Dr. Oetker und der Nationalsozialismus

Der Bielefelder Lebensmittelkonzern Dr. August Oetker zählt seit Jahrzehnten zu den traditionsreichen Familienunternehmen Deutschlands. Doch welche Rolle spielte die Firma in der Zeit des Nationalsozialismus? Erstmals hat der Konzern Historikern uneingeschränkten Zugang zum Oetker-Firmenarchiv gewährt.

 

Seit 2009 erforschten Prof. Dr. Andreas Wirsching, Dr. Jürgen Finger und Dr. Sven Keller die Firmengeschichte während des „Dritten Reichs“. Die Ergebnisse ihrer Forschungen präsentierten die Autoren im Institut für Zeitgeschichte.

Als zentrale Figur der Firmengeschichte während der NS-Diktatur gilt Richard Kaselowsky, der das Unternehmen zwischen 1920 und 1944 leitete.  Jürgen Finger und Sven Keller stellten die engen persönlichen und ideologischen Beziehungen zwischen Richard Kaselowsky und dem Nationalsozialismus heraus. Kaselowsky, Stiefvater des jungen Unternehmenserben Rudolf-August Oetker, war seit 1933 Mitglied der NSDAP und versuchte, die nationalsozialistische Ideologie in seinem persönlichen Wirkungskreis aktiv umzusetzen. Hierbei, so das Historikerteam, seien insbesondere im Bereich der Sozial- und Gesellschaftspolitik zahlreiche Gemeinsamkeiten mit der NS-Ideologie auszumachen. „Kaselowsky wollte das Ideal einer arischen Volksgemeinschaft in seinem Betrieb umsetzen, und das nicht zur zu propagandistischen Anlässen, wie etwa Firmenjubiläen, sondern vor allem im Unternehmensalltag.“, erklärte Finger. Die betriebliche Sozialpolitik bei Dr. Oetker habe im Rahmen einer sozialen Betriebsarbeit nationalsozialistischen Vorstellungen entsprochen. 1937 wurde der Puddingpulverhersteller so auch als NS-Musterbetrieb ausgezeichnet.

Mitglied im Freundeskreis Reichsführer SS

Zum Wohle der nationalsozialistischen Partei habe Kaselowsky teilweise sogar unternehmerische Nachteile in Kauf genommen, etwa beim wirtschaftlich nicht rentablen Verkauf der Westfälischen Neuesten Nachrichten an die NSDAP. Auch war Kaselowsky Mitglied im „Freundeskreis Reichsführer SS“,  einem elitären Netzwerk deutscher Wirtschaftsvertreter und hochrangiger SS-Führer.

Obgleich Kaselowsky demnach zu einer wichtigen Stütze der NS-Gesellschaft geworden sei, fiele die Bedeutung von „ Arisierungen" und Zwangsarbeit für Dr. Oetker vergleichsweise gering aus. „Der nur marginale Einsatz von Zwangsarbeitern erklärt sich vor allem daraus, dass bei Dr. Oetker hauptsächlich junge Frauen beschäftigt waren und es so im Laufe des Krieges anders als in der Rüstungsindustrie nicht zu einem Arbeitskräftemangel kam“, erläuterte Keller.

Oetker – Verlierer oder Profiteur der NS-Kriegswirtschaft?

Werner Plumpe, Professor für Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte an der Uni Frankfurt, ergänzte die Ausführungen, indem er die Ergebnisse der Studie vergleichend in die allgemeine NS-Wirtschaftsgeschichte einordnete. „Dr. Oetker gehörte sicherlich eher zu den relativen Verlierern der NS-Wirtschaftspolitik, die vor allem auf der Rüstungsindustrie basierte“, so die These Plumpes.  Der Versuch Kaselowskys, vor allem durch Verbandsarbeit eine persönliche Nähe zu wichtigen NS-Wirtschaftspolitikern herzustellen und so die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik in seinem Sinne zu beeinflussen, erkläre sich vor allem aus der wirtschaftlichen Unsicherheit des Unternehmens bzw. durch die schrumpfende volkswirtschaftliche Bedeutung der Konsumgüterindustrie für den NS-Staat.

In der anschließenden Diskussion mit dem Publikum standen insbesondere die Bewertung von Zwangsarbeit und Arisierungen sowie die wirtschaftliche Situation Dr. Oetkers in den Kriegsjahren im Mittelpunkt. Während Andreas Wirsching auf den Umsatzanstieg des Backpulverherstellers in den Kriegsjahren hinwies, betonte Plumpe die relativ geringe Relevanz der Nahrungsmittelindustrie für die NS-Wirtschaftspolitik und das Problem des Rohstoffmangels durch die nationalsozialistische Autarkiepolitik. Aber auch die Bedeutung der Selbstmobilisierung für die Stabilität des NS-Regimes wurde an Hand Richard Kaselowskys diskutiert.



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