Heft 4/2012

Aufsätze:

  • Tobias Hof: Die Tagebücher von Galeazzo Ciano. (A)
  • Vasilij L. Černoperov: Viktor Kopp und die Anfänge der sowjetisch-deutschen Beziehungen 1919 bis 1921.  (A)
  • Sönke Kunkel: Zwischen Globalisierung, Internationalen Organisationen und “global governance”. Eine kurze Geschichte des Nord-Süd-Konflikts in den 1960er und 1970er Jahren. (A)
  • Thomas Riegler: Das Spinnennetz des Internationalen Terrorismus. Der „Schwarze September” und die gescheiterte Geiselnahme von Schönau 1973. (A)

 

Dokumentation:

  • Andrea Löw: Hilferufe aus dem besetzten Polen. Briefe deportierter Wiener Juden vom Herbst 1939 bis zum Frühjahr 1940. (D)

    Abstracts

    Tobias Hof: Die Tagebücher von Galeazzo Ciano.

    Die Tagebücher von Galeazzo Ciano, italienischer Außenminister von 1936 bis 1943 und Schwiegersohn von Benito Mussolini, zählen zu den wichtigsten Zeugnissen der faschistischen Epoche. Trotz ihrer unbestrittenen Bedeutung liegt bis heute keine quellenkritischen Edition vor, die wissenschaftlichen Ansprüchen genügt. Im Gegenteil: Ein akribischer Vergleich der veröffentlichten Editionen mit den Originalfotografien der Aufzeichnungen macht deutlich, wie ungenau und fehlerbehaftet die heute vorliegenden Publikationen sind. Deswegen muss entschieden vor einem allzu kritiklosen Umgang mit den publizierten Versionen der Tagebücher gewarnt werden. Erst eine aufwändige kritische Edition wird es ermöglichen, eines der bedeutendsten Egodokumente der faschistischen Epoche für die Forschung in zuverlässiger Form aufzubereiten. Denn auch den Tagebüchern selbst wohnen Widersprüche inne, die bislang meist übersehen oder als unwichtig abgetan wurden. Exemplarisch werden daher Stellen des Tagebuchs mit Memoiren und Archivalien in Beziehung gesetzt, um diese Probleme zu veranschaulichen. Die Schilderung der abenteuerlichen Überlieferungsgeschichte der Aufzeichnungen von ihrer Entstehung bis hin zur Veröffentlichung sowie die Analyse der unterschiedlichen Interessen aller Beteiligten – von Galeazzo Ciano über seine Frau Edda Ciano bis hin zum amerikanischen Geheimdienst – geben erste Hinweise darauf, wie diese Ungereimtheiten zu erklären sind.

     

     

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    Vasilij L. Černoperov: Viktor Kopp und die Anfänge der sowjetisch-deutschen Beziehungen 1919 bis 1921.

    Zwischen dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrussland am 5.November 1918 und ihrer spektakulären Wiederaufnahme mit dem Vertrag von Rapallo am 16. April 1922 herrschte zwischen Moskau und Berlin keineswegs Funkstille. Die Gegnerschaft gegen das Versailler System der Siegermächte und den aus ihm hervorgegangenen polnischen Staat, bildete eine gemeinsame Interessenbasis. Viktor Kopp, ein Revolutionär und Diplomat, der von 1919 bis 1921 die Sowjetrussland in Berlin vertrat, knüpfte auf dieser Grundlage Kontakte nicht nur zur Reichsregierung, sondern auch zu hohen Militärs und Vertretern nationalistischen Kreisen. Er verfolgte dabei zeitweilig ein eigenwilliges außenpolitisches Konzept: Mittels einer konfliktverschärfenden Strategie sollte ein deutsch-sowjetischer Krieg gegen Polen und in der Folge auch gegen Frankreich provoziert werden, der in letzter Konsequenz den ersehnten Durchbruch der „Weltrevolution” nach Westen zur Folge haben sollte. Daraus wurde bekanntlich nichts, doch sollten sich Kopps weitgespannte Kontakte in der Folge als sehr nützlich für die Anbahnung der geheimen militärischen Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee erweisen. Der Historiker Vasilij Černoperov aus Ivanovo rekonstruiert Kopps Aktivitäten und nicht immer unumstrittene Position im außenpolitischen Apparat des Sowjetrusslands anhand zahlreicher, lange unzugänglicher Quellen aus russischen Archiven.

