Die Ost-West-Debatte revisited

Ein Zwischenruf zum Tag der Deutschen Einheit 2026

Von Dierk Hoffmann und Michael Schwartz

Rechtzeitig zu den jüngsten Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist sie wieder neu entbrannt: die Ost-West-Debatte. Sie sagt einiges aus über unsere aktuelle Debattenkultur. Nachdem der Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann in einer Streitschrift vor etwa drei Jahren dem Westen pauschal vorgeworfen hatte, für die „seit über 30 Jahren bestehenden Ächtungen und radikalen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Benachteiligungen des Ostens“ alleinverantwortlich zu sein, scheint das Pendel der Empörung in diversen Presseorganen inzwischen in die andere Richtung zu schlagen. Der Journalist Reinhard Bingener hat in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) die Debatte kürzlich neu eröffnet, indem er behauptete, es gäbe ein „ostdeutsches Sonderbewusstsein“, das nicht nur anders geprägt sei als die „in sich ruhenden Regionalidentitäten“ in Westdeutschland, sondern das vor allem „in Ablehnung, Auflehnung und Neid auf Westdeutschland und das damit verknüpfte Establishment bezogen“ sei. Die Sorge über das Erstarken der rechtspopulistischen, in den ostdeutschen Bundesländern (bis auf Mecklenburg-Vorpommern) ebenso wie in Niedersachsen sogar als gesichert rechtsextrem eingestuften AfD treibt zweifelslos viele Menschen um – übrigens keineswegs nur in Westdeutschland. Dennoch ist es dringend notwendig, die Ost-West-Debatte einer nüchternen historischen Analyse zu unterziehen und insbesondere einen kritischen Blick auf die Funktion von kollektiven Zuschreibungen zu richten. Diese beschreiben nicht nur Wirklichkeit, sondern spitzen auch zu oder verzerren und lenken dadurch von anderen Konfliktfeldern publikumswirksam ab.

Die öffentliche Debatte über die vermeintlich undankbaren und politisch unberechenbaren Ostdeutschen ist nicht neu, sondern Bestandteil der Diskussion über die sogenannte innere Einheit Deutschlands, die bereits seit Anfang der 1990er Jahre zu den entsprechenden Jahrestagen (3. Oktober bzw. 9. November) und zu den Landtags- bzw. Bundestagswahlen immer wieder neu aufflammt. So stellte DER SPIEGEL nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 26. April 1998, die zu einer herben Niederlage der amtierenden CDU und zum erstmaligen Einzug der rechtsextremen DVU führte, die Frage: „Wen subventionieren wir da eigentlich? Wieso sehnen sich die jungen Ostdeutschen nach Autorität und Ordnung, wieso wählen sie rechts?“ Das Hamburger Nachrichtenmagazin glaubte zu wissen, dass „die Ossis“ in den Augen der Repräsentanten des westdeutschen Establishments am Rhein „einfach undankbar, unberechenbar und bei Wahlen zur Tücke fähig“ seien. Die Wiedervereinigung Deutschlands und insbesondere der Übergang von der Plan- zur Marktwirtschaft war in Ostdeutschland wiederum mit sozialen Verwerfungen und individuellen Enttäuschungen verknüpft, die es zunächst einmal ernst zu nehmen gilt. So druckte das HANDELSBLATT am 8. Oktober 1990 einen Leserbrief eines ehemaligen VEB-Abteilungs- und Betriebsleiters ab, der sein persönliches Glück in einem westdeutschen Großunternehmen suchte und offenbar nicht fand: „Man spürt ständig, dass man als zweit- oder drittklassig eingestuft worden ist.“ Ein Jahr nach dem Mauerfall beschwerte sich eine Verkäuferin in Ost-Berlin über die in ihren Augen ungerechte Verteilung der sozialen Kosten der deutschen Einheit: „Ist es richtig, dass das ganze viele Geld, diese irren Milliarden, die man uns in Bonn besorgt und geborgt hat, nicht schnell genug in die Kassen der Großen zurückfließen können? Und die ‚Zinsen‘ müssen wir auch noch tragen.“ Die Erfahrung von Massenarbeitslosigkeit, die viele Ostdeutsche nach 1990 erstmals machen mussten, erzeugte nicht nur neue soziale Ungleichheiten, sondern prägte auch nachhaltig die politischen und kulturellen Einstellungen vieler Menschen in den ostdeutschen Bundesländern.

Lässt sich die deutschen Einheit bilanzieren?

