Kirchenfürst, Theologe, Netzwerker

Die kritische Online-Edition der Faulhaber-Tagebücher ist abgeschlossen

32 Bände, 4.030 Seiten, über 18.000 Personen: 42 Jahre lang führte Michael Kardinal von Faulhaber akribisch und nahezu lückenlos Tagebuch über sein weitverzweigtes Netzwerk an Besucherinnen und Besuchern und hielt besondere Ereignisse in Beiblättern fest. Im Laufe von 12 Jahren hat ein Editionsteam aus IfZ und Universität Münster diese einzigartige zeit- und kirchenhistorische Quelle bearbeitet und online gestellt: 10.729 digitalisierte Tagebucheinträge, 183 Beiblätter und 14.254 Kurzbiografien bieten nun ein facettenreiches Bild des einflussreichen Kirchenfürsten und stehen für weiterführende Forschungen bereit. 

Der Münchner Erzbischof Michael Kardinal von Faulhaber (1869-1952) prägte die Geschichte der katholischen Kirche über zahlreiche Umbrüche hinweg, vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg, die Weimarer Republik und den Zweiten Weltkrieg bis in die Besatzungszeit und die ersten Jahre der Bundesrepublik. Zwischen 1911 und seinem Tod 1952 führte er ein Besuchstagebuch – in der heute nahezu ausgestorbenen Kurzschrift Gabelsberger. Das interdisziplinäre Forschungsteam unter der Leitung der Professoren Andreas Wirsching (Institut für Zeitgeschichte München–Berlin) und Hubert Wolf (Universität Münster) transkribierte in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Langzeitprojekt die Aufzeichnungen aus der Gabelsberger-Stenografie und untersuchte die Netzwerke der in den Tagebüchern auftauchenden Personen. Unter www.faulhaber-edition.de sind Faulhabers Besuchstagebücher nun online komplett und kostenfrei zugänglich. 

Geistlicher und Seelsorger mit einer zentralen politischen Rolle

„Über die Tagebücher werden Person und Handeln des Kardinals in einer ansonsten kaum erreichbaren persönlichen Nähe verdeutlicht“, so die Bilanz von Projektleiter Andreas Wirsching. Faulhaber habe sich selbst zuallererst als Geistlicher und Seelsorger gesehen. Gleichzeitig spielte der Kardinal eine zentrale politische Rolle. Faulhabers Aufzeichnungen geben Auskunft über seine Sicht auf die politischen Umbrüche seiner Zeit. Nicht zuletzt aufgrund seiner eigenen traumatischen Erfahrungen während der Revolution 1918/19 stand Faulhaber der Weimarer Republik ablehnend gegenüber und vertrat dezidiert antidemokratische Positionen. Zwiespältig blieb sein Verhältnis zum NS-Regime, weswegen er in der jüngeren Vergangenheit erneut in die Kritik geraten ist:  Während er die NS-Ideologie als „Häresie“ ablehnte, nahm er Adolf Hitler selbst immer wieder in Schutz. Auch zu den Juden behielt Faulhaber ein ambivalentes Verhältnis. Über die 1941 auch in München einsetzenden Deportationen wusste der Kardinal ebenso Bescheid wie über die deutschen Massenmorde an der Ostfront, schwieg aber öffentlich zum Holocaust. Gegen den zunehmenden Verfolgungsdruck versuchte Faulhaber, getauften Juden („nichtarischen“ Christen) zu helfen. 

"Ein Porträt mit vielen Grauschattierungen"

Matthias Daufratshofer und Peer Oliver Volkmann, die beiden stellvertretenden Projektleiter, sehen die Online-Edition als erstrangige Quelle, um sich sachlich und differenziert mit Michael von Faulhabers oftmals widersprüchlichem Verhalten in den Zeitläuften der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auseinanderzusetzen. „An die Stelle eines eindimensionalen Schwarz-Weiß-Bildes dürfte nun ein Porträt mit vielen Grauschattierungen treten“, wie Daufratshofer betont.

Bei einer großen Abschlussveranstaltung in der Katholischen Akademie Bayern hatte die Öffentlichkeit Gelegenheit, das Projekt und sein Team kennenzulernen. Musikalisch umrahmt von Schülerinnen und Schülern des Münchner Wittelsbacher-Gymnasiums unter der Leitung von Anna Kagerer stellten Peer Oliver Volkmann, Hubert Wolf und Matthias Daufratshofer die Tagebücher und die geleistete Editionsarbeit vor. Eine weitere Schülergruppe aus dem Fachbereich Geschichte des Wittelsbacher-Gymnasiums unter der Leitung von Regina Schlemmer trug aus zentralen Tagebucheinträgen Faulhabers vor. Als Vertreter des Erzbistums München und Freising hob auch Generalvikar Christoph Klingan die Bedeutung der Online-Edition hervor. Sie leiste einen wesentlichen Beitrag zu einer „offenen und fachlich fundierten Diskussion“ über die Person Michael von Faulhabers.



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