Fünf Fragen an…

…die neue IfZ-Direktorin Isabel Heinemann

Das Institut für Zeitgeschichte hat eine neue Direktorin: Isabel Heinemann, bis vor kurzem Professorin für Neueste Geschichte an der Universität Bayreuth, tritt zum 1. Oktober die Nachfolge von Andreas Wirsching an. In einer gemeinsamen Berufung mit der Ludwig-Maximilians-Universität übernimmt sie gleichzeitig auch den Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der LMU. Die Zeithistorikerin ist in der Geschichte des Nationalsozialismus ebenso zuhause wie in der Geschlechter-, Demokratie- und Wissensgeschichte nach 1945. 

In unserem Format „Fünf Fragen an...“ erzählt Isabel Heinemann, was sie an der Zeitgeschichte fasziniert, welche Forschungsfragen sie antreiben und worauf sie sich in München besonders freut.

1. Sie haben in Mainz, Dijon und Freiburg Geschichte studiert und sich schon früh für die Zeitgeschichte entschieden. Was reizt Sie daran besonders und welche Fragen treiben Sie um? 

Für mich ist Zeitgeschichte zunächst ganz klassisch „Problemgeschichte der Gegenwart“, was den Brückenschlag zum Heute gleich immer mitdenkt. Sie ist aber auch als einzige historische Epoche offen, ihre Grenzen müssen ständig neu verhandelt und erklärt werden. Wir sind also eine Disziplin in beständiger Selbstreflexion und Entwicklung, stellen zugleich wichtiges gesellschaftliches Orientierungswissen bereit. Hier spielt das Institut für Zeitgeschichte eine zentrale Rolle in Deutschland, aber auch international. Ein weiterer Vorteil der Zeitgeschichte ist die stetig wachsende Zahl der Quellen – was kritische Auswahlprozesse nötig macht, aber zugleich dazu führt, dass das Fach besonders von Digital-Humanities-Methoden profitieren kann. Auch die Möglichkeit zum Gespräch und zur Auseinandersetzung mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen empfinde ich als besonderes Privileg unseres Faches. 

Am IfZ möchte ich Zeitgeschichte noch stärker als transnationale Gesellschaftsgeschichte Deutschlands im 20. und 21, Jahrhundert konzipieren. Die laufenden Forschungscluster und -projekte bieten dafür eine hervorragende Ausgangsbasis. Zudem treibt mich die Erforschung von Gewaltdynamiken ebenso um wie eine bessere Integration der DDR- und Transformationsforschung in nationale Geschichtserzählungen. Auch die Wissens- und Geschlechtergeschichte möchte ich stärken, all das in kollegialem Austausch mit den Forscherinnen und Forschern am IfZ.

2. In Ihrer Dissertation, die unter dem Titel „Rasse, Siedlung, deutsches Blut“ erschienen ist, haben Sie sich mit der SS und deren rassistischer Germanisierungspolitik im besetzten Europa befasst: Was hat Sie zu diesem Thema gebracht und was sagen Sie Leuten, die den Nationalsozialismus für „ausgeforscht“ halten?

Als ich mit meinen Forschungen begann, hieß es oft, die Umsiedlungspolitik der SS sei doch gescheitert, das Ganze im Kontext der NS-Vernichtungspolitik eher unbedeutend. Dass aber Millionen von Menschen im besetzten Europa genau im Rahmen dieser Umsiedlungspolitik ihr Zuhause und nicht wenige auch ihr Leben verloren, nachdem man sie zunächst rassischen Musterungen unterzogen hatte, konnte ich mit meiner Studie zeigen. Dabei habe ich die Gruppe der SS-Rasseexperten als besondere Tätergruppe in den Blick genommen, die Verbindung von Rassenforschung, Selektions- und Vertreibungspraxis untersucht. Und inzwischen hat sich hier ein ziemlich dynamisches Forschungsfeld rund um die ethnischen Säuberungen und die nationalsozialistische Germanisierungspolitik entwickelt. 

Nicht zuletzt deshalb kann ich die Diagnose, der Nationalsozialismus sei „ausgeforscht“, so auch nicht teilen. Zunächst ändern sich die Fragen, die wir stellen, und manchmal auch die Quellen, die wir anschauen. In den letzten Jahren haben wir beispielsweise verstärkt Zeugnisse des privaten Lebens und der individuellen Sinngebung – Briefe und Tagebücher – betrachtet und so der Geschichte der Verfolgung und Entrechtung der europäischen Juden völlig neue Facetten hinzugefügt – ich denke hier unter anderem an die Arbeiten von Andrea Löw und die Dokumentenedition zur Verfolgung und Ermordung der Juden (VEJ). Gleichzeitig wurde damit auch die Funktionsweise der Volksgemeinschaft plastisch – und, last but not least, traten Geschlechterordnungen, Männlichkeits- und Weiblichkeitskonzepte und die Handlungsmöglichkeiten von Frauen stärker in den Blick. Aber auch hier entwickelt sich die Forschung dynamisch, das tut sie seit der Gründung des IfZ vor 75 Jahren. Wir werden weiterhin die Erforschung des Nationalsozialismus entscheidend mitgestalten – und das gerade vor dem Hintergrund der verstärkt von rechter Seite vorgebrachten Forderungen nach „Schlussstrich“ oder „erinnerungspolitischer Wende“. 