Eine Bilanz der deutschen Einheit ist bis heute ungeschrieben. Da ist dem Soziologen Steffen Mau sicher zuzustimmen, der darauf kürzlich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) hingewiesen hat. Doch eine solche Bilanz, die auch noch allgemeine Akzeptanz fände, wird sich sehr wahrscheinlich nie abschließend schreiben lassen, wie bereits die immer wiederkehrende Auseinandersetzung über die Gewinn-Verlust-Rechnung der Treuhandanstalt zeigt. Denn sie hängt vor allem davon ab, welche Faktoren berücksichtigt und welche unberücksichtigt bleiben. Was ist mit den Langzeitfolgen des Uranbergbaus im Erzgebirge (Wismut) und den sogenannten Ewigkeitslasten der Kaliindustrie in Thüringen? Wie werden die Subventionszahlungen und die Regionalförderung der Europäischen Gemeinschaft (EG) bzw. der Europäischen Union (EU), die nach Ostdeutschland in beträchtlicher Höhe flossen, verbucht? Wie lassen sich die Ausbildungskosten der ostdeutschen Beschäftigten durch die DDR im vereinten Deutschland abbilden? Dieser Fragenkatalog, der teilweise quer zur Ost-West-Thematik steht, kann ohne weiteres ergänzt und erweitert werden.

Gleichzeitig lohnt es sich aber, einen anderen Gedanken zu vertiefen: Die Geschichte der deutschen Einheit ist nämlich auch die Geschichte einer missglückten Kommunikation. Zu den zählebigen Mythen, die teilweise bis heute nachwirken, gehört die Behauptung, die DDR zähle zu den zehn größten Industrieländern der Erde. Die Propagandaformel wurde von der SED-Führung 1967 in die Welt gesetzt und bis 1989 immer wieder neu beschworen, obwohl ostdeutsche Statistiker intern zur Vorsicht mahnten und „eine krasse Überbewertung der Industrieproduktion der DDR“ befürchteten. Das Kartenhaus fiel in sich zusammen, als die ehemaligen volkseigenen Betriebe (VEB) ihre D-Mark-Eröffnungsbilanzen 1990 erstellen mussten. Es zeigte sich, dass der Kapitalstock extrem veraltet war. Hinzu kam eine galoppierende Westverschuldung, die Ost-Berlin 1983/84 nur noch durch einen Milliardenkredit beim Bonner Klassenfeind zu lösen glaubte. Dennoch: Die DDR war kurz vor ihrem Ende zwar hoch verschuldet, aber nicht bankrott.

Allseits bekannt ist auch das Versprechen von den alsbald „blühenden Landschaften“, das der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl anlässlich des Inkrafttretens der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion am 1. Juli 1990 öffentlich gab. Insofern wäre es verfehlt, allein den Ostdeutschen Illusionismus vorzuwerfen, wie das derzeit wieder geschieht, wenn es darum geht, dass eine „Angleichung der Lebensverhältnisse“ binnen kurzem erreicht werden könnte. Und nicht nur Kohl, auch andere westdeutsche Spitzenpolitiker verbreiteten vor der ersten gesamtdeutschen Bundestagswahl am 2. Dezember 1990 derart ungebremsten Optimismus – wie z.B. der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) und der sächsische Ministerpräsident Kurt Biedenkopf (CDU). Bei den Landtagswahlen 1990 übernahm die sächsische CDU das Versprechen Kohls und ließ Plakate mit dem Slogan drucken „Für ein blühendes Sachsen“. In seinen 2015 publizierten Tagebüchern musste Biedenkopf das Scheitern der eigenen Prognosen einräumen. In nahezu dialektischer Weise plädierte er dafür, „die Kohl`sche Formel“ nicht statisch, sondern dynamisch zu verstehen: „Es beginnt zu blühen“. Mit ihren Aussagen weckten westdeutsche Politiker und Wirtschaftsexperten Erwartungen in Ostdeutschland, die schon im Herbst 1990 nicht mehr zu Lebenswirklichkeit vieler Menschen passten, als Betriebsschließungen und Massenentlassungen den Alltag prägten.

