Tagebücher jüdischer Opfer des Holocaust gehören zu den eindrücklichsten Selbstzeugnissen dieser Zeit. Seit Jahrzehnten bilden sie eine zentrale Quelle für Forschende verschiedener Disziplinen. Gleichwohl sind sie bislang bis auf wenige Ausnahmen nicht als eigenständige Objekte untersucht worden.
Viele diese Aufzeichnungen wurden unter Lebensgefahr heimlich verfasst. Sie wurden versteckt, aus Lagern und Ghettos herausgeschmuggelt und überdauerten häufig ihre Verfasserinnen und Verfasser. Diese Dokumente sind Ausdruck eines existenziellen Bedürfnisses, Zeugnis abzulegen - selbst dort, wo Sprache kaum Ausdrucksmöglichkeiten bietet, um das Geschehen adäquat zu bezeichnen.
Ihr wissenschaftlicher Wert liegt nicht allein darin, dass sie helfen, historische Ereignisse zu rekonstruieren. Sie ermöglichen darüber Einblicke in subjektive Wahrnehmungen, narrative Strategien und individuelle Verarbeitungsmechanismen während der Verfolgung und Vernichtung.