Faulhabers Tagebuch aus dem Jahr 1936 online

Kardinal beschreibt Unterredung mit Hitler auf dem Obersalzberg

 

Die Tagebücher des früheren Erzbischofs von München und Freising, Michael Kardinal von Faulhaber, die seit 2015 in einer Online-Edition zugänglich gemacht werden, sind um einen weiteren Jahrgang ergänzt worden: Auf der Seite https://www.faulhaber-edition.de/ hat das Forscherteam des Instituts für Zeitgeschichte München−Berlin und des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte der Universität Münster nun den Jahrgang 1936 freigeschaltet.
 

Einen frühen Höhepunkt erreichte das Jahr 1936 für Kardinal Faulhaber mit den Feierlichkeiten zu seinem 25. Bischofsjubiläum im Februar. Bischöfe, Äbte, Priester und Gläubige kamen aus ganz Bayern, um an dem prachtvollen Zeremoniell teilzunehmen, in dem sich der gesellschaftliche Anspruch der katholischen Kirche deutlich manifestierte. „Bei der Rückfahrt so starke Ovation, daß der Wagen nicht vom Fleck kommt, ganz langsam zurückfahren muß und am Thor nicht hereinfahren kann, also zu Fuß und fast erdrückt“, hielt Faulhaber am 16. Februar in seinem Tagebuch fest.

Doch diese Momente persönlicher Genugtuung konnten nicht über die schwierige Lage der katholischen Kirche im Jahr 1936 hinwegtäuschen. Der NS-Staat setzte seinen Kampf gegen diese mit unverminderter Härte fort. Der Abbau des Lehrpersonals an theologischen Hochschulen und kirchlichen Schulen und deren folgende Schließungen, die fortschreitende Auflösung der Bekenntnisschulen sowie die Beschlagnahmen bischöflicher Hirtenbriefe illustrieren dies beispielhaft. Am 13. Juni notierte Faulhaber desillusioniert: „In diesen Tagen Übergang des schleichenden Kulturkampfes zum offenen. Aber Bischof sah das kommen.“


Treffen auf dem Obersalzberg

Um das sich rapide verschlechternde Verhältnis zwischen NS-Staat und Kirche zu verbessern, bemühte sich Faulhaber über Vertraute, ein persönliches Treffen mit Adolf Hitler zu arrangieren. Am 4. November 1936 kam es auf dem Obersalzberg zur Aussprache mit dem Diktator. Bisher unbekannte Beiblätter zum Tagebuch erweitern den Kenntnisstand über Ablauf und Inhalt der Zusammenkunft entscheidend. In der mehrstündigen Unterredung, die Faulhaber ausführlich und in bislang nicht gekannter Tiefe dokumentierte, gab „der Führer“ (Faulhaber) Einblicke in seine Anschauungen zum Verhältnis von Nationalsozialismus und Kirche sowie seine außen- und innenpolitischen Aktivitäten, Vorstellungen und Pläne. Mehrmals verlor Hitler dabei die Beherrschung.

Für einige Wochen glaubte Faulhaber, dass sich das Verhältnis zwischen NS-Staat und Kirche entspannen könnte, hatte Hitler sich ihm und seinen Anliegen gegenüber doch überwiegend konziliant gezeigt. Die Hoffnung trog. Anfang 1937 begannen die Arbeiten an der päpstlichen Enzyklika „Mit brennender Sorge“.



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