Geschichte einer missglückten Kommunikation

Die missglückte Kommunikationsstrategie der von Kohl geführten Bundesregierung ist insbesondere im Hinblick auf die Treuhandanstalt mit Händen zu greifen. Diese hatte sich bereits 1990 vom Hoffnungsträger zum Prügelknaben der Nation entwickelt. Seitdem riss die öffentliche Kritik an der noch in der Spätphase der DDR gegründeten Behörde nicht ab, die für die ökonomische Transformation in Ostdeutschland und damit für die Privatisierung der ostdeutschen Betriebe zuständig war. 1993 startete ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss des Bundestages mit seiner Arbeit, der die Privatisierungspolitik der Treuhandanstalt untersuchen sollte. Während der Ausschuss Akteneinsicht in einzelne Privatisierungsfälle erhielt, lehnten Vertreter der Treuhandanstalt und der Bundesregierung die Forderung ab, auch die Protokolle des Verwaltungsrates zur Verfügung zu stellen. Ein von der Bonner Regierung dazu in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten warf die Frage auf, ob es möglicherweise eine „Versöhnung durch Geheimhaltung“ geben könne. Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses sollten einerseits Einblick in die Protokolle nehmen können, andererseits aber zu deren Geheimhaltung verpflichtet werden. Dazu kam es nicht, aber letztlich stand dahinter die Hoffnung, einer Spaltung der Gesellschaft vorzubeugen, indem das Thema aus der öffentlichen Debatte herausgehalten werden sollte. Diese Rechnung ging bekanntlich überhaupt nicht auf. Bis heute ist die Treuhand ein Reizthema – ebenso wie die Frage, wer wieviel zur Finanzierung der Einheit beigetragen habe.

Missglückte Kommunikation ist nicht nur ein Problem der Vergangenheit, sondern auch unserer Gegenwart. Das heutige Reden über „Ostdeutschland“ ist medienöffentlich eher ein feindseliges Reden übereinander statt ein von wechselseitiger Neugier geprägtes Gespräch miteinander. Einfach gestrickte Stereotypen dominieren die Debatte. Auch unser Kollege  Magnus Brechtken betrachtete kürzlich in der FAS die „Ostidentität“ schlicht als „Zufluchtsidentität“ oder „Abgrenzungsidentität“ der Ostdeutschen. Das ist nicht ganz falsch, aber doch allzu einseitig. Das dialektische Zusammenspiel von Selbstzuschreibung und Fremdzuschreibung gilt als Standardweg zur Konstruktion kollektiver Identitäten. Insofern ist auch die „Ostidentität“ eine Mischung aus Selbst- und Fremd-Deutungen. „Die Wessis“ – eine weitere Kollektiv-Zuschreibung – konstruieren das Bild von „den Ossis“ stets mit. Daraus folgt: „Ostidentität“ ist nicht nur eine von Ostdeutschen selbst konstruierte Identität, sondern auch eine Ausgrenzungs-Identität von Westdeutschen gegen Ostdeutsche. Das Bild von den „Ostdeutschen“ ist nicht nur (wie Dirk Oschmann glaubt), aber eben doch immer auch „eine westdeutsche Erfindung“. Was empfinden wohl jene zahlreichen Ostdeutschen, die politisch nicht AfD-affin, sondern ganz unterschiedlich ticken, wenn zahlreiche Medien oder Wissenschaftler erklären: „Der Osten ist blau“? Vielleicht hilft es, sich an die Kritik des verstorbenen Zeithistorikers Lutz Niethammer am Identitäts-Begriff zu erinnern, der ihm als wissenschaftlich wertloses „Plastikwort“ erschien, weil es den falschen Eindruck erwecke, als sei die damit beschriebene Gruppe einheitlich und deren Identität quasi naturgegeben.

Was brachte die Mauer zum Einsturz?

Wenige Ereignisse in der Geschichte lassen sich auf eine einzige Ursache zurückführen, auch wenn das bis heute – etwa mit Blick auf den Mauerfall 1989 und die deutsche Wiedervereinigung von 1990 – immer wieder geschieht. Doch lässt sich das Ende der DDR nicht allein aus der Perspektive der internationalen Politik und dem Handeln einzelner Staatsmänner wie Michail Gorbatschow erklären, ohne die Bedeutung der friedlichen Proteste der Ostdeutschen anzuerkennen. Es gab eben mehrere, teilweise miteinander verflochtene Ursachen: Offenbar gab es in Moskau 1989/90 eine Kosten-Nutzen-Rechnung, ob es besser sei, das von Stalin eroberte westliche Vorfeld weiter festzuhalten oder aufzugeben. Für den Fall des Festhaltens hätte der Kreml militärische Interventionen riskieren müssen, wie sie 1953 in der DDR, 1956 in Ungarn und 1968 in der Tschechoslowakei tatsächlich erfolgt waren. Kurzum: Diverse Vorerfahrungen begünstigten den Kurswechsel Gorbatschows. Dazu gehörten äußere Faktoren ebenso wie innere, von den Menschen in den beherrschten Staaten und damit auch in der DDR mitbeeinflusste Faktoren. Externe Faktoren waren etwa die ökonomische Unmöglichkeit der Fortsetzung des ungebremsten Wettrüstens mit den USA; oder die verheerenden Folgekosten der sowjetischen Militärintervention in Afghanistan ab 1979, die just 1988/89 kleinlaut beendet wurde. Hinzu traten schwer beherrschbare innere Krisen im sowjetischen Machtbereich, vom allenthalben greifbaren wirtschaftlichen Niedergang bis hin zu Krisen der politischen Herrschaft innerhalb und außerhalb der Sowjetunion, allen voran beim sogar nach Verhängung des Kriegsrechts 1981 in Polen kaum zu kontrollierenden Problem der Opposition weiter Teile der dortigen Gesellschaft gegen die kommunistische Herrschaft. Dieser vielschichtige Hintergrund bestimmte die Erfolgschancen eigendynamischen Handelns der Menschen in der DDR. 

