Der Vergangenheit eine Stimme leihen: Der „Tag der Quellen“ im Münchner Volkstheater

So ein junges Publikum und ein so reges Kommen und Gehen wie am 7. November wird es im Münchner Volkstheater lange nicht gegeben haben. Schülerinnen und Schüler von 14 Münchner Schulen lasen dort unter dem Motto „Tag der Quellen“ Originaldokumente von Kindern und Jugendlichen aus der Zeit des Holocaust vor, die das Institut für Zeitgeschichte gemeinsam mit dem Bundesarchiv sowie der Universität Freiburg und der FU Berlin in der Edition “Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ gesammelt hat.

 

Die intensive Auseinandersetzung der Schüler mit den vorgetragenen Texten und die Ergänzung des zahlen- und faktenlastigen Geschichtsunterrichts durch die individuellere Sichtweise der Quellen zahlten sich aus. In eindrucksvollen und individuellen Performances, die teilweise Musik und Bilder mit einbanden, verliehen die Schülerinnen und Schüler den Quellen ihre Stimme und trugen so dazu bei, die Erinnerungen an den Holocaust und insbesondere die Reichspogromnacht am Leben zu halten. „Man konnte sich beim Lesen der Quellen viel besser in die individuelle Situation der betroffenen Jugendlichen hineinversetzen“, erzählte eine Schülerin. „Wir waren alle total schockiert, wie schrecklich der Alltag für jüdische Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus war“.

 

Begleitet wurde der „Tag der Quellen“ von einer von Münchner Schülerinnen und Schülern selbst konzipiert und erarbeiteten Ausstellung zum Thema „Jugend und Nationalsozialismus“.

 

Den Stab der Erinnerung weiterreichen: Die „Nacht der Zeitzeugen“

 

Am Abend gehörte die Bühne des Volkstheaters den Zeitzeugen. Andreas Bönte vom Bayerischen Rundfunk sprach mit Überlebenden des Holocaust. Die Begegnung mit Charlotte Knobloch und Heinz Hesdörffer als Zeitzeugen ermöglichte einen Einblick in die alltäglichen Folgen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik für das Leben von betroffenen Kindern und Jugendlichen.

 

„Ich habe schon früh gemerkt, dass ich als Jüdin anders war als andere Kinder“, so Knobloch „Irgendwann durfte ich nicht mehr mit den Nachbarskindern spielen und wurde beschimpft.“ Ähnliche Erfahrungen machte auch Hesdörffer, der als bester Schüler mit einem Bücherpreis ausgezeichnet hätte werden sollen, den Preis als Jude aber nicht annehmen durfte. Beide Zeitzeugen schilderten außerdem eindrücklich, wie sie persönlich den 9. November 1938 in Erinnerung haben und wie es ihnen gelang, den Holocaust als Jugendliche zu überstehen. Knobloch wurde von ihrem Vater bei einer Bekannten auf dem Land untergebracht, die sie als das eigene uneheliche Kind ausgab, während Hesdörffer fünf Konzentrationslager und einen Todesmarsch überlebte. „Ich weiß nicht, woher ich damals die Kraft nahm“, erklärte Hesdörffer. „Ich musste einfach durchhalten“.

 

Beiden Zeitzeugen sei es ein persönliches Anliegen, gerade mit Jugendlichen über ihre Erlebnisse während des Holocausts zu sprechen. „Die Zeit der Zeitzeugen wird bald vorbei sein“, so Knobloch. „Wir geben den Stab der Erinnerung daher jetzt an die nächste Generation weiter, so dass einer Wiederholung solcher unmenschlichen Grausamkeiten vorgebeugt werden kann“.



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