3. Ihre Habilitationsschrift „Wert der Familie“ befasst sich mit der Kultur- und Gesellschaftsgeschichte der Familie am Beispiel der USA im 20. Jahrhundert. Was lernt man über eine Gesellschaft, wenn man sich aus der Perspektive der Geschlechter- und Familiengeschichte nähert?

Familie gilt als die kleinste Einheit des Staates jenseits des Individuums, als Fundament von Staat und Gesellschaft. Daher finden um die Familie auch in Demokratien die heftigsten Deutungskämpfe statt – es geht gewissermaßen um die Essenz des gesellschaftlichen Selbstverständnisses. In meiner Arbeit wollte ich untersuchen, wie sich über einen längeren Zeitraum – das gesamte 20. Jahrhundert – das Verhältnis von sozialem und normativem Wandel entwickelte. Also: Haben sich Geschlechternormen und Familienwerte in gleichem Maße pluralisiert oder gar „liberalisiert“, wie sich die sozialen Lebensverhältnisse der Menschen spätestens ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diversifiziert haben? Einen besonderen Akzent habe ich dabei auf die Position von Frauen in der US-Gesellschaft gelegt, mir Debatten um Ehescheidung, Frauenarbeit und Reproduktion genauer angesehen. Dabei zeigte sich, dass sich die US-Gesellschaft in sehr viel stärkerem Maße an konservativen Familienwerten ausgerichtet hat, der normative Wandel also sehr viel langsamer verlief als der soziale Wandel. Zudem war dieser Wandel nie linear, sondern verlief in Wellen, konnte auch zurückgenommen und bekämpft werden. Wie weit dies gehen kann, lässt sich im heutigen Trump-Amerika auf vielen Ebenen, sehr plastisch aber z.B. an der Rücknahme sicher geglaubter reproduktiver Rechte durch den Supreme Court 2024 beobachten. 

4. Sie sind seit 2019 im Arbeitskreis „Demokratie und Geschlecht“ des IfZ aktiv. War das Ihre erste direkte Begegnung mit dem Institut für Zeitgeschichte? 

Schon spätestens seit meiner Promotionszeit war das Institut für Zeitgeschichte für mich aufgrund seiner Forschungsprojekte, Gutachten, Publikationen und Editionsprojekte und nicht zuletzt wegen der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte eine wichtige Größe. Erstmals persönlich am Institut war ich Ende September 2015 bei einer Tagung zum Thema „Enttäuschung als historische Erfahrung in Deutschland im 20. Jahrhundert“, die Bernhard Gotto und Anna Ulrich organisiert haben – also ziemlich genau vor zehn Jahren. Der Einladung zur Mitarbeit im Arbeitskreis bin ich 2019 sehr gerne gefolgt, da mir die Verknüpfung von Geschlechtergeschichte und Demokratiegeschichte und überhaupt die Verankerung geschlechterhistorischer Zugänge in der Zeitgeschichte ein Anliegen sind. Und bei den AK-Treffen konnte ich aus nächster Nähe feststellen, was für ein guter Geist der kollegialen Kooperation und wissenschaftlichen Neugier am Institut herrscht. Es macht einfach Freude, gemeinsam an Sachfragen zu arbeiten und Neues zu erdenken!

5. Und worauf sind Sie als Münchner „Neubürgerin“ besonders gespannt? Eher Oper oder Oktoberfest? 

Beides! Ich freue mich riesig, nun in der „nördlichsten Stadt Italiens“ leben und arbeiten zu dürfen – das fast schon mediterrane Lebensgefühl hat es mir jetzt schon angetan. Und ich kann es gar nicht erwarten, mich in das reichhaltige Kunst- und Kulturleben zu stürzen – wenn mir die neue Aufgabe denn gelegentlich Zeit dafür lässt. 

Zur Person

Isabel Heinemann, Jahrgang 1971, wurde in Simmern im Hunsrück geboren. Nach der Promotion in Freiburg und ihrer Habilitation an der Universität Trier lehrte sie als Professorin in Münster und Bayreuth. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der deutschen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts mit besonderem Augenmerk auf der Geschichte des Nationalsozialismus sowie der Geschlechter- und Wissensgeschichte. Aktuell arbeitet sie an einer Geschlechtergeschichte beider deutscher Staaten nach 1945. Isabel Heinemann ist verheiratet und hat zwei Töchter und zwei Söhne. Ihr kompletter akademischer Werdegang: Vita Isabel Heinemann



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