maximale Ausbeutung erreicht. Die deutsche Arbeitsverwaltung erwies sich dabei als eine Art systeminterner „Agent” der jüdischen Arbeitskräfte, der wenn auch nicht deren Rechte, so doch ihre Belange aus Eigeninteresse wahrte. Für die nationalsozialistische Kriegswirtschaft war diese Ausbeutung der Juden die effizienteste Methode. Dennoch zeigte sich im Sommer 1942 einmal mehr der Primat der Ideologie über die Ökonomie, denn trotz der umfangreichen und nutzbringenden Arbeit der polnischen Juden begann deren Vernichtung.


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      Dieter Neitzert: Das Amt zwischen Versailles und Rapallo. Rückschau des Staatssekretärs Ernst von Simson.

      In seinen jüngst bekannt gewordenen Erinnerungen berichtet Ernst von Simson kurz vor seinem Tod 1941 über seine Tätigkeit als Leiter der Rechtsabteilung und als Staatssekretär für wirtschaftliche Angelegenheiten im Auswärtigen Amt während der Jahre 1918-1922. Dabei spricht er über die internationalen Spannungen, die vor allem aus dem Versailler Vertrag resultierten, und seine Politik gegen die Auslieferung deutscher Offiziere. Ihm fiel es zu, als deutscher Vertreter die Ratifikationsurkunde des Versailler Vertrags zu unterzeichnen. Seine Erinnerungen an die Konferenzen in Spa 1920 und London 1921 veranschaulichen die kalte Atmosphäre der ersten Nachkriegsverhandlungen und enden mit der detaillierten Darstellung der Wirtschaftskonferenz von Genua 1922. Dabei bekennt sich von Simson zu seiner persönlichen Beteiligung am Zustandekommen des deutsch-russischen Vertrags von Rapallo, den er fast zwanzig Jahre nach dem Abschluss weiterhin positiv beurteilt.


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