Vor 80 Jahren: Das Attentat im Bürgerbräukeller

Vor 80 Jahren, am 8. November 1939, versuchte der Schreiner Georg Elser, Adolf Hitler mit einer Bombe im Münchner Bürgerbräu-Keller zu töten. Ziel seiner Tat: im Angesicht des seit September von Hitler entfesselten Zweiten Weltkriegs "ein noch größeres Blutvergießen zu verhindern." Seine historische Bedeutung als Widerstandskämpfer ist auch im Nachkriegsdeutschland lange nicht anerkannt worden. Dass der Urheber des gescheiterten Attentats auf Hitler und die NS-Führungselite ein Alleintäter und nicht Werkzeug diffuser Verschwörungen war, haben Wissenschaftler am Institut für Zeitgeschichte in den späten 1960er Jahren nachgewiesen.

Bei Recherchen zur Justiz im Nationalsozialismus entdeckte der IfZ-Mitarbeiter Lothar Gruchmann 1964 zufällig das Protokoll des Gestapo-Verhörs von Georg Elser vom November 1939. Er hatte sich aus "reiner Neugierde" neben anderem Archivgut aus dem Justizministerium auch den Akt "Sprengstoffattentat im Bürgerbräukeller 8.11.1939" zukommen lassen. Als die Akte nach Monaten am Institut für Zeitgeschichte ankam, hielt Gruchmann das einzige nicht vernichtete Exemplar des Vernehmungsprotokolls in den Händen.

Verschwörungstheorien kursierten über Georg Elsers Motive
 

Auftragstäter des britischen Geheimdienstes, Marionette der SS, angeworben im Konzentrationslager: Um den Attentäter Elser rankten sich zum Zeitpunkt der Entdeckung noch die unterschiedlichsten Gerüchte und Verschwörungstheorien. Erst das Protokoll ermöglichte es, Einsicht in das Handeln und die Motive Elsers zu gewinnen. Gruchmann übergab das Dokument an Anton Hoch, den Leiter des IfZ-Archivs, der bereits seit 1962 an der Erforschung des Attentats im Bürgerbräukeller arbeitete.

Das Verhörprotokoll Georg Elsers gilt als die wichtigste Quelle
 

Hoch gelang es, die Alleintäterschaft Georg Elsers erstmals wissenschaftlich nachzuweisen. Er hat die Richtigkeit der Aussagen Elsers im Gestapo-Verhör mithilfe umfangreicher Recherchen und Befragungen überprüft. Seine Ergebnisse veröffentlichte Hoch 1969 in einem Aufsatz in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte. Der Entdecker der Quelle, Lothar Gruchmann, veröffentlichte im darauffolgenden Jahr seine kommentierte Edition des Protokolls mit dem Titel "Autobiographie eines Attentäters".

Das Verhörprotokoll ist nach wie vor die wichtigste Quelle, die Auskunft über Elsers Motive gibt - und nicht zuletzt auch die einzige Möglichkeit, den lange verkannten Widerstandskämpfer selbst anzuhören. Elser hatte im Verhör insbesondere angeführt, einen Krieg verhindern zu wollen. Er ging davon aus, dass es nicht bei dem Münchner Abkommen bleiben würde, sondern "daß Deutschland anderen Ländern gegenüber noch weitere Forderungen stellen und sich andere Länder einverleiben wird und daß deshalb ein Krieg unvermeidlich ist (...)".

Gruchmann und Hoch haben mit ihrer Forschung maßgeblich dazu beigetragen, dass die Gerüchte um Georg Elser überprüft und widerlegt wurden. Bis sich diese wissenschaftliche Erkenntnis in der nationalen wie internationalen zeitgeschichtlichen Literatur als Allgemeingut durchsetzte und in der offiziellen Gedenkkultur Deutschlands niederschlug, sollten jedoch noch Jahrzehnte vergehen.

Die Entdeckungsgeschichte des Gestapo-Protokolls, erzählt von Lothar Gruchmann (Rede von 2004 anlässlich des 65. Jahrestags des Attentats im Bürgerbräukeller) finden Sie hier.

Das Verhörprotokoll ist nachzulesen auf den Seiten des Georg Elser Arbeitskreises.

Das vom Institut für Zeitgeschichte gesammelte Archivgut zum Attentat im Münchner Bürgerbräukeller wurde digitalisiert. Zu den einzelnen Beständen im Zeugenschrifttum online gelangen Sie hier.



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