Der Bestseller „Eine Frau in Berlin. Tagebuch-Aufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945“

Die Tagebuchaufzeichnungen der Anonyma umfassen den relativ kurzen Zeitabschnitt zwischen dem 20. April und dem 22. Juni 1945. Die im Stil der historischen Reportage gehaltenen Beobachtungen geben dicht beschriebene Einblicke in den Berliner Kriegsalltag am Ende der NS-Diktatur und schildern facettenreich die Eroberung der Stadt durch die Rote Armee aus subjektiv weiblicher Sicht. Die Kriegsereignisse, die die selbstbewusste Autorin genau beobachtete, notierte und mit viel Sinn für Pointen und Humor kommentierte, bestimmen die Struktur des Tagebuchs, das sowohl die Auflösung des „Dritten Reichs“, den ständigen Hunger, die Bombardierungen durch die Alliierten, den Einmarsch der Roten Armee und die Vergewaltigungen der Frauen, als auch den beginnenden Wiederaufbau und die Rückkehr in den friedlichen Alltag festhält. Ironischerweise beginnen die Einträge am 20. April, an Hitlers Geburtstag, und enden am 22. Juni, dem Jahrestag des Überfalls des nationalsozialistischen Deutschlands auf die Sowjetunion.
Die Originalität des Tagebuchs besteht in der permanenten Ambivalenz der Deutungen und der bissigen, scharfsinnigen Süffisanz der Autorin. Sie berichtet über die sexuelle Gewalt aus subjektiv weiblicher, feministischer Perspektive. Dabei lässt sich ihr Bericht weder in den deutschen Opfer- oder den antisowjetischen Diskurs des Kalten Krieges, noch in ein prosowjetisches Lager einordnen. Die Rote Armee ist in den Aufzeichnungen von Anonyma nicht nur für die Eroberung der Stadt und für die Vergewaltigungen verantwortlich, sondern auch für die Rettung vor dem Hungertod und für einen Neuanfang. Das Kriegsende, die Gewalt und die Beziehungen zwischen Siegern und Besiegten werden für ein Tagebuch ungewöhnlich sachlich, differenziert und manchmal geradezu schockierend kühl beschrieben.

Anonymas Sicht auf das Kriegsende, ihr mitleidloses, teilweise zynisches Herabschauen auf ihre Landsleute und der feministische Blick waren ihrer Zeit voraus: Als das Buch 1959 in dem kleinen Verlag von Helmut Kossodo auf Deutsch erschien, erfuhr es wenig Zuspruch. Die Auflage betrug 3.000 Stück und verkaufte sich schlecht.

Anders als in Deutschland war ihr Bericht in der englischsprachigen Welt gefragt. Die allererste Ausgabe des Tagebuchs erschien im Jahr 1954 in den USA. Marta Hillers' Freund Kurt W. Marek, der in dieser Zeit bereits als erfolgreicher Autor und Lektor vor Ort arbeitete, brachte die Tagebuch-Aufzeichnungen auf den amerikanischen und anschließend auf den englischen Buchmarkt. Das Buch erschien unter dem Titel „A Woman in Berlin“ mit Mareks Vorwort, in dem er die Authentizität des Tagebuchs bezeugte. Bald darauf folgten weitere Übersetzungen in zwölf Sprachen und Veröffentlichungen in Schweden (1955), Norwegen (1955), Holland (1955), Dänemark (1955), Japan (1956), Argentinien (1956), Italien (1957) und Finnland (1960). Hohe Auflagen wurden vor allem in den USA (294.500), Großbritannien (210.000), den Niederlanden (12.000) und Norwegen (7.000) verkauft.

In Deutschland wäre das Buch beinahe in Vergessenheit geraten. Seine weltweite Wiederentdeckung 44 Jahre später ist Hans Magnus Enzensberger zu verdanken, der die Neuausgabe in der „Anderen Bibliothek“ des Eichborn Verlags auf den Weg gebracht hat.



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