Transatlantische Kooperation mit Toronto

Die transantlantische Kooperation des Instituts für Zeitgeschichte mit der renommierten Munk School of Global Affairs der University of Toronto trägt Früchte: Am 11. und 12. Oktober fand die erste gemeinsame internationale Konferenz der beiden Partner in Toronto statt. Die Tagung „The Long Reach of World War II: Forced Migration in a Global Perspective 1939-1951” befasste sich mit Ursachen, Akteuren, Formen und Konsequenzen von Zwangsmigration und ethnischen „Säuberungen“ während und nach dem Zweiten Weltkrieg.  Ziel der Konferenz war es, einen globalgeschichtlichen Zugang zu stärken, der die Thematik Zwangsmigration im „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm) in einer erweiterten Perspektive ausleuchtet.

 

Nach einer Begrüßung durch Randall Hansen, Direktor des „Centre for European, Russian and Eurasian Studies“ der Munk School, startete die Konferenz mit einer Keynote von Michael Schwartz (IfZ Berlin) zu „Ethnic ‚Cleansing‘ and Modernity: Global Interactions of Foreced Migrations in 19th and 20th Centuries“. Schwartz zeigte auf, wie stark ethnische „Säuberungen“ mit der Moderne, nämlich mit modernen Vorstellungen nationaler und ethnischer Homogenität und Rassismus verknüpft waren, und er unterstrich die Bedeutung globaler Interaktionsmuster und Wechselwirkungen im Hinblick auf Ideen und Praxis ethnischer „Säuberung“ gerade in den 1930er und 1940er Jahren.

Vertreibung in globalgeschichtlicher Perspektive

In vier Panels diskutierten die Konferenzteilnehmer im Anschluss Fallbeispiele und Formen von Zwangsmigration in einer globalen Perspektive. Diese fokussierten einerseits Europa im Kriege, etwa mit Vorträgen zu „Forced Labour and Forced Migration in NS-occupied Europe“ (Magnus Brechtken), zur Zwangsmigration von Polen unter deutscher und sowjetischer Besatzung (Piotr Madajczyk) und zur Situation im faschistischen Italien (Tobias Hof). Andererseits galt das Augenmerk dem Europa der unmittelbaren Nachkriegszeit, sowohl den Millionen von „Displaced Persons“, die auf dem Kontinent umherirrten (G. Daniel Cohen), als auch der Vertreibung der Deutschen aus Ostmittel- und Südosteuropa und den Legitimationsstrategien derjenigen, welche „ordnungsgemäße“ Vertreibungen zu rechtfertigen suchten (Ray M. Douglas und Mathias Beer). Im Sinne des globalgeschichtlichen Zugangs blickte die Tagung zugleich über Kontinentaleuropa hinaus auf Flucht und Vertreibung von Hindus, Sikhs und Muslimen im Zuge der indischen Teilung 1947 (Ilyas Chattha, Pippa Virdee und Haimanti Roy) und die Zwangsmigration in Palästina infolge der Gründung des Staates Israel 1948 (Adel Manna und Hillel Cohen). Gerade an diesen Fällen ließen sich Unterschiede und Gemeinsamkeiten, aber auch globale Verflechtungen herausarbeiten: So suchten europäische Juden ja vor allem infolge der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik eine neue Heimstatt in Palästina. Deutlich wurde in vielerlei Kontexten, wie stark der Krieg als Katalysator wirkte, weil er dazu beitrug, dass sich in einer Spirale von Gewalt nationalistische und rassistische Ideen und hybride Konzepte eines bevölkerungspolitischen „Social engineering“ radikalisierten und in die Tat umsetzen ließen.

Eine zweite Tagung ist in Vorbereitung

Das IfZ wird mit seinem neuen kanadischen Partner die transatlantischen Kontakte weiter ausbauen. Eine zweite Tagung, welche sich stärker mit den Opfernarrativen im Kontext von Kriegserfahrung und Zwangsmigration in den 1930er und 1940er Jahren beschäftigt, ist bereits in Vorbereitung.



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