Heft 4/2015

Aufsätze:

  • Heinrich August Winkler: Von der deutschen zur europäischen Frage. Gedanken zu einem Jahrhundertproblem. (A)
  • Alexander Wolz: Das Auswärtige Amt und die deutsche Entscheidung zur Remilitarisierung des Rheinlands. (A)
  • Yfaat Weiss: Von Prag nach Jerusalem. Jüdische Kulturgüter und israelische Staatsgründung. (A)
  • Viola Balz und Ulrike Klöppel: Wendung nach Innen. Sozialpsychiatrie, Gesundheitspolitik und Psychopharmaka in der Deutschen Demokratischen Republik 1960-1989. (A) 
  • Paul Köppen: Weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Zur Verweigerung einer quellenbasierten Diskussion über Heinrich Brünings Sparpolitik. (Dis)
  • Johannes Hürter und Matthias Uhl: Hitler in Vinnica. Ein neues Dokument zur Krise im September 1942. (D)

Abstracts

Heinrich August Winkler: Von der deutschen zur europäischen Frage. Gedanken zu einem Jahrhundertproblem

Fast 200 Jahre lang, von der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation im Jahr 1806 bis zur Wiedervereinigung Deutschlands, hat sich Europa immer wieder mit der „deutschen Frage“ auseinandersetzen müssen. Eine Lösung brachte erst der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland am 3. Oktober 1990: Deutschland wurde in den Grenzen von 1945 „in Frieden und Freiheit“ wiedervereinigt; seine Mitgliedschaft in der NATO beantwortete die deutsche Frage als Problem der europäischen Sicherheit. Mittlerweile kursiert jedoch das Wort von der „neuen deutschen Frage“, die aus der vermeintlich hegemonialen Stellung der Bundesrepublik innerhalb der Europäischen Union erwachse. Doch ist die deutsche Frage tatsächlich in neuer Form zurückgekehrt – oder ist nicht vielmehr die europäische Frage weiterhin so offen, wie man sie 1991 beim Abschluss des Vertragswerks von Maastricht gelassen hat?

 

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Alexander Wolz: Das Auswärtige Amt und die deutsche Entscheidung zur Remilitarisierung des Rheinlands

 

Die Wiederbesetzung der entmilitarisierten Zone im Rheinland am 7. März 1936 ist ein wichtiger Wendepunkt in der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs. Der Coup festigte die Stellung des nationalsozialistischen Regimes im Innern wie nach außen, so dass es von diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit mehr gab, Hitlers Kriegswillen zu bändigen und das Deutsche Reich ohne Krieg in die Schranken zu weisen. Dabei waren die genauen Umstände der Rheinlandkrise bislang unklar. Erst die Analyse der Konzeptionen, die das Auswärtige Amt mit dem Locarnopakt verband, zeigt die Motivkette, die der Krise ursächlich zu Grunde lag. Nach 1933 waren die Diplomaten zunächst bereit, am Locarnopakt festzuhalten. Doch der Austritt aus dem Völkerbund und Gerüchte, England und Frankreich hätten sich in einem Militärbündnis zusammengeschlossen, nährten die Zweifel, ob der Locarnopakt rechtlich und politisch noch gültig sei. Als der Versuch Deutschlands gescheitert war, die anderen Mächte auf eine Modifizierung Locarnos festzulegen, sah man im Auswärtigen Amt keine Alternative zur Aufsagung des Pakts. Während die Diplomaten einen politischen Schritt planten, entschloss sich Hitler, die Kündigung Locarnos mit einer militärischen Aktion zu verbinden, und formte damit einen Gewaltcoup, wie er für die nationalsozialistische Außenpolitik charakteristisch werden sollte.
 

 

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Yfaat Weiss: Von Prag nach Jerusalem. Jüdische Kulturgüter und israelische Staatsgründung

 

Vor dem Hintergrund zweier, im Jahre 2012 in Israel durchgeführter Gerichtsverfahren untersucht dieser Beitrag die Ansprüche, die auf jüdische Kulturgüter, die nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Holocaust nach Jerusalem verbracht wurden, sowie die Rechtfertigungen dieser Maßnahmen. Der Prozess vor dem Familiengericht in Tel Aviv um den Nachlass von Max Brod hat erhebliches Aufsehen erregt, weniger bekannt ist das Verfahren vor dem Bezirksgericht in Jerusalem, bei dem die Israelitische Kultusgemeinde zu Wien auf die Herausgabe des nach dem Kriege nach Israel überführten dortigen Gemeindearchivs geklagt hat. Der Aufsatz stellt diese Fälle mit dem Transfer von deutsch-jüdischen Kulturschätzen in Verbindung, die nach dem Raub durch die Nationalsozialisten nach dem Krieg in der Tschechoslowakei aufgefunden wurden. Indem er sie für sich beanspruchte, manifestierte der junge jüdische Staat seinen Anspruch auf die kollektive Vertretung der Juden.