     


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    Sönke Kunkel: Zwischen Globalisierung, Internationalen Organisationen und “global governance”. Eine kurze Geschichte des Nord-Süd-Konflikts in den 1960er und 1970er Jahren.

    Neben dem Ost-West-Konflikt war der Nord-Süd-Konflikt die wichtigste globale Auseinandersetzung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Beitrag beschreibt am Beispiel der United Nations Conference on Trade and Development (UNCTAD) wie sich dieser Konflikt im Zuge der Dekolonisierung in internationale Organisationen verlagerte. Er zeigt auf, dass er sich in den 1960er- und 1970er Jahren zunehmend um die Frage drehte, ob und wie Globalisierung reguliert werden sollte und untersucht, wie sich Institutionen wie die UNCTAD und die Vereinten Nationen im Nord-Süd-Konflikt behaupteten. Der Nord-Süd-Konflikt und die UNCTAD waren dabei zugleich Abbild und Katalysator eines grundlegenden Wandels des internationalen Systems hin zu einem komplexen Mehrebenensystem, in dem Akteure wie internationale Organisationen, Nicht Regierungsorganisationen und Expertengruppen seit den frühen 1960er Jahren eine immer wichtigere Rolle zu spielen begannen.

     


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    Thomas Riegler: Das Spinnennetz des Internationalen Terrorismus. Der „Schwarze September” und die gescheiterte Geiselnahme von Schönau 1973.

    Anfang 1973, nur wenige Monate nach der Geiselnahme während der Olympischen Spiele in München, plante die palästinensische Terrororganisation „Schwarze September” einen weiteren aufsehenerregenden Anschlag: Einen Überfall auf ein Transitlager jüdischer Auswanderer in Schönau (Österreich). Die Operation scheiterte jedoch bereits im Vorbereitungsstadium: Zwei Teams, die getrennt nach Wien reisten, wurden kurze Zeit später verhaftet. Die Ermittlungen der Behörden erbrachten erstmals einen umfassenden Einblick in die terroristische Struktur des „Schwarze September” in Westeuropa und seine Verbindungen über Paris und Genf in den Libanon. Außerdem stellte sich heraus, dass einige Europäer, darunter Rechtsextremisten, ihn vor Ort unterstützt hatten. Diese bemerkenswerte Episode aus der Frühphase des transnationalen Terrorismus wurde bislang nur in einigen Publikationen beiläufig erwähnt und in den Details oft unkorrekt dargestellt. Auf Basis umfassender Recherchen in der Stiftung Bruno Kreisky Archiv, im Österreichischen Staatsarchiv/Archiv der Republik, im Schweizerischen Bundesarchiv (sowie in der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes wird das Geschehen nun erstmals genau rekonstruiert.

     

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    Andrea Löw: Hilferuf aus dem besetzten Polen. Briefe deportierter Wiener Juden vom Herbst 1939 bis zum Frühjahr 1940.

    Im Oktober 1939, unmittelbar nach Beginn des Zweiten Weltkriegs, ließ Adolf Eichmann knapp 1600 Juden aus Wien in die Nähe von Nisko am San im Osten der eroberten polnischen Gebiete deportieren, die dort weitgehend sich selbst überlassen wurden. Viele irrten tagelang herum, kamen schließlich ohne Gepäck in kleineren Ortschaften unter und mussten sich dort eine notdürftige Existenz sichern. In ihrer verzweifelten Lage schrieben viele von ihnen Briefe an die Israelitische Kultusgemeinde in Wien, in denen sie um Hilfe baten, aber auch den jüdischen Repräsentanten in der Heimat bittere Vorwürfe machten: Diese kümmerten sich nicht um sie, ja sogar, sie seien verantwortlich für die Deportationen. Dieser Eindruck hatte entstehen können, weil Eichmann und seine Kollegen die Kooperation der Verantwortlichen der Gemeinde bei den Vorbereitungen der Transporte erzwungen hatten. Die späteren großen Konflikte zwischen den Judenräten und der Bevölkerung in den Gettos sind hier gewissermaßen schon vorweg genommen, die Argumentationsmuster auf beiden Seiten sehr ähnlich, mitunter fast gleichlautend.

     


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