Raul Hilberg und die Holocaust-Historiografie

Raul Hilberg war einer der ersten Wissenschaftler weltweit, der sich konkret mit der Entwicklung des nationalsozialistischen Genozids an den Juden Europas und den verantwortlichen Tätern beschäftigte. Seine Werke "The Destruction of the European Jews" und "Perpetrators Victims Bystanders" gelten als Meilensteine der Holocaust-Forschung. Anlässlich seines 10. Todestags befasste sich vom 18. bis 20. Oktober eine internationale Konferenz in Berlin mit Leben, Werk und Wirkung von Raul Hilberg. Mitveranstalter war das Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte.

Prominent besetzt mit großen Namen aus der deutschen und internationalen Holocaust-Forschung fragte die Konferenz nach der Genese und den Grenzen von Hilbergs Werk und den Impulsen, die er für die Holocaustforschung gab und immer noch gibt. Als Kooperationspartner fungierten neben dem Zentrum für Holocaust-Studien am IfZ das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, die Friedrich-Ebert-Stiftung, das Fritz-Bauer-Institut, das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts, die S. Fischer Stiftung Berlin, das Carolyn and Leonard Miller Center for Holocaust Studies der University of Vermont, das Jack, Joseph and Morton Mandel Center for Advanced Holocaust Studies am United States Holocaust Memorial Museum und dem Touro College Berlin.
 

Eine zentrale Fragestellung der Konferenz galt der schwierigen Publikationsgeschichte von Hilbergs Monumentalwerk „The Destruction of the European Jews“, das bis heute als Standardwerk der Holocaust-Forschung gilt und von seinem Autor bereits 1955 in der Erstfassung fertiggestellt worden war. Dauerte es bereits in den USA mehrere Jahre, bis das Buch 1961 erschien, wurde eine deutsche Übersetzung erst 1982, also mehr als 20 Jahre später veröffentlicht. In anderen Ländern, darunter Frankreich, Spanien und Israel dauerte der Prozess noch länger. Der Berliner Historiker Götz Aly warf in einem Vortrag insbesondere dem Institut für Zeitgeschichte vor, in der Vergangenheit die Veröffentlichung einer deutschen Übersetzung durch zwei wissenschaftliche Gutachten ausgebremst zu haben. Aly bezog sich dabei auf ein bereits seit einigen Jahren bekanntes und nur unvollständig erhaltenes Gutachten aus den 1960er Jahren, das sich zwar positiv über das Hilberg-Buch äußert, eine deutsche Übersetzung aber nicht empfiehlt (Originaltext des Gutachtens hier). Auch ein Gutachten von 1980 sprach sich gegen eine Übersetzung aus (Originaltext des Gutachtens hier). Der Stellvertretende Direktor des IfZ, Magnus Brechtken, rückte die Enthüllungsrhetorik, mit der Aly seinen bereits im Vorfeld über mehrere Medien lancierten Vortrag garniert hatte, zurecht: Selbstverständlich sei Aufklärung geboten, warum eine Übersetzung von Hilbergs Arbeiten wiederholt auf Widerstände gestoßen sei. Dafür sei eine präzise Quellenauswertung und Kontextualisierung notwendig. Das IfZ setze auf völlige Transparenz.

Schon 2015 hatten Frank Bajohr und Andrea Löw vom Zentrum für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte in ihrem Sammelband „Der Holocaust. Ergebnisse und neue Fragen der Forschung“ die distanzierte Resonanz in Wissenschaft und Verlagen gegenüber Hilbergs Buch herausgearbeitet und dabei auch auf das IfZ-Gutachten aus den 1960er Jahren verwiesen. Wie der weitere Verlauf der Tagung deutlich machte, blieb die Erforschung des Holocaust im Zeitgeist der Nachkriegsjahre für die Geschichtswissenschaft lange ein blinder Fleck. Man meinte zu wissen, ohne, wie es Hilberg getan hatte, präzise nach Tätern zu forschen und diese auch zu benennen.

Zum produktiven Verlauf der Tagung trugen auch zahlreiche Vorträge von IfZ-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern bei: Magnus Brechtken referierte über „Raul Hilberg, Christopher Browning und die Holocaust-Konferenzen von San Jose bis Stuttgart“, Andrea Löw trug über „Raul Hilbergs Bewertung der Judenräte im Lichte der neueren Forschung“ vor. Susanne Heim, Mitherausgeberin der großen Edition „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden“ beleuchtete das Thema „Raul Hilberg und die Dokumente der Täter“. Frank Bajohr, Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am IfZ bestritt gemeinsam mit Christopher Browning, Norbert Frei, Saul Friedländer und Elisabeth Gallas die Abschlussdiskussion.
 

Ein ausführlicher Tagungsbericht folgt, das komplette Programm der Tagung finden Sie hier
 

Die Konferenz „Raul Hilberg und die Holocaust-Historiografie“ im Spiegel der Medien:
 

Deutschlandfunk, 20. Oktober 2017

Warum der Holocaust in Deutschland so spät erforscht wurde

Tagesspiegel, 21. Oktober 2017

Der Holocaust in der Geschichtsschreibung - Keiner wollte es wissen

Süddeutsche Zeitung, 18. Oktober 2017

Angst vor der Wahrheit

Die Welt, 18. Oktober und Welt online, 17. Oktober 2017:

Man erhebe eine Anschuldigung und fordere Aufklärung

Süddeutsche Zeitung, 21. Oktober 2017 (Paid content über SZ plus)

Opfer im Schatten

Der Spiegel, 14. Oktober 2017 (Paid content über Spiegel plus)

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