 

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Viola Balz/Ulrike Klöppel: Wendung nach Innen. Sozialpsychiatrie, Gesundheitspolitik und Psychopharmaka in der Deutschen Demokratischen Republik, 1960-1989

 

Der Beitrag beschäftigt sich mit den Reformbemühungen in der DDR bezüglich der Psychiatrie zwischen 1960 und 1989. Aufgrund von bisher unausgewerteten Archivunterlagen des Gesundheitsministeriums sowie psychiatrischer Publikationen haben wir rekonstruiert, wie sich der Staat und die Psychiater bemühten, die psychiatrische Fürsorge zu verändern. Während der 1960er wurde einigen reformorientierten Krankenhausärzten ein gewisser Einfluss auf die Planung der psychiatrischen Fürsorge eingeräumt, der ab den 1970ern zugunsten einer Handvoll parteitreuer Psychiater eingeschränkt wurde. Um die Psychiatrie in Richtung rehabilitativer Formen der Fürsorge weiterzuentwickeln, förderten die Reformer psychotrope Medikamente, um die Patienten zu mobilisieren. Tatsächlich stellte sich heraus, dass diese hauptsächlich zu sedativen Zwecken eingesetzt wurden. Eine andere Maßnahme, um die psychiatrischen Anstalten zu leeren, war die Gesundheitserziehung. Damit wurde das Risiko, eine psychische Störung zu entwickeln oder dass sich eine Störung verfestigte, an die Eigenverantwortung der Staatsbürger delegiert.

 

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Paul Köppen: Weil nicht wahr sein kann, was nicht wahr sein darf. Zur Verweigerung einer quellenbasierten Diskussion über Heinrich Brünings Sparpolitik

 

Trotz aussagekräftiger Archivmaterialen und eines recht eindeutigen Forschungsstandes behauptet Knut Borchardt, einer der einflussreichsten Wirtschaftshistoriker Deutschlands, im jüngsten Aprilheft der VfZ kurzerhand, dass es 1930 keine ernstzunehmenden finanziellen Hilfsangebote Paris an Deutschland gegeben hat. Damit will er offenbar um jeden Preis an seiner inzwischen recht traditionellen Sichtweise auf Heinrich Brünings Kanzlerschaft festhalten, nach der die damalige Sparpolitik aufgrund von „Zwangslagen“ letztlich alternativlos gewesen sei. Dabei legen gerade die persönlichen Äußerungen Brünings – zeitgenössisch wie aus der Rückschau – andere Interpretationen zumindest nahe. Borchardt wird sich wohl am Ende damit abfinden müssen, dass es Historiker gibt, die bereit sind, diese Quellen ernst zu nehmen.

 

 

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Johannes Hürter/Matthias Uhl: Hitler in Vinnica. Ein neues Dokument zur Krise im September 1942

Der September 1942 war ein Kulminationspunkt des Zweiten Weltkriegs. In diesem Monat verfehlte der zweite deutsche Ostfeldzug das Ziel, die Sowjetunion entscheidend zu schwächen und mit dem kaukasischen Erdöl eine Schlüsselressource für die erfolgreiche Weiterführung des Krieges zu erobern. Wie das Deutsche Reich in einem globalisierten Krieg bestehen könne, wurde endgültig zu einem unlösbaren Rätsel. Die Enttäuschung über diese operative wie strategische Entwicklung entlud sich in einem heftigen Konflikt Hitlers mit seinen Generalen, denen er die Schuld an den Misserfolgen gab. Ein im Archiv des russischen Verteidigungsministeriums neu entdecktes Besprechungsprotokoll gibt die Haltung Hitlers in diesem Streit erstmals unmittelbar wieder. Das Dokument zeigt einen Diktator, dem die strategischen Konzepte ausgingen, der aber zugleich seine militärische Befehlsallmacht durchsetzte und damit eine Voraussetzung dafür schuf, dass die Wehrmacht ihrem „Führer-Feldherrn“ in die totale Niederlage folgte.

 

 

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