Marta Hillers - Journalistin, Chronistin, Schriftstellerin, Feministin?

Die Wiederentdeckung des Tagebuchs im Jahr 2003 und die Enttarnung der wahren Identität der Autorin lösten in Deutschland eine hitzige und mehrere Monate andauernde Debatte aus. Diese drehte sich zunächst um die moralische Zulässigkeit der Enttarnung einer Autorin, die anonym bleiben wollte, verlagerte sich dann aber relativ schnell auf die Frage, wer am Manuskript des Buchs mitgeschrieben habe und wie authentisch die Publikation noch sei. Wie glaubwürdig ist eine Frau, die offensichtlich keine passive Mitläuferin des NS-Regimes war? Wer war Marta Hillers in Wirklichkeit und was hat sie in der NS-Zeit gemacht?

In dem Tagebuch gibt sie selbstkritisch zu, im NS-Staat „mittendrin“ gewesen und „die Luft“ eingeatmet zu haben. Als Journalistin war sie wahrhaftig nicht nur eine passive, sondern eine aktive Mitläuferin, die im Propagandaapparat mitwirkte. Anfang der 1940er Jahre war Hillers in der Redaktion der Zeitschrift Freude und Arbeit, bei der Deutschen Arbeitsfront und dem Hilf-Mit-Werk tätig, bei denen sie u. a. mit diversen Wettbewerbsaktionen für Heereswaffen und die Marine für die „wehrgeistige Erziehung“ der Jugend sorgte. Sie schrieb auch in der Reichszeitung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes Der deutsche Erzieher.

Ihre Themen waren schon damals Frauen und Jugend. Doch die Sprache, der sie sich bediente, ist eine andere als im Tagebuch oder in ihren Nachkriegstexten. Sie passte sich den äußeren Umständen unter dem NS-Regime offensichtlich an. Als unverheiratete, weit gereiste und unabhängige Frau, die in ihren Artikeln auch einen emanzipatorischen Standpunkt einnahm (und besonders stark im „Tagebuch“ vertrat), entsprach sie jedoch in keiner Weise dem nationalsozialistischen Ideal.

Der Nationalsozialismus lehnte die Frauenemanzipation ab. „Das Wort von der Frauenemanzipation ist nur ein vom jüdischen Intellekt erfundenes Wort, und der Inhalt ist vom selben Geist geprägt“, erklärte Adolf Hitler auf einer Tagung der NS-Frauenschaft im September 1934. Der deutschen Frau war eine „kleine Welt“ zugedacht: ihr Ehemann, ihre Kinder und ihr Haus. Sie sollte diszipliniert und für ihre Bestimmung als Ehefrau und Mutter für die Gemeinschaft stets verfügbar, ihr untergeordnet sein. Männer hingegen dominierten als das starke Geschlecht die Öffentlichkeit.

Die Welt von Marta Hillers war alles andere als klein: Sie war unverheiratet, weltgewandt, hatte für ‚den Führer‘ keine Kinder geboren und führte ein für die damaligen Verhältnisse freizügiges Leben. In ihren jungen Jahren war sie weit und viel gereist (neben der UdSSR, war sie laut Einträgen ihres Reisepasses zu Beginn der 1930er Jahren in der Türkei, Belgien, Griechenland, Polen und Frankreich unterwegs). Spätestens im Tagebuch drückt sie ihr Missfallen über die männerbeherrschte, den starken Mann verherrlichende Naziwelt aus und spottet über die öffentliche Niederlage des starken Geschlechts.

Hillers hatte außerdem schon immer vor, Schriftstellerin zu werden – ein Wunsch, den sie vor allem nach dem Krieg zu verwirklichen suchte. Sie schrieb Drehbücher für Filme (unter dem Pseudonym „Moyland“), verfasste Hörspiele und kleinere Geschichten. Doch alle ihre literarischen Versuche blieben ohne großen Erfolg. Das Berliner Tagebuch sollte ihr bekanntestes Werk bleiben.

Ihre Themen und ihre Gabe zur scharfen Beobachtung, die sie entweder ins Bild – sie war auch eine Zeichnerin und leidenschaftliche Fotografin – oder als Journalistin ins Wort übersetzte, behielt Hillers jedoch weiterhin. Nach ihrem Umzug in die Schweiz verfasste sie eine Vielzahl an Artikeln, Fotoreportagen und Anekdoten für dortige Medien. Weiterhin gehörten Kinder und Jugend sowie Geschlechterverhältnisse zu ihren beliebten Themen. Als Journalistin war sie ziemlich unpolitisch. In ihren zahlreichen kleinen Fotoreportagen aus dem Baseler Alltag und in den sehr vielen Anekdoten mit Situationskomik, oft aus dem Kindermund, vertrat sie jedoch öfters einen emanzipatorischen Standpunkt. Ihr sarkastischer Stil, die typischen Pointen und die Beobachtungen von außen lassen sich an vielen Stellen erkennen (Staatsarchiv Basel-Stadt, PA 1009b C 3-2, C 3-3, C 3-5). In den 1970er Jahren beschäftigte sie sich mit Biografien von Hermann Hesse, Elisabeth La Roche, Isadora Duncan und Johanna Spyri, die sie zu den Radiohörspielen und teilweise zu Zeitungsreportagen verarbeitete (Staatsarchiv Basel-Stadt, PA 1009a).

Bis zu ihrem Tod blieb Marta Hillers eine weltoffene, stets reisende und unermüdlich tätige Frau mit vielen Gesichtern. Sie war Journalistin, beobachtende Chronistin, Schriftstellerin und Feministin in einer Person.



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