Ausgezeichnet

Carlos Haas erhält den Leibniz-Promotionspreis

Carlos Haas hat in Berlin den Leibniz-Promotionspreis in der Kategorie Geistes- und Sozialwissenschaften erhalten. Die Leibniz-Gemeinschaft würdigte damit auf ihrer Jahrestagung die herausragende Doktorarbeit des IfZ-Historikers über das Leben in jüdischen Gettos während des Zweiten Weltkriegs.

Der Promotionspreis der Leibniz-Gemeinschaft wird jährlich für die besten Doktorarbeiten aus Leibniz-Instituten in den Kategorien „Geistes- und Sozialwissenschaften“ und „Natur- und Technikwissenschaften“ vergeben. Er ist mit jeweils 3.000 Euro dotiert. Die Auswahl der Preisträgerinnen und Preisträger trifft die elfköpfige Leibniz-Preisjury, die aus Personen des öffentlichen Lebens und leitenden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern unter dem Vorsitz von Leibniz-Präsident Matthias Kleiner besteht, aus den Vorschlägen der wissenschaftlichen Sektionen der Leibniz-Gemeinschaft.

In seiner Dissertation zum Thema „Das Private im Getto. Transformationen jüdischen privaten Lebens in den Gettos von Warschau, Litzmannstadt, Tomaschow und Petrikau 1939-1944“ hat Carlos Haas den Wandel untersucht, dem das private Leben jüdischer Gettobewohner im von Deutschland besetzten Polen unterlag. Wesentliche Grundlage der Arbeit sind zeitgenössische „Ego-Dokumente“, also Tagebücher, Briefe, Postkarten und Ähnliches. Damit leistet die Studie einen wichtigen Beitrag zur jüngsten Gettoforschung, die den Blick auf die Opfer richtet und nicht – wie lange Zeit – auf die Täter. Da von Privatheit im heute landläufigen Verständnis in den jüdischen Gettos kaum die Rede sein konnte, definierte Carlos Haas den Begriff als Set sozialer Praktiken, mit denen je nach Situation Nähe oder Distanz hergestellt wurde. Haas‘ Analyse ergab dabei, dass sich private und öffentliche Praktiken häufig konterkarierten: So konnten ursprünglich öffentliche Dinge wie Schulunterricht oder Gottesdienste nur noch in geschützten Räumen mehr oder weniger verborgen stattfinden, während etwa vertrauliche Gespräche aufgrund der drängenden Fülle in den Wohnunterkünften nur noch im öffentlichen Raum möglich waren. Gerade das Schreiben eröffnete vielen Gettobewohnern eine Möglichkeit, in einer fremdbestimmten Umwelt einen Ausdruck von Selbstbestimmung und Autonomie zu finden. So legt die Arbeit auch dar, dass die betroffenen Juden nicht nur passive Opfer waren, sondern trotz der existenzbedrohenden Situation durchaus aktiv versuchten, eigene „private“ Prioritäten zu setzen.
Carlos Haas (33) hat Mittlere und Neuere Geschichte sowie Musikwissenschaft an der Universität Heidelberg und in Rom studiert. Das Promotionsvorhaben am Institut für Zeitgeschichte und der Ludwig-Maximilians-Universität München fand im Kontext eines größeren Forschungsprojekts „Das Private im Nationalsozialismus“ statt, das über den Leibniz-Wettbewerb gefördert wurde.

Ebenfalls ausgezeichnet mit dem Promotionspreis in der Kategorie „Technik und Naturwissenschaften“ wurde Dr. Aleeza Farrukh vom INM – Leibniz-Institut für Neue Materialien. Sie befasste sich in ihrem Promotionsvorhaben „Photo-Triggerable Laminin Mimetic Peptides for Directional Neural Regeneration“ mit instruktiven Biomaterialien zur räumlichen Ausrichtung des Wachstums und der Differenzierung neuronaler Stammzellen.

Weiterführende Informationen zum IfZ-Projekt „Das Private im Nationalsozialismus“



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