Verhältnis zu Kurt Marek

Welche Rolle spielte Kurt Marek (1915–1972), alias C.W. Ceram, bei der Veröffentlichung von Marta Hillers' Tagebuch und welches Verhältnis verband die beiden?

Zunächst ist festzuhalten, dass Marek und Hillers eine Leidenschaft fürs Schreiben teilten. Kurt Marek ist vor allem als Sachbuchautor unter dem Pseudonym „C.W. Ceram“ bekannt. Ausgebildet als Verlagsbuchhändler gründete er bereits mit 19 Jahren seinen eigenen Verlag in Berlin und war genauso wie Marta Hillers journalistisch für Zeitungen tätig. Marek predigte einen „unbarmherzigen Realismus“, die Ästhetik des Dokuments und war stets an Fakten interessiert, die er als junger Kriegsberichterstatter, „in praktisch jeder Höhe der militärischen Hierarchie zugegen“, in „höchsten Generalstäben“ und in den „mistigsten Frontlöchern“ sammelte und zu spannenden Dokufiktions verarbeitete (Zitate aus dem Brief Kurt Mareks an Martha Hillers vom 3.1.1966). Bekannt ist sein nach Tagebuchaufzeichnungen verfasstes Werk „Wir hielten Narvik“ aus dem Jahr 1941, das seine Erlebnisse während der Schlacht um Narvik festhielt und im Stil dem „Tagebuch“ der Anonyma ähnelt.

Auch Marek arrangierte sich mit dem NS-Regime. Er war in der Propagandakompanie der Luftwaffe zuerst in Paris, dann an der Ostfront und am Kriegsende in Italien stationiert. Als Kriegsberichterstatter schrieb er für eine Frontzeitung und war dabei recht erfolgreich. Darüber, ob er während des Kriegs eindeutige Kriegspropaganda betrieb, lässt sich jedoch streiten. Auch er war offensichtlich kein Regimekritiker, sondern schrieb Durchhalteparolen für die Frontzeitungen. Marek selbst spielte seine Erfahrung als Kriegskorrespondent auf die „rein deskriptive Darstellung von Erlebnissen ohne die geringste politische oder propagandistische Kommentierung“ herunter und stilisierte das Kriegsende als „das plötzliche Geschenk der intellektuellen Freiheit“.

Nachdem Marek Ernst Rowohlt kennengelernt hatte, arbeitete er 1946 als der erste Lektor bei der Neugründung des Rowohlt Verlags mit. Er war als Redakteur für das Feuilleton der WELT und für den NDR tätig und verfasste zahllose Artikel für Zeitungen und Zeitschriften. Weltberühmt ist er aber unter dem Pseudonym „C.W. Ceram“ mit dem Weltbestseller „Götter, Gräber und Gelehrte. Roman der Archäologie“ geworden, der 1949 im Hamburger Rowohlt Verlag erschien und es bis heute auf eine weltweite Auflage von mehr als fünf Millionen Exemplaren gebracht hat. Der Sachbuchroman wurde mit Übersetzungen in 28 Sprachen zum größten Bucherfolg der Verlagsgeschichte und verhalf dem neuen Genre des Tatsachenromans zum Durchbruch. Der anhaltende Ruhm zeigte sich u. a. auch in der Etablierung der Mode populärwissenschaftlicher archäologischer, prähistorischer Romane mit den neuen Wortschöpfungen „Ceramik“ oder „Ceramismus“.

1954 wanderte Marek frisch verheiratet mit seiner Frau Hannelore nach Amerika aus und lebte fast 17 Jahre in Woodstock im Staat New York. Dort schrieb er seinen zweiten Besteller „Der Erste Amerikaner“, der 23 Jahre später wieder im Rowohlt Verlag erschien. 1971 kehrte er nach Deutschland zurück. Im Alter von 57 Jahren starb er am 12. April 1972 in Hamburg an Herzversagen.

Marta Hillers und Kurt Marek kannten sich aus ihrer gemeinsamen journalistischen Zeit in Berlin. Beide verband ein sehr enges kollegial-freundschaftliches Verhältnis. Trotz der großen räumlichen Distanz nach der Auswanderung Mareks in die USA blieben Hillers und Marek durch einen erstaunlich intensiven Briefwechsel verbunden.

Neben privaten Erlebnissen tauschten sie Neuigkeiten aus der Welt der Literatur, Buchbesprechungen und Lesetipps aus und organisierten gegenseitige Buch- und Zeitungssendungen. In den 1950ern und Anfang der 1960er Jahre dominierte noch das Geschäftliche rund um Martas Tagebuch den Briefwechsel. Marek war nicht nur derjenige, der sie zur Publikation des Tagebuchs in Deutschland drängte. Er stand ihr als erfahrener Lektor und ehrlicher Freund stets mit Rat und Meinung zur Seite, spendete ihr Trost und immer wieder Mut, sich schriftstellerisch weiter zu versuchen, sparte dabei aber auch nicht mit Kritik. Er war von ihrem großen Talent überzeugt. Das „Tagebuch“ sollte nicht ihr letztes Buch sein. Aus Übersee munterte er sie immer wieder dazu auf, ihr offensichtlich zügelloses Leben der 1930er Jahre „schonungslos“ und „hemmungslos“, „unter voller Verwendung der Freiheit der Wörter“ zu einem selbstanalytischen Roman ähnlich des „Tagebuchs“ zu verarbeiten (siehe Mareks Brief an Hillers vom 20.3.1960).

Neben Mareks Rolle als Freund war er zweifelsohne ein „interessierter Dritter“, der an Hillers Tantiemen verdiente, und es ist gut möglich, dass er der Autorin bei der Vorbereitung des Buchmanuskripts mit einigen verlegerischen Tricks zur Seite stand. Dass er an dem Text mitgeschrieben haben soll, wie Jens Bisky insinuierte, ist angesichts der überlieferten Dokumente sehr unwahrscheinlich. Dagegen spricht auch die Tatsache, dass Hillers einen sehr sorgsamen Umgang mit ihrem Manuskript (und erst recht mit Original und Typoskript) pflegte. So überarbeitete sie die englische und französische Übersetzung selbst und gab nur von ihr autorisierte Texte frei. Dass jede, auch die kleinste Änderung des Manuskripts einer schriftlichen Zustimmung der Verfasserin bedurfte, war vertraglich geregelt.



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