Zugleich war die innere Situation der DDR-Gesellschaft alles andere eindeutig. Es gab vielmehr eine Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Ziele und Bestrebungen. Der Wunsch nach Veränderungen im Rahmen des DDR-Systems war das eine und befeuerte die Montagsdemonstrationen, die anfänglich jedoch nur von einer kleinen Minderheit der DDR-Bevölkerung getragen wurden, auch wenn die Teilnehmerzahlen dann im weiteren Verlauf auf Hunderttausende anschwollen. In eine ganz andere Richtung zielte die Exit-Option: Noch zu Beginn des Jahres 1989 wagten das nur ganz wenige, bedroht vom Schießbefehl des SED-Regimes an seine Grenzsoldaten, dem noch im Februar 1989 der junge Chris Gueffroy bei einem Fluchtversuch über die Grenze zum Opfer fiel. Im Sommer und Herbst 1989 gingen dann plötzlich durch das Zusammenspiel diverser Faktoren in Ungarn und in Prag die Grenzen für ganz viele auf, ohne dass die SED-Diktatur dies noch hätte verhindern können. Beide so widersprüchlichen Massenbewegungen bewirkten ein Drittes: die zunehmende Demoralisierung vieler Träger der Diktatur. Die unverhofft rasche Öffnung der Mauer im November 1989 gab dann nicht nur der SED-Herrschaft den Rest, sondern auch der wirtschaftlichen Tragfähigkeit der DDR. Nicht so sehr der zwar drohende, aber noch nicht gegebene Staatsbankrott besiegelte das Ende der SED-Diktatur und der DDR, wie derzeit von westdeutscher Seite wieder behauptet wird. Das tat vielmehr primär die drohende Fortsetzung ungebremster Massenabwanderung unzähliger DDR-Bürger nach Westdeutschland, deren Weggang die DDR-Wirtschaft völlig untergraben hätte.

Dass es in beiden deutschen Staaten zwischen 1949 und 1989 unterschiedliche politische Systeme und politkulturelle Prägungen gegeben hat, ist unbestritten. Eine angeblich autoritäre Prägung „der Ostdeutschen“ als Erklärungsansatz für die Wahlerfolge der AfD in Ostdeutschland ist erstens nichts Neues und greift zweitens zu kurz. Dies unterstreichen alle anti-autoritären, mit persönlichem Mut verbundenen Phänomene in 40 Jahren DDR-Geschichte – angefangen beim Volksaufstand von 1953 und bei der massenhaften „Republikflucht“ bis 1961 bis hin zur unter den Augen der Stasi stattfindenden Selbstorganisation von Frauen-, Schwulen-, Friedens- und Umweltbewegungen in den 1980er Jahren und den couragierten Montagsdemonstranten von 1989. Doch anstelle differenzierter Analysen lebt die einst auf ganz Deutschland gemünzte „Sonderwegsthese“ wieder auf, die nun für Ostdeutschland eine ungebrochene Autoritätssehnsucht vom Kaiserreich bis zur SED-Diktatur suggeriert.

Vollkommen unberücksichtigt bleiben bei solcher Schwarzmalerei die vielfältigen Verflechtungen zwischen Ost und West. Was bedeutet es denn, dass viele deutsche Familien durch den DDR-Mauerbau 1961 getrennt wurden, aber Kontakte aufrechterhielten und durch wechselseitige Besuche wieder vertieften, sobald das möglich war? Vertraten die ostdeutschen Verwandten in dieser informellen Kommunikation die autoritäre Prägung? Was bedeutet es, dass zahlreiche Ostdeutsche lieber „Westfernsehen“ als Informationsquelle nutzten als die SED-beherrschten DDR-Medien und dass jene, die daran nicht teilhaben konnten, als im „Tal der Ahnungslosen“ lebend bespöttelt wurden? Was bedeutet es, dass die jüngeren DDR-Generationen popkulturell sehr stark vom Westen beeinflusst wurden? Die Ostdeutschen wurden von der SED-Diktatur zweifellos autoritär zu prägen versucht, von der „sozialistischen Erziehung“ bis zum obligatorischen „Wehrkundeunterricht“ ab 1978. Aber zugleich lebten die meisten DDR-Bürger in ihrem Alltag immer auch „mit dem Westen, mit seinen Werten, seinen Medien, seiner Musik, seinen Bildern und glücklicherweise mit Westpaketen“ (Dirk Oschmann), sofern sie über Westverwandtschaft verfügten. 

