Schreiben, wenn die Welt zerbricht

Die ersten Holocaust-Zeugnisse jüdischer Opfer: Analyse, Inventarisierung, Mapping

Tagebücher jüdischer Opfer des Holocaust gehören zu den eindrücklichsten Selbstzeugnissen dieser Zeit. Seit Jahrzehnten bilden sie eine zentrale Quelle für Forschende verschiedener Disziplinen. Gleichwohl sind sie bislang bis auf wenige Ausnahmen nicht als eigenständige Objekte untersucht worden. 

Viele diese Aufzeichnungen wurden unter Lebensgefahr heimlich verfasst. Sie wurden versteckt, aus Lagern und Ghettos herausgeschmuggelt und überdauerten häufig ihre Verfasserinnen und Verfasser. Diese Dokumente sind Ausdruck eines existenziellen Bedürfnisses, Zeugnis abzulegen - selbst dort, wo Sprache kaum Ausdrucksmöglichkeiten bietet, um das Geschehen adäquat zu bezeichnen.

Ihr wissenschaftlicher Wert liegt nicht allein darin, dass sie helfen, historische Ereignisse zu rekonstruieren. Sie ermöglichen darüber Einblicke in subjektive Wahrnehmungen, narrative Strategien und individuelle Verarbeitungsmechanismen während der Verfolgung und Vernichtung.

Das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Agence nationale de la recherche (anr) geförderte Projekt ist am IfZ unter der Leitung von Andrea Löw am Zentrum für Holocaust-Studien angesiedelt und wird in Kooperation mit dem Centre de recherches historiques der École des hautes études en sciences sociales, (EHESS, Leitung: Judith Lyon-Caen) durchgeführt. Zum deutsch-französischen Team gehören außerdem Juliane Niklas (IfZ), Stefan Leicht (IfZ), Sarah Gruszka (EHESS), Cécile Rousselet (EHESS) und Marie Moutier-Bitan (Université Caen Normandie) sowie Michael Pilarski (IfZ) für die technische Unterstützung. 

 

H-DIARIES verfolgt einen transnationalen und transdisziplinären Ansatz, der Perspektiven aus den Jüdischen Studien, der Literaturwissenschaft, der Philologie, der Geografie sowie den material culture studies miteinander verbindet. Im Zentrum stehen drei miteinander verknüpfte Arbeitsziele:

  1. Inventarisierung: Aufbau eines wissenschaftlich fundierten Korpus jüdischer Tagebücher aus der Zeit des Holocaust. In enger Zusammenarbeit mit internationalen Archiven und Forschungseinrichtungen entsteht eine digitale Datenbank, die sowohl der Forschung als auch der Lehre zur Verfügung stehen wird.
  2. Mapping: Zeitliche und räumliche Verortung der Tagebücher mithilfe digitaler Mapping-Verfahren. Die geokodierte Darstellung macht individuelle Erfahrungsräume sichtbar, zeigt diachrone Entwicklungen und ermöglicht vergleichende Analysen von Mikro- bis Makroebene.
  3. Analyse: Interdisziplinäre Untersuchung des Korpus aus historischer, biografischer, textueller, materieller und räumlicher Perspektive. Im Fokus stehen Erzählweisen, Formen der Selbstverortung und die Materialität der Zeugnisse.

Mit H-DIARIES entsteht ein innovatives Forschungstool von internationaler Relevanz, das den Zugang zu einer zentralen, bisher wenig systematischen erschlossenen Quellengattung erleichtert und neue Wege der Holocaustforschung eröffnet. Erste inhaltliche Analysen auf dieser Grundlage werden im Projekt bereits erfolgen.


Abbildungen:

  • Seite aus dem Tagebuch von Dawid Rubinowicz. Der zwölfjährige Dawid begann sein Tagebuch 1940 im besetzten Krajno. 1942 wurde die Familie gezwungen, im Ghetto Bodzentyn zu leben. Von dort wurde Dawid im selben Jahr nach Treblinka deportiert und ermordet. Quelle: Dawid Rubinowicz, Dos tog-bukh. Warschau: Książka i Wiedza 1960, unpaginiert.
  • Der Wiener Berthold Rudner, von Beruf Schlosser und freischaffender Journalist, führte im Ghetto von Minsk über ein halbes Jahr ein Tagebuch. Rudners weiteres Schicksal ist unbekannt. Sein Minsker Tagebuch befindet sich im IfZ.


© Institut für Zeitgeschichte
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