Der Osten und die AfD

Mit der angeblichen autoritären Prägung „der Ostdeutschen“ werden nicht zum ersten Mal auch die aktuellen ostdeutschen Wahlerfolge der AfD erklärt. “‘Der Osten ist blau‘, lautete der beherrschende mediale Befund“ – so die „Tagesschau“ der ARD über das dominierende Framing der Medien nach den Bundestagswahlen 2025. Diese Wahlerfolge gibt es tatsächlich. Sie sind prozentual höher als in Westdeutschland und haben bei den Landtagswahlen von 2026 zur Mandatsmehrheit in weiteren ostdeutschen Landtagen (nach Thüringen) geführt. Die AfD als reines Ostphänomen zu sehen, greift jedoch zu kurz. Denn weder ist die Mehrheit der Wähler im Osten „blau“ noch ist die AfD auf den Osten beschränkt. Völlig ausgeblendet wird bei einem solchen Narrativ, dass die AfD 2013 im Westen von „Wessis“ gegründet worden ist – von westdeutschen Professoren im hessischen Oberursel. Zwar wurde die AfD in der Folgezeit im Osten stark, doch mittlerweile gibt es längst eine nachholende Entwicklung im Westen. Bei der Bundestagswahl 2025 erzielte die AfD mit 10 Millionen Wählerstimmen deutschlandweit 20,8 Prozent. Von diesen zehn Millionen Wählern kamen 70 Prozent aus Westdeutschland, die große Mehrheit der AfD-Wähler war 2025 eindeutig westdeutsch. Auch das Führungspersonal dieser Partei ist gemischt – angefangen bei der Doppelspitze im Bundesvorsitz bis hin zu Leitungspositionen der Partei auf Landesebene. Der thüringische AfD-Spitzenpolitiker Björn Höcke – geboren und akademisch ausgebildet im Westen, politisch aufgestiegen im Osten – personifiziert geradezu das Hybride, das West-Ost-Gemischte der AfD, nicht deren spezifische Ost-Prägung.

Die öffentlich geführte Ost-West-Debatte ist von Klischees, aber auch von unterschiedlichen Erfahrungsräumen gekennzeichnet, die die Menschen in West- und Ostdeutschland über mehr als vier Jahrzehnte durch gegensätzliche Ordnungssysteme geprägt haben. Daraus resultieren unterschiedliche Erwartungshorizonte, die nach 1990 aufeinanderstießen und in den aktuellen Debatten immer wieder zum Vorschein kommen. Stereotype wie die jüngst aufgewärmte Behauptung, „die“ Ostdeutschen seien schlicht langfristig autoritär geprägt, tragen zur Erklärung heutigen Wahlverhaltens nur wenig bei. Aufgabe der Wissenschaft ist es, diese dichotome Debatte zu dekonstruieren, ohne die nach wie vor bestehenden sozioökonomischen Unterschiede und die Verlusterfahrungen in Ostdeutschland unter den Teppich zu kehren. Es gilt, neue Geschichten zu erzählen, neue Perspektiven zu entwickeln und neue Fragen an unsere gemeinsame Geschichte zu stellen. Es geht darum, die Geschichte des geteilten und (nach 1990) vereinten Deutschland differenziert darzustellen – mit ihren Widersprüchen und Ambivalenzen. Die Farben der Geschichte sind nicht Schwarz und Weiß, sondern viele verschiedene Grauschattierungen. Und Geschichtswissenschaft sollte daher keine holzschnittartige Vereinfachung produzieren, sondern subtile Abstufungen und vielfältige Zusammenhänge sichtbar machen.

 

Prof. Dr. Dierk Hoffmann und Prof. Dr. Michael Schwartz sind wissenschaftliche Mitarbeiter der Forschungsabteilung Berlin des Instituts für Zeitgeschichte. Eine kürzere Fassung ist am 1.10. in der Frankfurter Rundschau erschienen.